Werbung

Jäger und Sammler

Mit den Eisernen durch die Bundesliga: Zu jedem Heimspiel schicken wir einen anderen Autor in die Alte Försterei - gegen den 1. FC Köln: Ulrike Henning

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 3 Min.

Nicht nur der Fußball ist ein Geschäft, auch rund um das Spiel geht es um Umsätze und Gewinn. Wenn im Stadion - wie am vergangenen Sonntag beim Hochsicherheitsspiel des 1. FC Union gegen den 1. FC Köln - nur alkoholfreies Bier ausgeschenkt wird, dann befeuert das den Verkauf von Getränken mit Prozenten drum herum umso mehr. Und dort wird dann nicht nur gezapft und ausgeschenkt, auch der Leergutsammelbetrieb läuft auf Hochtouren.

Schon am S-Bahnhof Köpenick stehen die ersten Einkaufswagen - und die ersten Recycling-Fachkräfte. Ein Mann mittleren Alters mit wärmender Mütze auf dem Kopf will lieber nichts erzählen: »Ick arbeite doch noch! Nich inne Zeitung!« Neben ihm sitzt eine rundliche Frau im Rollstuhl und verkauft rot-weiße Fanmützen, selbstgehäkelt. »Ich mach dit hier, weil ich mein ganzes Geld in die Apotheke bringe. Da muss man so viel zuzahlen!«, betont sie. »Man kann sich aber auch selber helfen, Honig mit Curcuma zum Beispiel«, entgegnet er. Dann vertiefen sie sich in ein Gespräch darüber, was alles noch heilsam ist und nicht aus der Apotheke kommen muss.

Weiter geht’s zum Stadion. Direkt vor der Bahnbrücke Richtung Waldseite der Alten Försterei steht ein junger Mann: dünn, auskunftsbereit, wenn auch etwas schüchtern. Fast wirkt Philipp, »mit zwei P am Ende«, zu schmal, um die großen Einkaufstaschen mit den Bierflaschen noch irgendwohin zu schleppen. Aber bis zum Anpfiff bleibt er hier stehen, eine Stunde noch. Wie seine Kollegen geht er systematisch vor: Bierflaschen in die eine Tasche, die wertvollen großen Plastebecher (»Die bringen 50 Cent!«) in eine andere. Philipp ist im »Ausbildungspraktikum Küche«, gehört also zu denen, die schon wissen, was schuften heißt. Und er kommt, wie auch andere vom Sammeltrupp, aus Berlin-Marzahn.

Vor der Abseitsfalle, die Fankneipe in der Hämmerlingstraße, wird professionell gezapft. Mehrere Einkaufswagen, bereits halb voll mit Leergut, stehen am Rand des improvisierten Biergartens. Ein alter, gebeugter Mann mit wettergegerbtem Gesicht winkt ab: »Dziękuję, gutten Tagg«, sagte er und geht weiter, um nach Leergut Ausschau halten.

Kurz vor dem Stadion warten an der Waldseite weitere Jäger und Sammler. Eine große, leicht schwankende Gestalt mit schwarzem Hipsterbart und langem Kapuzenmantel, murmelt »Mówim po polsku« und fügt würdevoll hinzu: »I’m working with my colleague.« Neben einem schon gut gefüllten Einkaufswagen sitzt eine freundliche schwarzhaarige Frau, mit rundem Gesicht und dunklen Augen. Sie ist mit ihrem Freund hier. Der wohnt in Köpenick - und sie hilft ihm. Severine ist EU-Rentnerin, »aber ich habe auch mal gearbeitet«. Darauf legt die Marzahnerin Wert. Und ein paar Euro zusätzlich kann sie schon brauchen. »Wir wollen irgendwann auch mal ins Stadion und ein Spiel sehen«, formuliert sie einen Wunsch, von dem es scheint, dass er so schnell nicht in Erfüllung gehen wird.

Dann kommt Union-Wolle, ihr Freund, mit noch einigen leeren Bierflaschen. Die Fans laufen nun schon dicht gedrängt, aber das Leergut wird ganz sorgsam in den Einkaufswagen gelegt. Der Umgang mit den Flaschensammlern ist freundlich, als ahnten die Unioner: Was Menschen zu dieser Art Existenzbehauptung zwingt, ist gar nicht so weit vom eigenen Alltag. Wolle, respektive Wolfgang, schnappt sich eine leere Bierdose vom Wegesrand. »Mein Rekord war mal bei einem Doppelspiel 113 Euro«, verweist er auf einen früheren Erfolg. »Drei Jahre mache ich das schon.«

Fast drei Stunden, zwei Andersson-Union-Tore und damit einen Heimsieg später, treffe ich das Pärchen gut gelaunt im nahe gelegenen Einkaufszentrum auf der Rolltreppe wieder. »75 Euro!«, ruft Union-Wolle triumphierend. »Und noch einen schönen zweiten Advent!«, grüßt Severine lächelnd.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Als unabhängige linke Journalist*innen stellen wir unsere Artikel jeden Tag mehr als 25.000 digitalen Leser*innen bereit. Die meisten Artikel können Sie frei aufrufen, wir verzichten teilweise auf eine Bezahlschranke. Bereits jetzt zahlen 2.600 Digitalabonnent*innen und hunderte Online-Leser*innen.

Das ist gut, aber da geht noch mehr!

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen und noch besser zu werden! Jetzt mit wenigen Klicks beitragen!  

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!