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Wohin steuert das selbstfahrende Auto?

Erste Konferenz zur »künstlichen Intelligenz« in der Potsdamer Staatskanzlei

  • Von Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 4 Min.

Früher stand in den sozialistischen Staaten das Kürzel KI für Kommunistische Internationale, heutzutage steht es für »künstliche Intelligenz«. Wie diese künstliche Intelligenz entwickelt und genutzt werden kann, das war am Montag Gegenstand einer Konferenz in der Potsdamer Staatskanzlei. Der für die Digitalisierung zuständige Staatssekretär Thomas Grimm hatte dazu Fachleute aus Nah und Fern eingeladen. Bei der Begrüßung der Teilnehmer eröffnete der 35-Jährige, dass dies sein erster Auftritt im neuen Amt sei.

Künstliche Intelligenz sei ihm in den Filmen »Enterprise« und »Matrix« erstmalig begegnet, das heißt auch ihr bedrohlicher Aspekt. Es gelte eine Entwicklung anzusteuern, jenseits von überzogenen Erwartungen oder Panikmache, sagte Grimm. Seit vor mehr als 20 Jahren ein Computer den damaligen Schachweltmeister Garri Kasparow geschlagen habe, schäle sich heraus, dass Maschinen schneller als der Mensch Daten erfassen und verarbeiten können. »Die Digitalisierung ist die Revolution unserer Zeit. Kaum ein anderes Thema wird derzeit so angeregt diskutiert«, sagte Grimm. »Sie ist längst angekommen in unserem Alltag. Sprachsteuerung im Auto, Texterkennung im Büro, virtuelle Assistenz im Internet.« Aber was für viele längst normal sei, sehen andere als Zeichen einer »entmenschlichten Gesellschaft«. Viele seien auch besorgt, KI könne den Menschen entbehrlich machen. Doch künstliche Intelligenz könne für den Menschen ein Hilfsmittel sein, ihn aber nicht ersetzen.

Die Anwendung der künstlichen Intelligenz in den Bereichen Medizin, Verwaltung und Mobilität wurde bei der Konferenz behandelt und dabei auch die Frage, wohin ein selbstlenkendes Auto in einem speziellen Fall steuert, wenn ein Unfall unvermeidbar ist. In die junge Familie hinein oder in eine Gruppe Senioren?

Digitalisierung funktioniere nur mit Vertrauen und mit der Gewährleistung von Sicherheit, hatte Grimm zuvor erklärt. Professor Daniel Feser aus Göttingen wich der Frage nach dem Unfall insofern aus, als es sich ihm zufolge um eine Frage handele, deren Antwort man »schon als Mensch nicht verantworten« könne. Die meisten Autofahrer würden im ersten Reflex bestrebt sein, zuerst sich selbst zu schützen. Ein selbstfahrendes Auto müsste so programmiert sein, dass es im beschriebenen Fall eine Entscheidung trifft. Damit bleibt aber die Frage unbeantwortet, ob Autohersteller ihre Kunden, also die Insassen der Fahrzeuge durch die Programmierung maximal absichern - ganz egal, was diese Eigensicherung außerhalb des Autos für andere Verkehrsteilnehmer bedeutet.

Zu erfahren war, dass inzwischen 28 Prozent der deutschen KI-Unternehmen in Berlin und Brandenburg sitzen, in Bayern 17 Prozent, in Nordrhein-Westfalen 15 Prozent und in Baden-Württemberg zehn Prozent. Mit einem Gesamtumsatz von 500 Millionen Euro bewegen sich die in der Hauptstadtregion konzentrierten KI-Firmen auf einer Ebene mit der Kaffee-Vertriebsbranche und der Medizintechnik, liegen aber deutlich hinter der Pharmaindustrie zurück, die hier insgesamt 7,5 Milliarden Umsatz im Jahr macht.

Von der Vision »länger und gesünder leben durch künstliche Intelligenz« war der Vortrag von Professor Christoph Lippert vom Hasso-Plattner-Institut bestimmt. Lippert zufolge wird irgendwann der Vergangenheit angehören, dass der Mensch quasi auf eine Krankheit warte und bei bestimmten Symptomen zum Arzt gehe, der für ihn wenig Zeit habe und vielleicht bei der Diagnose falsch liege.

Dieses System sei extrem ineffizient und gerade bezogen auf gefährliche Krankheiten wie Krebs könne es oft zu spät sein, auf die spürbaren Symptome zu warten. Lippert trat für die Installierung eines Frühwarnsystems ein, das den Menschen rundrum erfasse, seine Herkunft, seine Lebensweise im Blick habe und daraus die Wahrscheinlichkeit für früher oder später eintretende Krankheiten errechne. Auch unter Einbeziehung der Krankheitsgeschichten in der Familie könne man die Wahrscheinlichkeit beispielsweise des Auftretens einer Alzheimer-Erkrankung bestimmen. »Das Alter ist immer noch der größte Risikofaktor beim Auftreten von Volkskrankheiten«, erläuterte Lippert.

Ein weiteres Anwendungsfeld der künstlichen Intelligenz wären die Spracherkennung und die automatische Übersetzung fremdsprachiger Texte. Damit wären auf Dauer Dolmetscher überflüssig. Die Digitalisierung werde Arbeitsplätze nicht unbedingt vernichten, auf jeden Fall aber verändern, zeigte sich Staatssekretär Grimm überzeugt.

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