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»Straßenkämpfe« sind allgegenwärtig

In vielen deutschen Städten wird mit hoher Emotionalität über Umbenennungen von Wegen und Straßen gestritten

  • Von Dieter Hanisch
  • Lesedauer: 4 Min.

Wissenschaft tut den derzeit vielen bundesweit geführten Diskussionen um Straßenumbenennungen durchaus gut. Dieses Fazit lässt sich aus der Veranstaltung »Antidemokraten auf Straßenschildern« ziehen, zu der am Montag in den Kieler Landtag eingeladen wurde. An unterschiedlichsten Orten werden die »Straßenkämpfe« mit hoher Emotionalität geführt. Ein Umstand, der im Zeitalter von sozialen Medien eher zu- statt abnimmt.

Als Gastgeber traten im Landtag die Initiative »Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V.« sowie die Landeszentrale für politische Bildung auf. Gesprächspartner waren mit Saskia Handro von der Universität Münster, Rainer Pöppinghege von der Uni Paderborn sowie Jan Schlürmann als Referent des schleswig-holsteinischen Landtagspräsidenten drei Historiker, die versuchten, mit Fakten für eine Versachlichung des Themas zu sorgen. Das Trio berichtete von diversen »belasteten« Namen und Namensgebern. Und doch kreiste den ganzen Abend lang vieles um das bundesweit wohl prominenteste Beispiel: Paul von Hindenburg, Militarist und Reichspräsident, der Adolf Hitler 1933 offiziell zum Reichskanzler ernannte und sich damit in die Rolle des Steigbügelhalters des Diktators begab.

Pöppinghege stellte generell fest, dass die Umbenennungsdebatten im Promillebereich liegen. Unter ca. 1,3 Millionen innerstädtischen Straßennamen sind Frauen deutlich unterrepräsentiert. Das hat sich erst in den vergangenen Jahren verbessert. Um dieser Statistik angemessen zu begegnen, hat Rostock laut Pöppinghege beispielsweise beschlossen, für die Straßenbenennung in Neubaugebieten eine Quotierung von Frauennamen vorzunehmen.

Entlarvend für einen über Jahrzehnte währenden Militärgeist ist weiterhin das Vorfinden von Generalsnamen im Straßenbild. Aus dem Publikum wurde die Liste noch um Beispiele wie Exerzier- oder Paradeplätze ergänzt. Pöppinghege war es auch, der vermeintlich geografische Straßennamen in einen belastenden Zusammenhang verortete. Dies findet sich unter anderem beim Blick auf ganze Stadtviertel, wo nebeneinander beispielsweise die Wiener Straße, die Salzburger Straße und die Innsbrucker Straße zu finden sind. Die Namen rühren jedoch vom sogenannten Anschluss Österreichs ans Dritte Reich (die sogenannte »Ostmark«) her und werden seit Ende der 1930er Jahre bis heute nicht hinterfragt. Offenkundiger ist das Beispiel einer heute immer noch anzutreffenden »Ostlandstraße«.

Überhaupt lohnt nicht nur der Blick auf den Zeitpunkt einer Benennung, sondern auch der genaue Kontext. Eine Veranstaltungsbesucherin nannte ein Beispiel aus Kiel-Schilksee: Sie wohnt in der Nähe eines Seehund- und Seeadlerweges. Doch ein unverdächtiger Hintergrund aus der Fauna erscheint mehr als fraglich, wenn in unmittelbarer Nachbarschaft die Graf-Luckner-Straße verläuft. So handelt es sich doch eher um eine Bezugnahme auf die kaiserliche Kriegsmarine (Schiffsnamen), zumal dort auch der Seeteufelweg zu finden ist - die Bezeichnung, die dem heroisierten Marineoffizier Luckner im Ersten Weltkrieg angehaftet wurde. Dessen Straßenname gehöre ohnehin verbannt, weil er pädophil war und Inzucht betrieben habe, so die Besucherin. Ein entsprechendes Gutachten liegt tatsächlich seit 2005 in Halle/Saale vor. Diese Umbenennungsdiskussion läuft in der Landeshauptstadt seit 2015 - ein Ende ist derzeit nicht abzusehen, zumal sich die Stadt mit langjähriger Marinetradition auch noch eine Stele mit seinem Bildnis »leistet«.

Koloniale Bestrebungen etwa in Afrika und deren Geschichtsbewältigung kamen derweil ebenso zur Sprache. Pöppinghege berichtete, dass aktuell im früheren Deutsch-Südwest-Afrika, heute Namibia, mehrere deutsche Straßennamen getilgt werden.

Schlürmann outete sich als früherer Gegner der Umbenennung vom Kieler Hindenburgufer zu nunmehr Kiellinie. Das Gutachten des Historikers Wolfram Pyta über den früheren Reichspräsidenten habe ihn aber von der Richtigkeit des 2014 beschlossenen Namenswechsels überzeugt. Er wünschte sich bei all den andauernden Diskussionen mehr feste Beurteilungskriterien für Umwidmungen, zugleich aber auch größere Anstrengungen, etwaige Entscheidungen im Konsens zu treffen.

Handro hatte für Kommunalpolitiker einen ganz pragmatischen Vorschlag für künftige Straßenbenennungen: So wie in den 1950er Jahren viele Straßen mit Bezugnahmen zu Vertriebenen aus Osteuropa auch eine Integrationsaufgabe besaßen, könne man heute bei der Integration von Zuwanderern und Geflüchteten ähnlich verfahren.

Günter Neugebauer als Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft von »Gegen Vergessen - für Demokratie e.V.« animierte Kommunalpolitiker, aber auch Lehrkräfte im Schulalltag, das gesamte Thema regionalhistorisch aufzuarbeiten. Dabei sollte man auch die Frage stellen, wer genau seinerzeit für eine Benennung nach einem aus heutiger Sicht »belasteten« Straßen- oder Wegenamen gestimmt hatte. Ebenso wichtig sei es dann, die damaligen Gründe zu hinterfragen. Die Beschäftigung mit solchen analytischen Details helfe seiner Ansicht nach gegen gesellschaftliche Kräfte, die Geschichte verdrängen, verharmlosen, verfälschen und verunglimpfen. Dabei nannte Neugebauer ausdrücklich die AfD.

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