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Entschuldigen Sie, ist das der Sonderzug …

Roberto J. De Lapuente über den verpassten Anschluss der Deutschen Bahn und EC-Kartenzahlung im Bordrestaurant

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.

So lange ist das noch nicht her, da hat sich die Deutsche Bahn ein bisschen großzügig vor die Öffentlichkeit gestellt und verkündet, dass in ihren Intercity-Express-Zügen künftighin auch kostenfreies Internet geboten sein wird. Anfang 2017 war das. Vorher hat man für eine nicht sonderlich stabile Verbindung richtig Geld hinlegen müssen. Teilweise musste man für zwei Stunden mobile Zeit acht Euro berappen. Was Reisende im Laufe vieler Jahre da in ihre Erreichbarkeit gesteckt haben, kann man sich ausrechnen.

Aber vor knapp drei Jahren war das alles vorbei, da kam die Bahn an. Nicht immer am Bahnhof zwar, aber wenigstens in der Zukunft, im technologischen Utopia. Damit warb sie dann auch großkotzig, als ob ein Internetzugang 2017 noch etwas war, was man sonst nirgends bekam.

Im Sauseschritt geht es jetzt weiter. Ab 2020 soll man dann in den Bordrestaurants auch mit EC-Karte bezahlen können. Einfach so, ganz ohne Bargeld. Verrückt, wie sich die Welt doch verändert. Mit einem Stück Plastik bezahlen, ganz so, als ob es richtige Penunze wäre. Gut, das macht die halbe, nun ja eigentlich wahrscheinlich sogar die ganze Welt schon seit Jahrzehnten. Aber in einem Zug der Deutschen Bahn ist das Neuland. Da gab es das bislang noch nie.

Irgendwie hat die DB von heute was vom Zentralkomitee von gestern. Als Erich Honecker 1988 den sieben Millimeter großen Ein-Megabit-Chip des VEB Carl Zeiss Jena mit Begeisterung als »hervorragenden Beitrag im Wettlauf mit der Zeit« auszeichnete, war das Ding schon längst veraltet. Im Westen produzierte man in jenen Tagen bereits Speicher mit vier Megabit. Dennoch stellte man sich als Hochtechnologieproduzent zur Schau, als neuer Standort für Mikroelektronik. Eine Massenproduktion galt es aber indes nicht ins Auge zu fassen: Sie war schlicht nicht umsetzbar.

Klar muss man die Bemühungen der DDR-Wissenschaftler lobend hervorheben. Was den internationalen Wettbewerb betraf, lagen sie im Rückstand – und sie haben quasi aus dem Nichts ein bisschen Anschluss hergestellt. Jedenfalls in der Theorie. In einer Mangelwirtschaft etwas zu basteln, erweist sich ja gemeinhin auch nicht als ganz einfach.

Der Vergleich hinkt sicherlich, aber vielleicht sollte man die Deutsche Bahn ganz genauso einschätzen. Auch sie bietet ihre Dienste im Mangel an. Einem ganz speziellen Mangel freilich: dem Mangel an Investitionsbereitschaft. Da jetzt endlich mal in der Zukunft anzukommen und mit Internet und Kartenzahlung aufzuschließen, stellt ja auch eine Leistung dar. Dass sie in einer Zukunft angelangt, die andernorts schon wieder zur Vergangenheit gehört, muss man ja nicht zu laut betonen.

Als Wessi kann ich das nicht so gut einschätzen, oder sagen wir lieber, ich ziere mich ein bisschen, weil es im Lande Millionen gibt, die es erlebt haben, während ich es nur aus Erzählungen weiß. Aber es gibt so einige, die immer wieder behaupten, dass unsere politische und wirtschaftliche Führung von heute schon ein wenig so reagiert, wie jene Greise aus dem Politbüro. Man faselt sich die Zukunft schön, strahlt Siegesgewissheit aus und ist parallel damit beschäftigt, den Wirtschaftsstandort mit Sparpolitik und Lohnzurückhaltung auszuhebeln.

Ob nun die Bahn, die endlich die EC-Karte entdeckt oder eine Verkehrs- und Wirtschaftspolitik, die über Jahrzehnte die Automobilbranche unbehelligt lässt und deren veralteten Kurs zu tragen und zu flankieren: Das sind Zeichen von Realitätsverweigerung – oder, wenn es sich chronisch einstellt, sogar von Realitätsverlust. Und diese Haltung scheint sich mehr und mehr zu etablieren. Die Realität scheint ein Ort zu sein, der weniger mit der Wirklichkeit als mit den verzückten Ausschmückungen durch gestrige Entscheidungsträger zu tun hat.

Entschuldigen Sie, ist das der Sonderzug in die Zukunft? Wir müssen mal eben dorthin. Man wird aber den Eindruck nicht los, dass alle anderen schon dort sind. Nur in unserem Hochtechnologieland harrt man gerne im Gestern aus. In Bulgarien gibt es ein geschlossenes Netz, man ist auch in der Pampa online – hierzulande haben wir allerdings so sehr den Anschluss verloren, dass die DB erst jetzt mit EC-Kartenzahlung loslegen kann. Und vielleicht sogar scheitert – Funklöcher lassen grüßen.

Das alles sind aber nur Sorgen, wenn die Bahn pünktlich oder überhaupt kommt. Aber das ist eine andere Episode dieser an sich sehr traurigen Geschichte …

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