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Rote Flaggen für die Impfung

Im Pazifikstaat Samoa wurden die Masern von der Bevölkerung nicht ernst genommen

  • Von Barbara Barkhausen, Sydney
  • Lesedauer: 3 Min.

Samoas Hauptstadt Apia wirkte Ende vergangener Woche wie eine Geisterstadt. Nur wenige Menschen trauten sich auf die Straße. Die Regierung des Pazifikstaates bat alle Arbeitnehmer, wenn möglich zu Hause zu bleiben. Beamte gingen von Haus zu Haus, um Impfungen gegen die Masern zu verabreichen. Familien, die noch eine Impfung brauchten, waren aufgefordert, eine rote Flagge vor die Tür zu hängen.

Bisher sind bei der Masernepidemie, die den Inselstaat seit Wochen fest im Griff hat, 71 Menschen ums Leben gekommen. Die meisten der Opfer sind jung, über 50 Kleinkinder unter vier Jahren sind gestorben.

Bis Mittwoch waren über 4898 Masernfälle gemeldet worden. Der Premierminister des Landes, Tuilaepa Sailele Malielegaoi, bestätigte Medienvertretern gegenüber, dass die Impfaktion in der Geschichte seines Landes bisher einzigartig ist. Bis Mittwoch seien 91 Prozent der Bevölkerung geimpft worden.

Viele Menschen hätten unterschätzt, dass Masern tödlich sein könnten und Warnungen über Radio und Fernsehen nicht ernst genommen, sagte er. Andere hätten sich mit der Krankheit an traditionelle Heiler gewandt. »Einige unserer Leute besuchen traditionelle Heiler, die glauben, Masern seien eine typische Tropenkrankheit, was aber nicht der Fall ist«, sagte der Premierminister. Normalerweise werden Reisende in Samoa vor Viruserkrankungen gewarnt, die von Mücken übertragen werden, darunter die Zika-Virus-Infektion, Dengue-Fieber und Chikungunya-Fieber.

Die Viren kamen vermutlich aus Neuseeland in den Pazifikstaat. Laut dem Ministerium für auswärtige Angelegenheiten und Handel reiste der erste Infizierte Ende August aus Neuseeland ein. In Samoa fiel die Viruserkrankung aufgrund einer geringen Impfrate auf fruchtbaren Boden.

Erst im vergangenen Jahr hatte die Regierung Samoas die Masernimpfung für mehrere Monate ausgesetzt, nachdem zwei Kinder nach einer Impfung gestorben waren. Später wurde jedoch festgestellt, dass die zuständigen Krankenschwestern einen schwerwiegenden Fehler gemacht hatten. Sie hatten das Impfpulver mit einem abgelaufenen Anästhetikum gemischt und die Babys so getötet. Die beiden Frauen wurden wegen Totschlags schuldig gesprochen und zu Haftstrafen verurteilt.

Bereits im November musste die Regierung des tropischen Staates die Krankheit als Epidemie einstufen und den Notstand ausrufen. Kurz danach riefen die Behörden auch eine Impfpflicht aus. Über 50 000 Menschen wurden seitdem geimpft. Das Ziel ist, jeden unter 60 Jahren zu impfen. Insgesamt leben rund 200 000 Menschen in dem pazifischen Inselstaat, der bis zum Ersten Weltkrieg über 14 Jahre lang eine deutsche Kolonie war. Das Gesundheitssystem ist von der Epidemie jedoch völlig überfordert. In der letzten Umfrage, die zwischen 1997 und 2010 durchgeführt wurde, kamen auf 100 000 Menschen gerade mal 48 Ärzte und 185 Krankenschwestern und Hebammen. Australien, Neuseeland und Hawaii haben deswegen neben Impfstoffen auch Ärzte und Krankenschwestern in den Pazifikstaat entsandt. Die Weltbank kündigte eine Unterstützung von 3,5 Millionen US-Dollar an.

Menschen gelten zu 99 Prozent als immun, wenn sie zwei Dosen des Masern-, Mumps- und Rötel-Impfstoffs (MMR) erhalten haben. Masern sind hoch ansteckend. Wer mit einem Infizierten in Kontakt kommt und selbst nicht geimpft ist, holt sich die Krankheit schon aus einigen Metern Entfernung über Speicheltröpfchen in der Luft, die sich über Husten, Niesen oder Sprechen verbreiten.

Einmal angesteckt, bricht die Krankheit nach wenigen Tagen aus und meldet sich zunächst mit hohem Fieber, Husten, Schnupfen und Halsschmerzen an. Nach einigen Tagen kommt der bekannte rötliche Hautausschlag dazu, der sich über den gesamten Körper ausbreitet.

Da die Krankheit auch das Immunsystem schwer schädigt, können Komplikationen wie Atemwegs- oder Lungenentzündungen entstehen. Vor allem die gefährliche Gehirnentzündung führt dann oft zum Tod.

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