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Lidice und Terezin

  • Von Raimon Brete
  • Lesedauer: 2 Min.

Mit großer Bestürzung und Unverständnis habe ich von der Maßnahme des Berliner Finanzamtes gelesen, der VVN-BdA die Gemeinnützigkeit zu entziehen. Hierbei handelt es sich um einen völlig unverständlichen Akt der moralischen Barbarei gegenüber den Opfern des Faschismus. Wie konnte eine solche Maßnahme unter einem rot-rot-grünen Bündnis und dazumal in der deutschen Hauptstadt getroffen werden, von wo aus vor über 85 Jahren unendliches Leid über die Völker Europas gebracht worden ist?

Ich bin seit 1999 Mitglied in der VVN-BdA und seit Jahren im Vorstand in Chemnitz aktiv. Wir haben gute Verbindungen nach Lidice und Terezin, zwei Orte in Tschechien, die grausame Erfahrung mit dem deutschen Faschismus gemacht haben.

Nach dem Attentat tschechischer Widerstandskämpfer auf Reinhard Heydrich, Leiter des Reichssicherheitshauptamts und stellvertretender »Reichsprotektor von Böhmen und Mähren«, wurden am 9./10. Juni 1942 in einer »Vergeltungsaktion«, wie es im Nazijargon hieß, 173 männliche Einwohner von Lidice ermordet, Frauen, darunter Schwangere, sowie Kinder ins KZ Ravensbrück deportiert, der Ort komplett niedergebrannt. Heinrich Mann verfasste noch im gleichen Jahr seinen Roman »Lidice«, der österreichisch-amerikanische Komponist Max Brand komponierte eine »Ballade für Lidice«. Nach dem Krieg gab es eine einmalige und erfolgreiche Suche nach den »Kindern von Lidice«. Und 2001 wurde für sie vor Ort ein Denkmal errichtet.

In der alten tschechischen Garnisonsstadt Terezin errichteten die Nazis ihr berüchtigtes Ghetto Theresienstadt, als Sammel- und Durchgangslager nach Auschwitz. Dort litten über 140 000 vorwiegend jüdische Menschen, darunter etwa 15 000 Kinder. Im Ghetto wurde über 50 Mal die von Hans Krása komponierte »Kinderoper« aufgeführt. Die Hauptdarsteller waren die jüngsten Häftlinge. An unseren Fahrten nach Lidice und Terezin nehmen auch oft Jugendliche teil, was uns Ältere sehr erfreut.

Darüber hinaus haben wir vom VVN-BdA Chemnitz auch Publikationen herausgebracht, sowohl über unseren Auschwitz-Überlebenden Justin Sonder und über Erich Knorr (2012 verstorben), der in der NS-Zeit Häftling im Zuchthaus Zwickau und Waldheim war und 1943 ins Strafbataillon 999 gepresst worden ist, als auch Broschüren mit Kindern ermordeter Widerstandskämpfer, so Sieglinde Helmsdorf und Karl Stark, veröffentlicht. Wir kämpften um eine Gedenkstätte im ehemaligen KZ Sachsenburg sowie den Erhalt anderer Orte antifaschistischen Widerstands. Diese Arbeit ist mit finanziellen Aufwendungen verbunden, die uns nunmehr zentral beschnitten werden sollen.

Ich erwarte eine Rücknahme der Entscheidung des Finanzamtes. Und ich erwarte seitens des Bundesvorstandes der LINKEN als auch der Koalitionäre im Berliner Senat eine eindeutige Positionierung.

Raimon Brete, Jg. 1947, ist Rentner »mit Ehrenamt« in Chemnitz.

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