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Ende des Atomzeitalters

Der Forschungsreaktor des Helmholtz-Zentrums in Wannsee ist stillgelegt

  • Von Jérôme Lombard
  • Lesedauer: 3 Min.

Bei den Mitgliedern der Anwohnerinitiative »Atomreaktor-Wannsee-Dichtmachen« knallten diese Woche die Sektkorken: Der Atom-Forschungsreaktor BER II im Ortsteil Wannsee im Bezirk Steglitz-Zehlendorf ist endgültig vom Netz. Am Mittwochnachmittag schalteten die Wissenschaftler vom Berliner Helmholtz-Zentrum (HZB) im Südwesten Berlins die Anlage zur Uranspaltung nach 46 Jahren des Betriebs ab.

Der Vorgänger des 1973 eingeweihten Forschungsreaktors war bis zu dessen Inbetriebnahme bereits seit 1958 aktiv gewesen. Als offizielle Begründung für das Aus des Reaktors hieß es vom HZB, dass die Anlage in die Jahre gekommen und eine Sanierung für eine zeitgemäße Nutzung in der Zukunft schlichtweg zu teuer sei. In der Abwägung finanzieller Ressourcen hätten heute auch Röntgenquellen wie Berlins Elektronenspeicherring »Bessy II« in Adlershof ein größeres Zukunftspotenzial als eine Neutronenquelle - und das ganz ohne Kernbrennstoff und Spaltung von Uran.

»Wir sind sehr glücklich und auch, ehrlich gesagt, sehr erschöpft«, sagte Delphine Scheel von der Initiative gegen den Atomreaktor in einer ersten Reaktion. Die besorgten Anwohner hatten immer wieder auf das Sicherheitsrisiko hingewiesen, das der Atomreaktor in ihrer Nachbarschaft darstellt. Sogar von internen Störfällen, die das Helmholtzzentrum nicht öffentlich gemacht habe, war die Rede.

Tatsächliche führt das Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit insgesamt 79 meldepflichtige Ereignisse für die Anlage auf. Wirklich gefährlich sei davon aber kein einziges gewesen, hieß es stets von Seiten der Wissenschaftler am HZB.

Trotz aller Freude über die erfolgte Abschaltung des Reaktors bleibt bei den Anwohnern die Sorge um die Zukunft des Areals und die hoch radioaktiven Rückstände, die der Reaktor hinterlässt.

»Am Ende bleibt für uns und nachfolgende Generationen nur unendlicher Müll von Neutronenforschern«, stellte die Initiative resigniert fest. Es müsse jetzt eine transparente wissenschaftliche Bilanzierung der Arbeit des Forschungsreaktors geben, fordern die Anwohner. Als Initiative wollen sie auch weiterhin aktiv bleiben. Rund alle zwei Monate soll es nach wie vor Treffen geben, bei denen diskutiert werden soll, wie der Rückbau ablaufen soll.

Tatsächlich wir der Rückbau der Anlage in Wannsee viele Jahre in Anspruch nehmen. Denn mit dem Herunterfahren der Turbinen am Mittwochnachmittag ist es noch lange nicht getan: Die Berliner Brennelemente bleiben stark radioaktiv und strahlend. Plutonium etwa, das als radioaktives Spaltprodukt im Berliner Forschungsreaktor verwendet wurde, hat eine Halbwertzeit von mehr als 25 000 Jahren.

Voraussichtlich in fünf bis sechs Jahren sei die Anlage brennelementefrei, schätzen Experten. Erst danach könne mit dem Abbau des Reaktorgebäudes begonnen werden. Die Reste werden dann aller Voraussicht nach zunächst in ein Zwischenlager in Nordrhein-Westfalen gebracht. Später sollen sie dann im Endlager für schwach radioaktive Stoffe »Schacht Konrad« bei Braunschweig entsorgt werden.

Rund 240 Millionen Euro veranschlagt das HZB für die Rückbauaktionen. Den größten Teil davon wird der Bund übernehmen. Sollte alles nach Plan laufen, könnte dort, wo das Reaktorgebäude heute steht, ab 2033 ein grüner Park entstehen.

Aus der Berliner Politik kamen unterdessen positive Reaktionen auf das Aus des Forschungsreaktors im Stadtgebiet. »Die Abschaltung des Reaktors BER II in Wannsee ist wichtig, wenn auch nur der erste Schritt«, sagte der innenpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion und Abgeordnete aus Steglitz-Zehlendorf, Benedikt Lux. Trotzdem der Reaktor jetzt endlich vom Netz sei und vor Ort kein Uran mehr gespalten werde, bestünde jedoch weiterhin ein Sicherheitsrisiko für Mensch und Umwelt durch hoch radioaktiven Müll.

»Der Rückbau wird Jahrzehnte dauern und eine Lösung für die Endlagerung der hoch radioaktiven Stoffe ist noch nicht in Sicht«, konstatierte Lux. Mit dem Aus für den Forschungsreaktor in Berlin gibt es nur noch in München eine vergleichbare Anlage zur wissenschaftlichen Uranspaltung. Alle anderen deutschen Forschungsreaktoren sind vom Netz.

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