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Probleme bei der Schrankkontrolle

Die »Berliner Zeitung« kämpft mit der Vergangenheit ihres neuen Verlegers

  • Von Christof Meueler
  • Lesedauer: 4 Min.

Der Umbau der »Berliner Zeitung« zu einer Spezialzeitung der Eheleute Silke und Holger Friedrich geht weiter. Seit sie sich im September den Berliner Verlag gekauft haben, sind die beiden ein großes Thema in der »Berliner Zeitung«, gegenwärtig nimmt die Stasi-Vergangenheit von Holger Friedrich viel Raum ein.

Gestartet waren die beiden Friedrichs mit einer »Berliner Botschaft«, die am 8. November in der »Sonderausgabe« der Zeitung zum Mauerfalljubiläum auf einer Doppelseite abgedruckt wurde. »An diesem Freitag lesen Sie die erste Ausgabe der Berliner Zeitung nach ihrer Rückkehr in die Hände von Berlinern«, schrieben sie darin. Berliner meint hier auch Ostberliner, denn das hatte es in der »Berliner Zeitung«, die aus dem Osten kommt, lange nicht mehr gegeben. Vielleicht gab es deshalb auch auf der Titelseite ein Foto des Ehepaars, das damals noch kaum jemand kannte. Anders als zum Beispiel Christian Lindner, Uli Hoeneß oder Egon Krenz, die ebenfalls auf der Titelseite zu finden waren.

Ihre »Berliner Botschaft« sollte wohl eine Art Manifest sein, das nur leider ziemlich unredigiert wirkte. Man könnte auch sagen: verworren und langweilig.

Ähnlich verhält es sich auch mit den Stasi-Enthüllungen in eigener Sache. Man kann sie auf der Website der »Berliner Zeitung« nachlesen. Es ist eine 25-seitige Analyse der früheren Leiterin der Stasi-Unterlagen-Behörde, Marianne Birthler, und des Historikers Ilko-Sascha Kowalczuk, die die Stasi-Unterlagen von Holger Friedrich im Auftrag der »Berliner Zeitung« geprüft haben. Friedrich habe als IM »überwiegend Offenkundiges« berichtet, lautet ihr Fazit, und es sei alles nicht so schlimm gewesen. Höchstens für Friedrich, der als sehr junger Mann bei der NVA von der Staatssicherheit unter Druck gesetzt worden sei, aufgrund abstruser Vorwürfe gegen seine Person. Probleme bei der Schrankkontrolle, geplante Zersetzung, Republikflucht und andere Formen der surrealistischen Staatsgefährdung wurden ihm vorgeworfen und angedichtet, was ihn derart nervös machte, dass er mitmachte. Nicht so lange, nicht so oft, und kurz vor Mauerfall war Schluss.

Man muss das nicht vertiefen. Denn - wie der Journalist René Martens auf seinem Blog »Altpapier« bemerkt - es mag »viele Gründe geben, die dafür sprechen, dass Holger Friedrich als Verleger einer Zeitung ungeeignet ist, seine ›Stasi-Vergangenheit‹ gehört nach meiner Lesart der Expertise eher nicht dazu«. Martens meint, mit einer solchen Ansicht in der Minderheit zu sein - »in einem Milieu, das nicht arm an Journalisten ist, die sich längst aus Verzweiflung entleibt hätten, wenn nicht die Aussicht bestünde, irgendwann mal wieder eine prickelnde Irgendwas-mit-Stasi-Geschichte erzählen zu können«.

Auch wenn die »Berliner Zeitung« bislang so stolz darauf war, dass sie sich in der Vergangenheit von ihren früheren Irgendwas-mit-Stasi-Redakteuren getrennt hatte. »Wir erklärten den Redakteuren, dass die Arbeit als Redakteur in einer den freiheitlichen Werten der Presse verpflichteten Zeitung mit der Tätigkeit als Informeller Mitarbeiter (IM) der Staatssicherheit nicht vereinbar sei«, schreibt der frühere Chefredakteur Michael Maier auf der Website. Holger Friedrich aber ist kein alter Redakteur, sondern der neue Chef.

Doch interessanter als dessen Stasi-Geschichte ist das »Unternehmensnetzwerk von Holger Friedrich«, über das der »Spiegel« am 23.11. berichtete. »Friedrich hat vielfältige Geschäftsinteressen«, hieß es da, die »Berliner Zeitung« ist davon nur ein Teil, was mit einem Schaubild anschaulich gemacht wurde. Insbesondere das Stadtportal »Berlin.Online«, das dem Berliner Verlag mehrheitlich gehört, ist ein schönes Schmeckerchen: »Das ist der eigentliche Schatz unseres Deals«, hatte Holger Friedrich am 15.11. in einem Interview mit der »Neuen Zürcher Zeitung« erklärt, und Silke Friedrich hatte ergänzt: »Da können wir prinzipiell jede Dienstleistung ausspielen« - bei der Verwaltung des Landes Berlin. Der Berliner Senat hat schon vorsorglich dementiert.

Im selben Interview antwortet Silke Friedrich auf die Frage: »Haben Sie ein Geschäftsmodell?« mit einem »Klar«. Das klingt anders als das schlichte »Nö« von Holger Friedrich im »Spiegel«-Interview vom 20.9. auf die Frage: »Haben Sie sich denn mit dem Berliner Zeitungsmarkt beschäftigt?« Silke Friedrich ergänzte das »Nö« mit einer Zusatzfrage: »Welcher Markt?«

Und welche Stasi-Story, so muss man fragen. Die Rekonstruktion der Geschichte der DDR aus den Akten der Staatssicherheit, die ja immer wieder versucht wird, kommt über kafkaeske Momente selten hinaus. Das bisherige Auftreten von Zeitungsbesitzer Holger Friedrich erinnert eher an die lustige TV-Serie »Labaule & Erben«, in der Uwe Ochsenknecht als neuer poetischer Verleger verzweifelt.

Diese Frage muss erlaubt sein: Wie poetisch ist Holger Friedrich?

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