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A 100

Ein Tunnel für mehr Lebensqualität

Der Berliner Senat prüft die Überdeckelung eines Abschnitts der A 100.

Von Jérôme Lombard

Die Häuser hier haben ja eigentlich eine wunderschöne Sonnenlage, aber der Lärm ist wirklich kaum auszuhalten», sagt Ülker Radziwill. Die SPD-Politikerin steht auf der Kaiserdammbrücke in Berlin-Charlottenburg. Unter ihr donnert der Berufsverkehr auf der Stadtautobahn A 100 entlang. Um auf der Brücke zu dieser Tageszeit das Wort des anderen verstehen zu können, muss man schon sehr genau hinhören. «Wenn wir die Stadtautobahn an dieser Stelle deckeln, bekommt das Quartier ein großes Stück an Lebensqualität zurück», ist Radziwill überzeugt.

Die Abgeordnete aus dem Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf setzt sich seit Längerem für eine Deckelung von Abschnitten der A 100 ein. «Um den Verkehrsfluss auf dieser wichtigen Ader in unserer Stadt zukunftsgerecht aufrechtzuerhalten und neue Freiflächen für Grünanlagen und Wohnungsbau zu gewinnen», wie sie sagt. In der vergangenen Woche konnte Radziwill einen ersten politischen Erfolg für ihr Vorhaben verbuchen: Das Berliner Abgeordnetenhaus hat in seiner Sitzung zu den Haushaltsberatungen Gelder für die Planung von Deckeln an der A 100 freigegeben.

Dazu gehört die Beauftragung einer Machbarkeitsstudie, die prüfen soll, ob Teile der Stadtautobahn und der dazwischen liegenden Gleisanlagen der S-Bahn im Bereich des Dreiecks Funkturm gedeckelt werden können. Rund eine Millionen Euro lässt sich der Senat die Ausarbeitung der Pläne kosten. Im stadtplanerischen Fokus der Untersuchungen soll zunächst der knapp 300 Meter lange Abschnitt der A 100 zwischen Kaiserdammbrücke und Knobelsdorffstraße stehen.

Dort soll die technische Machbarkeit von Autobahnüberdeckelungen im Rahmen eines Pilotvorhabens untersucht werden. Auch eine mögliche Bebauung der Tunnelanlagen, Lärm- und Brandschutzanforderungen während der Bauzeit sowie die Verkehrsführung im Bauzeitraum sollen in die Planungen mit einbezogen werden.

Je nachdem, zu welchen Ergebnissen die Untersuchung kommt, könnte die Machbarkeitsstudie dann auf andere Bereiche der Berliner Infrastruktur ausgedehnt werden, wie es in dem Beschluss des Abgeordnetenhauses heißt. Damit sind andere konkrete Deckel-Vorschläge, wie etwa der für den 16. Bauabschnitt der A 100 am Dreieck Neukölln bis Treptower Park, erst mal auf Eis gelegt.

Einen «ersten, wichtigen Schritt», nennt Radziwill die Beauftragung der Machbarkeitsstudie, die gemäß Beschluss noch in diesem Jahr erfolgen soll. «Ich bin zufrieden, dass sich der Senat für den Vorschlag erwärmen konnte und sich überhaupt mit der Deckelung der A 100 befasst», sagt die 53-jährige Sozialdemokratin. Der im Fokus der Studie stehende Teilbereich der Stadtautobahn eigne sich aufgrund seiner überschaubaren Länge ausgezeichnet für ein Pilotprojekt.

Aber: «Wir müssen noch größer denken und einen richtigen Masterplan für den Verkehrsknotenpunkt zwischen der A 100 und der A 115 in der City West erarbeiten», fordert Radziwill. Genau das hätte die SPD-Fraktion als Antrag bereits ins Parlament eingebracht. «Die zuständige Verkehrsverwaltung muss den Plan jetzt ernsthaft prüfen», sagt sie. Der Sozialdemokratin schwebt als Masterplan die Überdeckelung des gesamten, rund zwei Kilometer langen Autobahnabschnitts zwischen Knobelsdorffstraße bis zur Ausfahrt Rathenauplatz vor.

«Die Troglage der Fahrbahn mit dem S-Bahnring in der Mitte ist für einen Tunnel prädestiniert», sagt Radziwill. «Das gesamte Areal wird enorm profitieren.» Dass die grüne Verkehrssenatorin Regine Günther von einem Masterplan für den Gesamtbereich bisher nichts hören will, ärgert die SPD-Politikerin. «Die Frage nach der Infrastruktur der Zukunft erfordert Visionen», wie sie sagt.

Die jetzt in Auftrag gegebene Machbarkeitsstudie für den Teilabschnitt der A 100 in Charlottenburg ist das Ergebnis einer Debatte über Autobahndeckel als eine Möglichkeit, neue Stadtflächen zu erschließen, die im rot-rot-grünen Senat bereits seit einiger Zeit tobt. Im Mai hatte sich der Verkehrsausschuss des Abgeordnetenhauses für die Idee ausgesprochen, Berliner Verkehrswege zu überdeckeln. Zuvor hatte bereits der Stadtentwicklungsausschuss grünes Licht gegeben. Anfang Juni hatte das Abgeordnetenhaus den Senat aufgefordert, zu untersuchen, welche Verkehrsinfrastrukturflächen an Berliner Autobahn- oder Schienenabschnitten in Troglage sich für eine Überdeckelung anbieten.

Vorbilder für die Deckellösung sind Städte wie Hamburg, wo ein neuer Abschnitt der A 7 gedeckelt wurde, oder auch Boston, wo die gesamte innerstädtische Autobahn in Tunneln verschwunden ist.

Kritiker halten die Deckel schlichtweg für zu teuer. Wie viel eine Überbauung der Stadtautobahn A 100 in Charlottenburg kosten würde, ist derweil noch unklar. In Boston überstiegen die Kosten für das Tiefbauprojekt den vorher veranschlagten Rahmen um ein Vielfaches. Während der Gesamtpreis anfangs auf 2,6 Milliarden US-Dollar geschätzt wurden, lag er bei der Fertigstellung 2004 bei rund 15 Milliarden US-Dollar. Sozialdemokratin Radziwill ist dennoch überzeugt, dass die Machbarkeitsstudie in Berlin positiv ausfallen wird. «Ich bin sehr zuversichtlich, da es bereits Voruntersuchungen gibt, die grünes Licht geben.»

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