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Mit Blick nach Westen

30 Jahre nach dem Sturz Ceausescus ist Rumänien noch immer ein Auswanderungsland

  • Von Silviu Mihai
  • Lesedauer: 4 Min.

Dieser Tage stand in Bukarest wieder das groß angelegte Staatsspektakel auf dem Plan: Gäste aus ganz Europa waren eingeladen, Zeitzeugen hielten Reden und der Patriarch der Orthodoxen Kirche erinnerte in seiner traditionellen Andacht an die mehr als 1000 Menschen, die während des Aufstands gegen Nicolae Ceausescu ihr Leben verloren.

Am 22. Dezember 1989 zwangen Tausende den Diktator zur Flucht, weil sie trotz gewaltiger Repression durch ihre bloße Anzahl stärker waren. Drei Tage später wurden er und seine Frau Elena in einem Schnellverfahren zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Eigentlich sollte die Jahrestage der Umbrüche für die Rumänen Anlass sein, sich stolz auf ihre hart erkämpfte Demokratie zu zeigen und den Mut zu feiern, mit dem sie den Tyrannen besiegten. Doch der Enthusiasmus in der Bevölkerung hält sich in Grenzen. Jenseits der offiziellen Veranstaltungen deutet kaum etwas auf feierliche Stimmung hin.

Dabei ist das Land innerhalb von nur einer Generation sehr weit gekommen. Rumänien profitiert ungemein von den offenen Grenzen innerhalb der Europäischen Union, von westlichen Investitionen und Strukturfonds, die die neue Mitgliedschaft im Club der Reichen mit sich bringt. Die Mangelwirtschaft, die eine der Hauptursachen der 1989er-Aufstände war, ist heute höchstens eine vage Erinnerung, von der ältere Menschen berichten. Die Kaufkraft der Bevölkerung liegt aktuell bei mehr als 60 Prozent des EU-Durchschnitts, und die Wachstumsraten der vergangenen Dekaden sind so beeindruckend, dass sich das BIP verfünffachen konnte. Fast überall herrscht Vollbeschäftigung, oft sogar akuter Mangel an Arbeitskräften, was - zusammen mit der Auswanderung nach Westeuropa - wiederum den Druck auf die Unternehmen erhöht, noch bessere Gehälter zu zahlen.

Aus politischer Sicht bietet sich zwar ein weniger optimistisches Bild. Insbesondere die Korruption und die Schwäche des Staates erwiesen sich in den letzten Jahren als Dauerprobleme. Und die Aufarbeitung der genauen Umstände, unter denen damals so viele Menschen umgebracht wurden, stockt - nach Jahren, in denen andere Prioritäten gesetzt wurden, lebt mittlerweile ein Großteil der Hauptakteure nicht mehr.

Dennoch erlaubt sich zurzeit keiner, den Grundkonsens von 1989, etwa die Bürgerrechte, die »Westorientierung« oder die Kernregeln der Demokratie, ernsthaft infrage zu stellen. Anders als etwa in Ungarn wäre es in Rumänien unvorstellbar, dass eines der beiden politischen Lager eine Zweidrittelmehrheit bekommt und die Verfassung zu seinen Gunsten ändert. Freilich könnte sich auch dies ändern - wenn die drei Dekaden seit der Wende etwas gezeigt haben, dann wohl, dass das Ende der Geschichte in immer weitere Ferne rückt.

Gewünscht hätte man sich eine leichtere, schnellere und sozial gerechtere Transformation. Doch waren solche Wünsche realistisch? Als der mittlerweile verstorbene rumänische Politkommentator Silviu Brucan Anfang der 1990er Jahre prophezeite, das Land brauche mindestens 20 Jahre, um das Wirtschafts- und Demokratieniveau der westeuropäischen Länder zu erreichen, löste seine Behauptung einen Riesenskandal aus. Heute lacht man in Rumänien oft über die damalige Naivität, und man gibt zu, dass Brucans Prognose viel zu optimistisch war.

Allerdings sind die drastischen Ungleichheiten, die die rumänische Gesellschaft plagen, kein Naturgesetz, sondern vielmehr das Ergebnis der neoliberalen Ideologie, die die Transformation begleitete. Kürzlich berechneten Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen, dass man umgerechnet etwa 540 Euro braucht, um halbwegs über die Runden zu kommen. Aber mehr als die Hälfte der Bevölkerung verdient weniger; der Mindestlohn liegt bei knapp 300 Euro netto. Auch deshalb wandern 2019 immer noch viele Rumänen aus; drei bis vier Millionen haben das Land schon verlassen.

Hinzu kommt, dass die heutige Welt, insbesondere Europa, viel integrierter ist als damals, was aus rumänischer Sicht den frustrierenden Vergleich mit dem Westen zur alltäglichen Erfahrung macht. Schließlich tragen auch diverse globale Faktoren - Klima, demografischer Wandel, Digitalisierung der Arbeitswelt - zu einer diffusen Unsicherheit bei, die man oft als zusätzliches historisches Unglück wahrnimmt.

Die sehr starke wirtschaftliche und politische Abhängigkeit von Machtzentren auf der anderen Seite des Kontinents, die sich ihrerseits mit zahlreichen Problemen konfrontiert sehen, verstärkt das Gefühl, dass der bereits erreichte Fortschritt eigentlich eher prekär oder unsicher ist.

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