Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Gegen den Patientenwunsch

Tod im Krankenhaus: Warum viele Menschen sterben, wo sie nicht sterben wollen

  • Von Anika von Greve-Dierfeld
  • Lesedauer: 3 Min.

Wie wollen wir sterben? So auf keinen Fall, sagt der 55 Jahre alte Thomas M., wenn er über den Tod seines Vaters vor fünf Jahren spricht. Mit einer Entzündung im Bauchraum kam der 74-Jährige in ein Ludwigsburger Krankenhaus. Trotz Operation wurde nichts besser. Der alte Mann wollte nach Hause, dämmerte vor sich hin, ein Krankenhauskeim kam hinzu. Der Oberarzt ordnete eine weitere Operation an. »Warum das denn, mein Vater stirbt doch gerade?«, fragte M. Der Professor zuckte mit den Schultern. Nach Hause kam der Vater nicht mehr.

Ein typisches Szenario, findet die Medizinerin Jana Jünger, Leiterin des für Staatsprüfungen von Ärzten zuständigen Instituts für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen. »Dem Patienten geht es schlechter, weil er stirbt - das bleibt oft unbesprochen zwischen Arzt und Patient oder Angehörigen.« Die Folge: Unnötige Eingriffe, Operationen, kostspielige Leidenszeiten auf der Intensivstation während der letzten Lebenstage. Dabei will Umfragen zufolge so gut wie niemand im Krankenhaus sterben.

Doch immer noch viel zu oft passiert genau das. Laut Deutschem Evangelischen Krankenhausverband sterben 77 Prozent der Deutschen entweder in einer Klinik oder im Pflegeheim. Nach einer Studie des Max-Planck-Instituts aus dem vergangenen Jahr war zwar der Anteil derer, die im Krankenhaus sterben, lange rückläufig. Er betrage nach Zahlen aus dem Jahr 2016 aber immer noch 46 Prozent und stagniere seitdem. »Das ist viel zu viel, da es nicht den Wünschen der Patienten entspricht«, sagt Jünger. Die Medizinerin ist sicher: »Wenn man hier besser kommunizieren würde, könnten wir diese Situation innerhalb von fünf Jahren deutlich verbessern.«

Dabei ist an sich die Versorgung sterbenskranker Menschen außerhalb von Krankenhäusern beispielsweise in Baden-Württemberg gut geregelt, sagt ein Sprecher des Sozialministeriums. »Die ambulante Versorgung hat sich in den letzten Jahren deutlich verbessert und ist inzwischen auf einem guten Weg.« Neben ambulanten Hospizdiensten kümmerten sich sogenannte Teams der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) um sterbende Erwachsene und Kinder. »Die Abdeckung mit SAPV-Teams in Baden-Württemberg beträgt über 90 Prozent«, sagt der Sprecher.

Warum landen Patienten dann doch im Krankenhaus und sterben dort? Ein Grund ist, dass etwa Menschen mit unheilbaren Krebserkrankungen noch in den letzten Wochen ihres Lebens eine Therapie erhalten, anstatt nach Hause entlassen zu werden. Die Barmer Ersatzkasse geht aufgrund von Abrechnungsdaten aus den Jahren 2012 bis 2015 davon aus, dass etwa 15 Prozent dieser Krebspatienten sich in den letzten 30 Tagen ihres Lebens noch einer Chemotherapie unterziehen - meistens geschieht dies im Krankenhaus.

Eine anderer Grund könnte nach Worten von Angela Carollo vom Max-Planck-Institut in Potsdam sein, dass gerade Hochbetagte oft mit Atemwegserkrankungen ins Krankenhaus eingeliefert werden und dort binnen weniger Tage versterben.

Oder es gibt keine Patientenverfügung: Angehörige sind unsicher, was zu tun ist, wollen keinen Fehler machen, der Wunsch des Patienten verhallt ungehört. Doch sehr oft hakt es auch schlicht bei der Kommunikation zwischen Arzt und Patient, wie Internistin Jünger erklärt. Sie plädiert dafür, Ärzte zu schulen und regelrecht mit ihnen zu üben, wie man mit Patienten am besten ihre Wünsche und Vorstellungen angesichts des herannahenden Todes besprechen kann. »Das muss implementiert werden in der Ausbildung und Weiterbildung.« Diese Themen gehörten in die Staatsprüfungen für Arzte, betont die Ärztin. dpa/nd

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
  • Lastschrift

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln