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Zum Tod von Hermann L. Gremliza

  • Von Thomas Blum
  • Lesedauer: 3 Min.

In den alle Jahre wieder kursierenden Listen der »hundert wichtigsten Intellektuellen Deutschlands« tauchte er nie auf. Was zeigt, was derlei Listen taugen. Was sollte er da auch, zwischen all den Schwatzköpfen und Betriebsnudeln? Auch gab es über Jahrzehnte hinweg so etwas wie ein unausgesprochenes Gesetz in der Branche: Hermann L. Gremliza und die von ihm seit 1974 herausgegebene linksradikale Monatszeitschrift »Konkret« wurden für gewöhnlich nicht zitiert. Was nicht nur daran gelegen haben mag, dass der Mann zu klug für viele seiner Leser war, sondern auch daran, dass er die Journalisten Monat für Monat in seiner Rubrik »Gremlizas Express«, in der er das Gemisch aus unbeholfenem Gestammel, Reklamejargon, Technokratendeutsch und Gesinnungslumperei, das die meisten deutschen Medienarbeiter traditionell pflegen, dem Spott preisgab. Und in seiner Herausgeberkolumne kommentierte er die jüngsten Verbrechen und Niederträchtigkeiten der deutschen und internationalen Politik.

Gremliza hielt sich auch nicht an die unausgesprochenen Regeln des deutschen Journalismus, die da lauten: (a) den Betriebsablauf nicht stören; (b) ein lauwarmes Sowohl-als-auch als Grundmuster aller Artikel wählen. Stattdessen war er, insbesondere seit der sogenannten Wiedervereinigung, der linken Öffentlichkeit als unbarmherziger Kritiker deutscher Zustände bekannt, der als einer von wenigen die zahlreichen von der Zeit des Nationalsozialismus bis zur bundesrepublikanischen Gegenwart führenden Kontinuitäten beharrlich benannte und kritisierte.

In einer von der mit dem Kapitalismus einhergehenden Verblödung zerrütteten Welt, in der Zeitungen sich oft lesen, als würden sie vom Pressesprecher der Bundesregierung und Werbeagenturangestellten verfasst, und in der sich um Kritik, die diese Bezeichnung verdient, und um Präzision in der Sprache kaum mehr einer schert, war Gremliza ein Solitär.

»Ich und meine Öffentlichkeit verstehen uns sehr gut: Sie hört nicht, was ich sage, und ich sage nicht, was sie hören möchte.« So lautet ein Aphorismus des von Gremliza geschätzten Schriftstellers und Publizisten Karl Kraus (1874-1936). Als einer der letzten Nichteinverstandenen und Störer im besten Sinne sah sich der »Konkret«-Herausgeber in der Kraus’schen Tradition und verband satirische Sprach- und Ideologiekritik mit unabhängigem gesellschaftskritischen Journalismus. Da konnte es nicht ausbleiben, dass er auch immer wieder den diversen Fraktionen der dogmatischen Linken die Leviten las und nebenbei mit seinen »Attacken gegen Deutschtümelei, Israelkritik und völkisches Denken die Abokartei seiner ›Konkret‹ mehr als halbierte«, schreibt der ›Konkret‹-Autor Martin Krauss in einem kurzen Nachruf in der »Jüdischen Allgemeinen«. Nicht selten habe Gremliza »stolz davon berichtet, dass dieser oder jener Leitartikel damals 2000 Kündigungen zur Folge hatte«. Die Journalistin und »Konkret«-Autorin Elke Wittich brachte es gestern wie folgt auf den Punkt: »Da wohnte man als Teenie in irgendeiner Provinz und fand das alles nicht richtig, was passierte, und dachte so lange, dass man damit fast ganz allein ist, und dann entdeckte man ›Konkret‹. Was ein Glück, dass es Hermann L. Gremliza gab.« Der Herausgeber von »Konkret« ist am Freitag vergangener Woche im Alter von 79 Jahren verstorben.

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