Geflügelte Worte, unterwegs eingefangen

Im Frühjahr 2020 führt eine nd-Leserreise erstmals auch als Landestour durch Albanien

Von Michael Müller

Hier sollte man doch lieber nur zuschauen: Eine der vielen Rentner-Glücksspielwiesen im nordalbanischen Shkodër
Hier sollte man doch lieber nur zuschauen: Eine der vielen Rentner-Glücksspielwiesen im nordalbanischen Shkodër

Albanien ist für Reisende voller Kontraste und Überraschungen. Das liegt natürlich zuallererst am Land selbst: an den Menschen, die beim Ja-Sagen den Kopf schütteln; an ihrer Sprache, die seit ewigen Zeiten ein linguistisches Eigenleben führt; an der Landschaft zwischen Hochgebirge und Mittelmeer; an Albaniens Geschichte, die schon immer zwischen Hosianna und Hölle pendelt. Erst jüngst stoppte die EU erneut die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen.

Die berechtigte Neugier besagter Reisenden wird durch die Tatsache gesteigert, dass für sie dieses europäische Land lange das unbekannteste in Europa war und es bis heute wohl auch geblieben ist. Nicht zuletzt deshalb auch unsere nd-Albanienreise im kommenden Frühjahr. Dabei könnten Sie mit mir durchaus auch solche Episoden erleben wie die drei folgenden - nicht ganz zufälliges Thema: Volksweisheiten.

Weit östlich, zwischen Ohrid- und Prespasee erreichten wir Korçë. Die Stadt taucht unvermittelt aus der Landschaft auf und macht auf der kargen Hochebene sofort neugierig. Zu Recht. Ihr Stadtwappen trägt ein Tintenfass mit Schreibfeder im Schild. In Rathausnähe sitzen ein paar ältere Herren auf Parkbänken. Wir fragen sie nach dem außergewöhnlichen Wappenbild. Und wir hören, dass von Korçë aus Ende des 19. Jahrhunderts die albanische Literatur ihren Weg ins Land nahm. Zudem sei hier damals bereits die erste albanische Gemeinschaftsschule für muslimische und christliche Kinder gegründet worden. Sie ist heute ein Museum. Dort lesen wir später einen Wandspruch: »Wer lesen und schreiben kann, hat vier Augen.« Das wurde in Albanien zum geflügelten Wort.

Berat liegt im Landesinneren und wird seit Langem »Stadt der 1000 Fenster« genannt. Ob ihres wunderschön erhaltenen osmanischen Baustils gehört sie zum UNESCO-Weltkulturerbe. Oben an der Festungsmauer stehen Frauen, die Handarbeiten anbieten, also Decken, Mützen und dergleichen. Eine, so um die 60, tut das händlerisch nur verhalten, trällert dafür aber ständig leise vor sich hin. Wir sprechen sie wegen ihrer Auslagen, aber auch wegen ihrer Liedchen an. In Bezug auf Letztere erhalten wir eine flotte Lektion in Sachen Emanzipation: »Früher hieß es bei uns immer in zurechtweisendem Ton: Eine singende Frau braucht einen Mann. Da scheren sich heute die Jungen glücklicherweise kaum noch drum. Die singen, wann es ihnen passt, ohne und mit Mann. Ich mach das übrigens auch so, bin aber schon lange Witwe.« Wir kaufen ihr kleine bunt gehäkelte Traumfänger ab. Sie kassiert, bedankt sich - und trällert fröhlich weiter.

In einem Café im südalbanischen Gjirokastër kommen wir mit einem ehemaligen Lehrer ins Gespräch. Es geht bald um nichts Geringeres als die Verquickungen von Politik und Literatur. Das Thema hatte der Genius Loci gesetzt. Schließlich stammen aus dieser Stadt die beiden bekanntesten albanischen Männer des 20. Jahrhunderts: zum einen Enver Hoxha (1908-1985), zum anderen Ismail Kadare (geb. 1936).

Der erste war - in dieser Reihenfolge - Titoist, Stalinist, Maoist und schließlich selbst ernannter letzter wahrer Kommunist des Erdkreises, der Albanien jahrzehntelang in Isolationshaft genommen hatte. Der zweite ist der meistübersetzte und (deshalb) international bekannteste albanische Schriftsteller und Essayist.

Bei Fragen zu Exdiktator Hoxha hielt sich unser Zufallsbekannter stets etwas bedeckt. Bei Kadare, den es nach 1989 sofort nach Frankreich gezogen hatte, kam er indes immer wieder ins große nationale Schwärmen. Der Tatsache, dass sich Kadare jahrelang von Hoxha in Albanien mit den allerhöchsten Orden und Privilegien hatte aushalten lassen, begegnete unser Politik- und Kulturkenner verschmitzt lächelnd mit einem albanischen Sprichwort: »Feuer, Wasser und Regierungen kennen keine Gnade.«