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Spielt ihn schneller!

2020 ist Beethovenjahr. Ludwig van Beethoven ging es um das Bearbeiten der Wirklichkeit

  • Von Berthold Seliger
  • Lesedauer: 8 Min.

BTHVN2020! Weil Ludwig van Beethoven am 17. Dezember seinen 250. Geburtstag hat, beginnt nun das Beethoven-Jubiläums-Jahr, trommeln die Kulturfunktionäre und zwitschern die Marketingprofis der Kulturindustrie, als ob es erhöhter Anstrengungen bedürfe, die Menschen mit der Musik des Meisters vertraut zu machen, als ob nicht längst die Werke des Titanen landauf, landab und auf allen Kanälen fester Bestandteil des Kanons und der meisten »Klassik«-Konzerte und -Radio- und -Fernsehsendungen wären.

Und es gibt Leute, die bereits jetzt, da das »Beethoven-Jahr« noch nicht begonnen hat, nicht ganz zu Unrecht meinen, es sei bereits zu viel »BTHVN« around. Und doch: Jede Generation entwickelt ein eigenes Verständnis für »ihren« Beethoven, erarbeitet sich eine eigene Sicht auf dessen Werke. Und dazu dienen seit mehr als hundert Jahren vornehmlich Aufnahmen.

Klar: Die meisten Produkte, die die Musikindustrie als Teil des Beethoven-Tsunamis auf den Markt wirft, kann man getrost vernachlässigen. Ob »Beethoven komplett« der Labels Brillant auf 85 CDs zu 79,99 Euro, Warner auf 80 oder Naxos auf 90 CDs für je 99,99 Euro oder gar »The New Complete Edition« des einstmaligen Klassik-Renommierlabels Deutsche Grammophon auf 118 CDs, 3 Blue-rays und 2 DVDs für sage und schreibe 239,99 Euro - so etwas schenkt der Zahnarzt seiner Familie, und wer keinen Platz für einen zur Schau gestellten Distinktionsvorteil von sieben Kilogramm Gewicht auf billigem Kunststoff hat, lässt die Finger davon. Hier monetarisieren Großkonzerne der Musikindustrie ihre Backkataloge.

Etliche Neueinspielungen des Jubiläumsjahrs sind schlicht überflüssig - die Sinfonien mit den Wiener Philharmonikern unter Andris Nelsons stehen beispielhaft dafür: Die Aufnahmetechnik ist natürlich state of the art, alles klingt voll und angenehm, saturiert und satt, in biederem Wohlklang gebadet. Aber eben ohne all das, was Beethoven ausmacht: Es fehlen Ecken und Kanten, es fehlt das Schroffe, Radikale, das Rumpelnde auch. Aufnahmen, die brav sind und unterhalten, aber nicht beunruhigen, bei denen man nicht spürt, wie Beethoven mit sich, der Gesellschaft, ja der ganzen Welt ringt. Eines steht fest: Beethoven hatte sicher nicht das Ziel zu unterhalten, er komponierte Ideenmusik, ihm ging es um das Bearbeiten der Wirklichkeit, in der man lebt, so wie es Nina Simone definiert hat: »An artist’s duty is to reflect the times.«

Natürlich gibt es bei Interpretationen kein »richtig« oder »falsch«, und jede Zusammenstellung und Bewertung ist persönlich und insofern unverbindlich. Es gibt ja auch kein »Original«. Original ist das Werk eines Komponisten nur in seinem Kopf, also das, was er sich in seinen Gedanken vorstellt. Bereits die Niederschrift dessen, was ein*e Komponist*in sich vorstellt, ist eine erste »Version« ihrer oder seiner eigenen Komposition, und dieser Ausgangsversion gesellen sich etliche weitere Versionen hinzu, nämlich die Interpretationen des Werks durch unterschiedliche Musiker*innen. Und mit jeder weiteren Interpretation entsteht ein neuer Bedeutungsraum, der fortan zu dem ursprünglichen Werk gehört, das ohne seine Interpretationsgeschichte, aber auch ohne den gesellschaftlichen Kontext seiner Entstehung nicht mehr gedacht werden kann. »Interpretation« ist ein recht junger Begriff, er taucht im mittleren 19. Jahrhundert vereinzelt auf und wird erst im 20. Jahrhundert, mit den Möglichkeiten der technischen Reproduzierbarkeit von Musik, etabliert. Bis heute wird gerne behauptet, dass in der Musik selbst, in der Partitur, ablesbar sei, was der Komponist meint, was er umgesetzt sehen wollte. Wenn Interpret*innen erklären, ihnen gehe es ausschließlich darum, das »originale« Werk aufführen zu wollen, so, wie es in den Noten steht, dann ist das schlicht Unsinn - ein Unsinn mit allerdings ideologischer Funktion, denn sie inszenieren sich als Gralshüter einer vermeintlich »verbindlichen« Version. Dabei greifen Komponist*innen wie Interpret*innen lediglich auf eine Art »Wörterbuch« ihrer Kultur zurück. Das Werk existiert nicht (nur) in der Partitur, sondern erst in seiner Interpretation. Und zu dieser gehört nicht zuletzt, dass der oft vorhandene »substanzielle Widerspruch zur bestehenden Gesellschaft« (Heinz-Klaus Metzger), aber auch ein eventuell vorhandener Konsens mit dem herrschenden System offengelegt wird - einst wie jetzt, also sowohl zur Zeit der Entstehung als auch zum Zeitpunkt der Interpretation (und eventuell auch zum Zeitpunkt des Hörens).

Dies lässt sich gerade am Beispiel Beethovens gut erklären. Beethoven war ein role model für den selbstbestimmten, selbstbewussten, unabhängigen Künstler, er hat seine Musik bewusst in einen Zusammenhang mit der Gesellschaft gesetzt, in der er lebte und die er verändern wollte. Er vertrat die Ideale der Aufklärung und der Französischen Revolution, er definierte sich als »Plebejer« und akzeptierte nur den »ächten Adel des Geistes und des Herzens«. Letztlich verachtete er Feudalherren und das Konzept von Erbschaft und Privateigentum (»Fürst, was Sie sind, sind Sie durch Zufall und Geburt, was ich bin, bin ich durch mich«, schrieb er 1806 selbstbewusst an einen seiner Geldgeber, den Fürsten Lichnowsky). Eine Interpretation seiner beiden Revolutionssinfonien, also der Dritten, der »Eroica«, und der Fünften, die Beethovens explizit politische Grundeinstellung ignoriert, ergibt wenig Sinn.

Ein wesentlicher Faktor gelungener Beethoven-Interpretationen sind die Tempi. Sie waren Beethoven sehr wichtig. Wenn er von einer Aufführung seiner Werke hörte, war seine erste Frage: »Wie waren die Tempi?« Beethoven war der erste Komponist, der Metronomangaben zu seinen Werken veröffentlichte; und die dort vorgegebenen Tempi waren fast durchweg sehr schnell - deutlich schneller, als es bei Aufführungen speziell seiner Sinfonien heutzutage üblich ist. Der Geiger Rudolf Kolisch wies 1942 darauf hin, dass »Tempo und Charakter in Beethovens Musik« eine Beziehung eingehen. Und die sich aus Kolischs Forschungen ergebenden Tempi sind rascher als die sonst üblichen, »und zwar in einem Maß, das disproportional zu jeder naiven Erwartung steht« (Metzger). Durch die Wahl der »richtigen« Beethoven’schen Tempi verschwindet alles »schlecht Pathetische« und künstlich »Feierliche« aus dieser Musik - und Rainer Riehn hat einmal darauf hingewiesen, dass »in Deutschland die Tempi, solange noch Hoffnung auf die Revolution bestand, geschwinder waren als danach«, wir also wohl generell diese Musik zu langsam hören. Die »Eroica« etwa ist, wenn sie im »richtigen« Tempo und unter Berücksichtigung aller rhythmischen Eigenheiten gespielt wird, keine Ansammlung schöner Stellen mehr, wie es die bürgerlichen Hörer*innen und die Eliten so lieben, sondern sie gewinnt ihre aufrührerische Kraft zurück, die Synkopen bezeichnen die große Unruhe, die Dissonanzen und die schroffen Sforzato-Aufschreie des ersten Satzes gehen wieder in die Magengrube, und die revolutionäre Aussage der Musik ist wieder zu hören und zu spüren. Hermann Scherchen hat das 1958 mit dem Orchester der Wiener Staatsoper mustergültig vorgemacht, eine Aufnahme, die in jede Klassik-Sammlung gehört. Scherchens Interpretation schlägt Funken, die Sforzati heben, wie Mauricio Kagel einmal sagte, »den musikalischen Vortrag aus den Fugen«, der Orchesterklang ist geradezu aggressiv, und Beethovens Sinfonie mutiert zu einer »ästhetisch gewordenen Volksversammlung«, mit »Rede, Debatte, Beschluß und Feier« (Adorno).

Ähnliches passiert in Beethovens anderer Revolutionssinfonie, der »Fünften«. Die bürgerliche Narration erzählt uns hier vom Schicksal, das, tatata-taaa!, an die Pforte klopft, und erklärt die ganze Sinfonie seit jeher gern als Entwicklung vom Dunkeln ins Licht, als Schicksalskampf von Leid und Erlösung, von Niederlage und Triumph, per aspera ad astra (übrigens ein beliebter Wahlspruch reaktionärer Burschenschaften, aber auch der Sternenflotte in »Star Trek«). Doch in dieser Sinfonie geht es wie in der »Eroica« im Gegenteil um Unterdrückung und Befreiung, sie ist eine weitere »Volksrede an die Menschheit« (Adorno) und gegen die Tyrannen geschrieben. Und sie ist, wie die »Eroica«, eine »Finalsinfonie«, sie kulminiert zu einem Triumphmarsch, zu dem sich die Menschen auf der Straße versammeln - Beethoven hat seiner Partitur für das sich aus dem dritten Satz entwickelnde Finale zusätzliche Instrumente hinzugefügt, nämlich unter anderem drei Posaunen und eine Piccoloflöte, also explizit Instrumente der Freiluftmusik. Ein Bruch mit den Konventionen seiner Zeit, wonach derartige »volkstümliche« Instrumente im Konzertsaal nichts zu suchen hatten: Beim Höhepunkt seiner Fünften Sinfonie kombiniert Beethoven also das klassische Orchester mit Instrumenten »der Straße« - die Aufklärung, die bürgerliche Revolution hat gesiegt, und Beethoven reiht in einem überlangen Herumrühren in C-Dur-Schlussfloskeln »eine Siegesgeste an die andere« (Martin Geck) - was aber laut Nikolaus Harnoncourt auch als »die Eröffnung einer Zukunft, die man für glorios hält«, verstanden werden kann. Und bei Harnoncourts Version der Fünften mit seinem Concentus Musicus Wien aus dem Jahr 2015 kann man das genau so hören, und man hört auch die Posaunen und die Piccoloflöte heraus. Eine empfehlenswerte Interpretation. Aber, man kann verschiedene Versionen gut nebeneinander gelten lassen. Wer wollte auf die Fünfte und Siebte von Carlos Kleiber mit den Wiener Philharmonikern verzichten? Oder wie Bruno Walter mit dem New York Philharmonic die vierten Töne zu Beginn der Fünften endlos lang aushält - das ist natürlich aufregend und inspirierend.

Es führen viele Wege zu Beethoven, und es gibt unzählige Interpretationen seiner Werke. Den guten, den »gültigen« Interpretationen ist eigen, dass sie die großen Bögen, aber auch die Details aus der Musik heraus gestalten. Und dass man das Ringen Beethovens mit den Formen und deren Überwindung spürt. Denn Beethoven hat die Regeln der Musik verändert, wie er es benötigt hat, und er machte damit deutlich, dass auch alles andere (das eigene Leben, die Gesellschaft, die herrschende Ordnung) veränderbar ist. Und wenn wir Nachgeborenen uns von diesem Geist inspirieren lassen, ehren wir Beethoven vermutlich mehr und besser als mit allen sinnlosen, pathetischen Gedenkfeiern, die uns im kommenden Jahr belästigen werden.

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