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Groß-Berlin

Berlin vereint mit Kraut und Rüben

Vor 100 Jahren schickte sich die Reichshauptstadt an, Groß-Berlin zu werden.

Von Tomas Morgenstern

Großprojekte lösen in der Hauptstadtregion regelmäßig tiefes Miss᠆trauen aus. Dabei ist die Stadt selbst Resultat eines einzigartigen Reformvorhabens. Dies gipfelte vor 100 Jahren in der Gründung von Groß-Berlin, der damals drittgrößten Stadt der Welt.

Wie wenig jedoch das Wissen darum heutiges Regierungshandeln prägt, musste jüngst Neuköllns Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) erleben. Denn als er angesichts des Aufschwungs im Berliner Speckgürtel anregte, das 1996 gescheiterte Projekt einer Länderfusion mit Brandenburg neu zu diskutieren, kam das nicht gut an. »Eine Fusion ist für uns kein Thema«, ließ die Potsdamer Staatskanzlei wissen. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) mochte den Vorstoß gar nicht erst kommentieren. Dabei sind beide Länder aufeinander angewiesen wie siamesische Zwillinge. »Die Zahl der gemeinsamen Behörden, Gerichten, Ämter, Einrichtungen und Anstalten wächst stetig«, heißt es auf dem Internetportal berlin-brandenburg.de.

Als das geteilte Berlin 1987 sein großes Stadtjubiläum feierte, bezog sich das auf die erste urkundliche Erwähnung von Cölln 1237, das erst 1307 mit seinem Schwesterstädtchen Berlin fusionierte. Im 15. Jahrhundert war Berlin-Cölln durch die Hohenzollern zur kurfürstlichen Residenzstadt der Mark Brandenburg gemacht worden. Ging es wirtschaftlich bergauf, nahm die politische Bedeutung der Stadt zu, war das stets mit Wachstum verbunden. Lief es schlecht, schrumpfte die Doppelstadt. Wie im 30-jährigen Krieg (1618 - 1648), in dessen Verlauf sich die Einwohnerzahl auf rund 6000 halbierte.

Auf dem Weg zur Großstadt erhielt Berlin vielfältige Impulse, wie etwa durch die Ansiedlung Tausender in Frankreich verfolgter Hugenotten durch den Großen Kurfürst nach 1685. Sie bewirkte einen Modernisierungsschub in Wissenschaft, Bildung und Kunst. 1709 vereinte Friedrich I., König von Preußen, Berlin-Cölln mit den Vorstädten Friedrichswerder, Dorotheenstadt und Friedrichstadt zur königlichen Residenzstadt Berlin. Fällige Reformen brachen sich erst nach der Niederlage von 1806 gegen Napoleon I. Bahn. Nach den Befreiungskriegen und mit Beginn der Industrialisierung lösten sie in Preußens Hauptstadt ein stürmisches Wachstum aus.

Zählte Berlin um 1806 noch 200 000 Einwohner, so verdoppelte sich deren Zahl in den folgenden 40 Jahren. Als im Januar 1871 das Deutsche Reich gegründet und Berlin Reichshauptstadt und kaiserliche Residenz wurde, lebten dort bereits 800 000 Menschen. Das Kaiserreich wollte seine Macht zeigen. Um die Wilhelmstraße entstand das neue Regierungsviertel, der Reichstag erhielt erst 1894 seinen heutigen Prachtbau.

1881 war die junge Reichshauptstadt dank des Arbeitskräftezustroms für die aus dem Boden schießenden Fabriken bereits Millionenmetropopole. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich Berlin, dessen Stadtgebiet wenige Jahrzehnte zuvor zumeist ländlich geprägt war, zum größten Industriezentrum Deutschlands und zu einem der bedeutendsten europäischen Industriestandorte entwickelt. Träger dieser Entwicklung waren vor allem der Maschinenbau (Borsig) und die Elektroindustrie (Siemens & Halske und AEG). Eisenbahn und Binnenschiffe brachten den Handel in Schwung. Der Industrie folgte die Bau-, Nahrungsmittel- und Bekleidungsbranche. Für die zu Hunderttausenden zuströmenden Arbeitskräfte entstanden innerhalb des Eisenbahnrings um den alten Stadtkern der Wilhelminische Mietskasernengürtels. Doch die Schlafstätten in den engen und düsteren Stuben waren mehrfach überbelegt, die hygienischen Verhältnisse katastrophal. Die Bevölkerungsdichte war die höchste aller europäischen Großstädte.

Bis 1910 überschritt Berlins Einwohnerzahl die zwei Millionen. Mit rund 6350 Hektar war das Stadtgebiet seit den letzten größeren Eingemeindungen von 1861 kaum gewachsen. Auf viel zu engem Raum ballten sich die Bewohner zusammen, wer konnte, wich ins Umland aus. Ein Ort wie Wilmersdorf, wo in den 1880ern vielleicht 4000 Menschen lebten, expandierte bis 1910 zum fünftgrößten Vorort Berlins mit 109 716 Bewohnern.

Dass Berlin mehr Platz brauchte und gemeinsam mit seinen Nachbarn eine Lösung finden musste, lag auf der Hand. Zuletzt 1896 scheiterten alle Versuche Berlins, die Stadt mit Charlottenburg, Köpenick und den Landkreisen Teltow im Süden und Niederbarnim im Norden zu vereinigen. Es lag auch daran, dass am Ende die Bereitschaft fehlte, den größeren Wohlstand der Städte im Süden fair zu teilen und auch die größere Armut im Norden gemeinsam zu schultern, wo Getreidefelder, Rüben und Kartoffeläcker bis an die Stadtgrenze reichten. Und so leisteten sich, obwohl Berlin und sein Umland unbestritten einen gemeinsamen Wirtschaftsraum bildeten, Vororte im Großraum Berlin weiter 15 eigene Elektrizitätswerke, 17 Wasserwerke, 43 Gaswerke und 60 Kanalisationsbetriebe.

Den Ausweg bot eine Kabinettsorder des preußischen Königs vom Januar 1912, mit der die Städte Deutsch-Wilmersdorf, Lichtenberg und Schöneberg, 25 in den Kreisen Teltow und Niederbarnim gelegene Dorfgemeinden und der Gutsbezirk Dahlem das Recht erhielten, ihrer Ortsbezeichnung den Namen »Berlin-« voranzusetzen. Sie schlossen sich mit Berlin zum Zweckverband Groß-Berlin zusammen, dessen Kompetenzen noch auf die Bereiche Verkehr, Bebauung und Erholungsflächen beschränkt blieben. Die große Gebietsreform konnte erst nach Krieg, Revolution und der Schaffung der Republik folgen.

Es bedurfte eines Politikers vom Schlage eines Adolf Wermuth (1855 - 1927), dass alle Beteiligten inmitten all der Umbrüche nicht den Faden verloren. Wermuth, zupackend, weltgewandt und parteiunabhängig, amtierte von 1912 bis 1920 als Oberbürgermeister.

Es war die Verfassungsgebende Preußische Landesversammlung, die am 27. April 1920 endlich das »Gesetz über die Bildung einer neuen Stadtgemeinde Berlin« verabschiedete. Mit Wirkung vom 1. Oktober 1920 bestand Groß-Berlin aus Berlin (Alt), sieben weiteren Städten, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirken, eingeteilt in 20 Bezirke. Eine Stadt mit 3,8 Millionen Einwohnern und einer Fläche von 878 Quadratkilometern. Die Wahl zur ersten neuen Stadtverordnetenversammlung fand am 20. Juni 1920 statt, die wählte dann aus ihrer Mitte den Magistrat.

Fast 100 Jahre später regiert in Berlin seit 2016 eine rot-rot-grüne Koalition. Sie würdigte das anstehende Jubiläum in der Präambel ihres Vertrages. »Mit der Schaffung von Groß-Berlin zum 1. Oktober 1920 wurde der bis dahin existierende kommunale Flickenteppich überwunden und in vielen Bereichen, beispielsweise in der Verkehrs- und Wohnungsfrage, Erstaunliches geleistet.« Die Stadt wird das Ereignis mit Veranstaltungen würdigen. Den Auftakt macht die zentrale Ausstellung »Chaos & Aufbruch - Berlin 1920/2020«, die das Märkische Museum vom 26. April 2020 bis zum 10. Januar 2021 zeigt.

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