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Knackig, säuerlich

Best of Menschheit, Folge 1: Kraut

  • Von Tim Wolff
  • Lesedauer: 3 Min.

So viel ist allen klar: Deutschland war ein menschheitshistorischer Fehler. Im Vergleich zu den anderen imperialistischen europäischen Mördernationen zu spät zu einer Einheit geformt, war es sofort allzu eifrig dabei, im Morden aufzuholen und gleich mächtig zu überholen. Zu diesem Zweck richtete es schon im Gründungskrieg 1870/71 gegen Frankreich erstmals schwere Artillerie gegen eingeschlossene Menschen.

Doch war das nur der Auftakt zu einer Reihe von Premieren an Kriegsverbrechen: Einsatz von Giftgas, Gebrauch von Flammenwerfern im Schützengrabenkampf, Massenbombardierungen ziviler Ziele und so weiter und so fort – wenig ließen die Deutschen andere erstmals begehen. Zwei Weltkriege und eine historisch einmalig akribische, industriell betriebene Menschenvernichtung später sah es auch der Volksmund ein und machte aus einer Anklage ein mit gewissem Stolz vorgetragenes Sprichwort: Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.

Wenig anderes Meisterliches steht dem gegenüber, ein paar erfolgreiche Fußballspiele, das eine oder andere gelungene martialische Geklimper und Trompete und ein paar Dichter und Denker, die aber vor allem dann gut waren, wenn sie gegen ihr Land gedichtet und gedacht haben. Aber selbst der gern als Gegenargument genannte und kulturell fest vermeißelte, der alte, mehr als solide Reimfetischist Johann Wolfgang von Goethe löste gleich mit dem ersten deutschen Roman eine europaweite Selbstmordwelle aus, weil ohne eine gewisse Menge Leiden und Leichen nichts Großes deutsch ist, und umgekehrt.

Doch eines gibt es, das die Deutschen gut gemacht, ja, dem sie sogar zu Weltruhm verholfen haben. Etwas, das noch Wert haben wird, wenn die Bevölkerung des brennenden Planeten im Kampf um die Zivilisationsreste zwischen den Todeszonen um Nahrung kämpfen wird (also in circa zwanzig bis dreißig Jahren): Kraut.

Kraut in seiner ganzen Herrlichkeit. Ob als Krautsalat oder Sauerkraut: Deutsches Kraut ist ein Segen! Nahr- wie schmackhaft, rettet es vor Mängeln aller Art. Es ist so unzerstörbar wie der deutsche Wunsch, am eigenen Wesen die Welt genesen zu lassen. Nur dass damit ein einziges Mal das Potenzial vorhanden ist, ohne die Herabwürdigung und Tötung anderer zu einer Genesung beizutragen.

Es ist eben kein Hohn, wenn der Brite, der sich trotz zeitweiliger Weltherrschaft keine akzeptable Cuisine zusammenrauben konnte, wenn der US-Amerikaner, der sich trotz gerade noch akuter Weltherrschaft nur eine Kitschvariante von Küchen aller Welt erschaffen konnte, den Deutschen »Kraut« nennen; es ist Anerkennung dafür, dass hier, in den mitteleuropäischen Landen, die leider zu Deutschland wurden, in der großen Tristesse des ewig herbstlichen Mampfens etwas wirklich Großartiges kultiviert wurde.

Natürlich ist das Sauerkraut keine deutsche Erfindung, dafür ist es zu gut und rechtschaffen. Und doch gebührt dem Volk der Vernichter und Henker der wesentliche Dank für die Verbreitung dieser Herrlichkeit. Selbst die Sprache rund ums Kraut ist eine Freude. Das Storzmesser, der Krauthobel, die Salzlake, der Krautstampfer – alles Begriffe von Kraft und Eleganz, die nichtdeutsche Ohren aufhorchen lassen, weil sie klingen, wie Deutsch nun mal klingt: knackig, säuerlich, aber im Abgang rund und zuweilen fast schon süß. So wie Sauerkraut eben.

Es ist daher an der Zeit, sich kurz zu verneigen: Wir bedanken uns also für alles, was es für uns getan hat – und noch tun wird –, und holen es zu einer letzten Verbeugung vor der Menschheit, die es überall dort so formidabel zu sättigen gewusst hat, wo man über die Herkunft hinwegsah, auf die Bühne: Deutsches Kraut! Applaus! Danke.

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