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Wenig Erpressungspotenzial

Ökonomen erwarten keine direkten Auswirkungen auf deutsche Wirtschaft

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.
Tanker vor saudischem Hafen Ras al-Khair: Öltransporte von hier aus könnten bald schwierig werden.
Tanker vor saudischem Hafen Ras al-Khair: Öltransporte von hier aus könnten bald schwierig werden.

In den 70er Jahren sorgte der Nahe Osten für eine globale Wirtschaftskrise. Im Zuge des Jom-Kippur-Krieges hatte die Organisation erdölexportierender Staaten (OPEC) im Oktober 1973 ihre Fördermenge um fünf Prozent gedrosselt. Sie wollte so den Westen wegen seiner Unterstützung Israels unter Druck setzen. In der Folge stieg der Ölpreis von weniger als drei auf mehr als zwölf Dollar je Fass. Für die kapitalistische Welt war dies ein Schock. Nie hatte der Ölpreis seit dem Weltkrieg mehr als drei Dollar betragen. Diese erste Ölkrise bewirkte auch in Deutschland eine schwere Rezession. Auf die islamische Revolution im Iran folgte bald noch eine zweite Ölkrise.

Heute ist vieles anders. Das zeigte im September der Angriff vermeintlich iranischer Drohnen auf ein Ölfeld in Saudi-Arabien, dem regionalen Gegenspieler des Iran. Wie in den 1970er Jahren fielen wochenlang fünf Prozent der weltweiten Ölförderung aus - ohne, dass es zu Verwerfungen in der Weltwirtschaft kam.

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Mit den Ölkrisen der 70er endete auch das «Wirtschaftswunder», der Nachkriegsboom in Westeuropa. Heute steht der Kapitalismus nach einem zehnjährigen Aufschwung so kraftvoll dar wie nie zuvor in seiner Geschichte. Zwar verunsichert der anstehende Brexit die EU, behindern Strafzölle den Welthandel und erschüttert der aktuelle Iran-USA-Konflikt die Börsen. Doch unterm Strich steckt die Weltwirtschaft bislang all diese Irrungen und Wirrungen kaum beeindruckt weg.

Das liegt auch am verwandelten Ölmarkt. Die traditionell wichtigsten OPEC-Mitglieder Iran und Saudi-Arabien haben an Bedeutung verloren: zunächst durch den Aufstieg Russlands zu einem großen Exporteur, dann durch den Wandel der USA vom Importeur zur Exportmacht. Erstmals seit den 1940er-Jahren exportiert das Land seit 2018 mehr Öl- und Ölerzeugnisse in andere Länder, als es einführt.

Ernster sieht die Situation für den Iran aus. Nach Angaben der deutschen Außenhandelsorganisation GTAI sank die Wirtschaftsleistung schon 2019 um 9,5 Prozent. Deutsche und europäische Firmen machen in Iran und Irak kaum noch Geschäfte. Lange waren die 80 Millionen Iraner für Deutschland wichtige Kunden. Doch der Versuch der EU, mit einem eigenen Zahlungssystem namens Instex die US-Sanktionen zu umgehen, steckt noch in den Startlöchern.

Nachdem die Vereinigten Staaten ihre Sanktionen gegen Teheran im vergangenen Jahr verschärft hatten, sank der offizielle Ölexport von rund drei Millionen Fass täglich auf nahe null. Zwar dürften weiterhin Lieferungen nach China und in andere asiatische Länder - bislang Hauptabnehmer iranischen Öls - über Schleichwege verschifft werden, doch die Verluste gehen in die Milliarden Dollar.

Die politische Führung Irans könnte auf die von Washington angeordnete Tötung ihres Generals Qassem Soleimani mit einer Verminung der Straße von Hormus reagieren. Da man kaum noch Öl ausführt, träfe dies Iran selbst nicht. Aber die Welt: Ein Fünftel des verbrauchten Erdöls passiert nach Angaben des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts dieses Nadelöhr. Eine Schließung ließe die Preise «mächtig hochgehen» - kurzfristig. Mittelfristig würde der Engpass durch andere Produzenten aufgefangen werden«, erwartet das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) Kiel. Staaten wie Russland oder die USA könnten ihre Produktion schnell hochfahren.

Auch die regionalen Gegenspieler des Iran haben vorgesorgt. Durch mehrere Pipelines könnten Saudi-Arabien und die Emirate ihr Öl zumindest teilweise an der Meerenge vorbeipumpen. Aktuell sei das Überangebot am Ölmarkt ohnehin »beträchtlich«, meinen Rohstoffanalysten der Commerzbank. Es bestehe daher auch ein Puffer für Ausfälle, sollte es zu einer weiteren Eskalation der Nahostkrise kommen.

Für die deutsche Wirtschaft erwarten Ökonomen überwiegend kaum unmittelbare Auswirkungen. Die Abhängigkeit vom Ölpreis sei seit den 1970er Jahren stark gesunken, so das IfW. Wegen der Energiewende spiele Öl beispielsweise in der Stromversorgung keine Rolle mehr. Auch als Industrierohstoff sei es vielerorts durch andere Stoffe ersetzt worden.

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Gleichwohl warnt IfW-Präsident Gabriel Felbermayr, die - durch andere Faktoren ausgelöste - steigende weltwirtschaftliche Unsicherheit wirke »als Dämpfer für die Konjunktur in Deutschland«. Mehr Sorgen muss man sich nach Darstellung von Felbermayr um wirtschaftlich schwächere Länder machen, die stark von Ölimporten abhängig seien und zugleich Handelsbilanzdefizite hätten, etwa Südafrika und Indien. Dort wäre ein länger anhaltender Ölpreisanstieg auf über 70 Dollar eine erhebliche Belastung.

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