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Die großen Bäume müssen fallen

Die deutschen Volleyballer verpassen Olympia, dem Team steht nun ein Verjüngungsprozess bevor

  • Von Oliver Kern
  • Lesedauer: 4 Min.

Lukas Kampa saß diesmal nicht minutenlang mit leerem Blick am Netzpfosten. Er hatte zwar wie vier Jahre zuvor mit der deutschen Volleyballnationalmannschaft die Olympischen Spiele verpasst, doch diesmal war es kein Pech. Diesmal war man an einem eindeutig stärkeren Gegner gescheitert. »Die Leere ist trotzdem da, aber wir hatten keinen Matchball wie 2016. Es hatte sich schnell angedeutet, dass es heute schwer wird zu gewinnen. Aber die Enttäuschung ist dennoch riesengroß«, sagte der Zuspieler nach dem mit 0:3 deutlich und verdient gegen Frankreich verlorenen Endspiel um das letzte Olympiaticket für Tokio.

Auch Kampas langjähriger Weggefährte Georg Grozer wirkte gefasster, selbst wenn er am Freitagabend wortlos die Berliner Max-Schmeling-Halle verließ. Allen war klar, dass das gerade das letzte Länderspiel des großen Stars des deutschen Volleyballs gewesen war. So viel hatte er vorher anklingen lassen. Nur bis Olympia hätte er noch weiter gemacht, das kann er jetzt aber nicht mehr.

So steht dem deutschen Team ein Umbruch bevor. Auch Kampa deutete an, dass er aufhören könnte. Zumindest wird er kürzertreten und höchstens noch für große Turniere zur Verfügung stehen. »Ich habe das noch nicht entschieden, aber meine Frau ist die meiste Zeit allein mit unseren Kindern zu Hause. Das Pensum, das ich seit 2008 mit dem Nationalteam fahre, werde ich nicht mehr schaffen.«

Kampa, Grozer, Denys Kaliberda und Marcus Böhme waren alle schon 2012 bei den Spielen in London dabei. Die von Paris 2024 scheinen für sie zu spät für einen weiteren Versuch zu kommen. Doch für den Deutschen Volleyball-Verband (DVV) muss das nichts Schlechtes sein. So langsam wächst eine gute Generation hinter den Alten heran, die nun Spielpraxis braucht. »Wir müssen jetzt den Jüngeren ihre Chance geben. Man muss an die Spiele in vier Jahren denken, und dafür muss die nächste Generation jetzt gepusht werden«, sagte Bundestrainer Andrea Giani.

Ob er selbst die Jungen bis Paris führen wird, war nach der Niederlage vom Freitag völlig unklar. »Ich hoffe es sehr für den deutschen Volleyball. Er ist ein außergewöhnlicher Trainer«, sagte Kampa, doch Giani selbst erklärte, er habe sich darüber noch keine Gedanken gemacht. Der Fokus habe nur auf den Spielen von Tokio gelegen, und der Vertrag des Italieners läuft Ende 2020 aus. Auch DVV-Präsident René Hecht sagte zunächst nur: »Wir werden nun besprechen, was passiert ist.« Ohne Olympia dürfte der DVV weniger Förderung erhalten. Das macht es umso schwerer, gute Trainer wie Giani zu halten.

Trotz des bitteren Endes einer insgesamt sehr erfolgreichen Generation war niemandem danach zumute, die Zukunft schwarz zu malen. »Die Jungs haben extrem viel Potenzial. Da mache ich mir keine Sorgen«, lobte Lukas Kampa die seit 2017 neu ins Team gestoßenen jungen Spieler um Mittelblocker Tobias Krick, Außenangreifer Ruben Schott und Libero Julian Zenger. Auf einigen anderen Positionen, vor allem der des Diagonalangreifers wird jedoch erst mal eine Lücke reißen, wenn Grozer nun abtritt.

Frankreichs Siegertrainer Laurent Tillie spendete den Deutschen jedoch Mut für die anstehende Phase. »Auch wir haben vor zwei Wochen unseren Hauptangreifer wegen einer Verletzung verloren, doch mit Jean Patry hatten wir dahinter bereits einen neuen Diagonalangreifer gefördert. Er ist erst 23, und heute hat er mit seinen Aufschlagserien das Spiel für uns entschieden«, lobte Tillie sein Nachwuchstalent. »Manchmal ist das wie in einem Wald«, sprach Tillie dann noch in Metaphern: »So lang der große Baum steht, bekommt der kleine darunter nicht genug Licht, um zu wachsen. Wenn der große aber fällt, kann danach wieder Großes entstehen.«

Der DVV dürfte einen Umbruch sogar aktiv vorantreiben, denn der Verband sieht gerade, wie schnell der klappen kann. Bei den Frauen traten die »großen Bäume« Margareta Kozuch, Maren Fromm oder Ariane Fürst in den vergangenen Jahren zurück. Ein paar erfolglose Jahre waren eingeplant, das Ziel Olympia 2024 wurde ausgegeben. Doch beim Qualifikationsturnier in Apeldoorn bot sich nach einem 3:0 gegen Favorit Niederlande nun völlig überraschend am Sonntagabend (nach Redaktionsschluss) die Möglichkeit, mit einem Sieg gegen die Türkei schon die Spiele in diesem Sommer zu erreichen.

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