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Am Boden, aber noch nicht K.o.

Gegen Angstgegner Spanien kassieren die deutschen Handballer eine bittere Niederlage

  • Von Michael Wilkening, Trondheim
  • Lesedauer: 4 Min.
In allen Bereichen unterlegen: Gegen die Spanier um Jorge Maqueda (Mitte) gab es für das deutsche Team am Samstag nichts zu gewinnen.
In allen Bereichen unterlegen: Gegen die Spanier um Jorge Maqueda (Mitte) gab es für das deutsche Team am Samstag nichts zu gewinnen.

Hendrik Pekelers Blick wurde aggressiver, die Augen funkelten. Vermutlich hatte der Abwehrchef der deutsche Handballer befürchtet, dass ihm irgendwann diese Frage gestellt werden würde, weil sie gestellt werden musste. »Nein«, sagte er bestimmt und die Mimik verdeutlichte die Klarheit dieses einen Wortes. Pekeler war gefragt worden, ob sich aus der Niederlage gegen die Spanier Parallelen zur Europameisterschaft vor zwei Jahren ableiten lassen. Bei der EM in Kroatien beendeten die Deutschen das Turnier mit einer in der Art und Weise blamablen Pleite gegen Spanien. Im Ergebnis wiederholte sich die Geschichte am Samstag in Trondheim, allerdings nicht in der Tragweite.

Nach dem 26:33 gegen die Iberer ist die EM für die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) noch nicht beendet - und die Gründe für die Pleite waren andere. »Die Spanier waren auf jeder Position besser als wir«, räumte Uwe Gensheimer ein. Der Kapitän der Nationalmannschaft schlich mit gesenktem Kopf aus dem Spektrum in Trondheim, vor und hinter ihm taten es ihm die Kollegen gleich. Die Enttäuschung und der Frust der deutschen Spieler war greifbar, was daran lag, dass Anspruch und Wirklichkeit im zweiten Gruppenspiel so meilenweit voneinander entfernt waren. »Das Ergebnis passt zu 100 Prozent, wir waren sechs bis zehn Tore schlechter«, fasste Verbandsvizepräsident Bob Hanning die 60 Minuten zusammen.

Unter dem Strich lässt sich der Auftritt der deutschen Handballer gegen die Spanier einfach beschreiben: er war richtig, richtig schlecht. Im Gegensatz zu der Niederlage vor zwei Jahren in Varazdin gegen den gleichen Gegner lagen die Gründe dafür aber nicht in einem gestörten Vertrauensverhältnis zwischen den Spielern und Bundestrainer Christian Prokop, sondern im fehlenden Vertrauen an sich selbst. Den deutschen Handballern fehlte gegen den Titelverteidiger der Mut.

»Wenn du nicht mit 100 Prozent auf die Abwehr draufgehst, sondern nur Alibi-Kreuze spielen willst, dann ist das genau das, was die Spanier haben wollen«, erklärte Pekeler. Der Abwehrchef war mit fünf Toren erfolgreichster Werfer, blieb aber trotzdem wie die Kollegen unter dem eigenen Niveau. »Es ist jetzt so wie es ist: Eine Katastrophe - das Ergebnis«, fügte Pekeler an.

Er und seine Kollegen wirkten vor dem Spiel sehr konzentriert und entschlossen. Sie wollten mit einem Sieg über Spanien eine Botschaft an die Konkurrenz und an sich selbst senden, dass bei dieser Europameisterschaft mit ihnen zu rechnen sei. Ihnen war bewusst, dass sie mit einem Erfolg die Chance auf die Halbfinal-Qualifikation erheblich vergrößern können - die Nationalspieler waren bis in die Haarspitzen motiviert, vermutlich war das zu viel.

Vielleicht liegt darin ein Grund für die haarige Anfangsphase, die zu einem 1:6-Rückstand nach nicht einmal zehn Minuten führte. Drei Fehlabspiele leisteten sich die Deutschen in dieser Phase, drei klare Chancen ließen sie ungenutzt. »Es war das Worst-Case-Szenario, dass man so in das Spiel reinkommt und so viele Würfe liegen lässt«, sagte Keeper Johannes Bitter. Letztlich griff dadurch die Verunsicherung wie ein Bazillus um sich. Die Deutschen, so war der Eindruck, wollten zu viel, verlangten von sich selbst zu viel und wurden von stark und cool aufspielenden Spaniern dafür hart bestraft.

Mit einem erwartbaren Sieg an diesem Montag (18.15 Uhr) gegen den krassen Außenseiter Lettland dürften sich die Deutschen für die Hauptrunde qualifizieren, werden dann aber mit null Punkten in die zweite Turnierphase starten. Die ursprüngliche Zielsetzung Halbfinale wird dadurch schwieriger zu erreichen sein, aber sie ist auch nicht unmöglich geworden. »Nein, die Ziele muss man nicht abhaken«, sagte Prokop.

Es bedarf einer klaren Analyse des schwachen Auftritts, um im Turnier noch einmal Schwung aufnehmen zu können. »Es ist noch nichts gelaufen, noch ist alles drin«, sagte Kapitän Uwe Gensheimer. »Viele von uns haben das schon erlebt, so eine Niederlage in der Vorrunde. Wichtig ist, das jetzt auch mental hinzubekommen«, lautete die Botschaft des Linksaußen von den Rhein-Neckar Löwen.

Die deutschen Handballer liegen, in der Boxer-Sprache ausgedrückt, nach einem Wirkungstreffer auf dem Boden - aber sind noch nicht K.o. gegangen. Die Bereitschaft, aus eigener Kraft wieder auf die Beine zu kommen, war am Tag nach der bitteren Niederlage spürbar.

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