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Globaler Handel auf Augenhöhe

  • Von Regine Beyß
  • Lesedauer: 4 Min.

Ich beschäftige mich ziemlich viel mit Kaffee – das hat mehrere Gründe. Zum einen trinke ich ihn viel zu gerne und muss mich immer wieder daran erinnern, dass zwei Tassen pro Tag völlig ausreichen. Zum anderen arbeite ich in einem Kollektivcafé, wo ich täglich vielen Menschen die ganze Bandbreite von Kaffeespezialitäten kredenze. Zudem habe ich mich als Studentin der Wirtschaftswissenschaften damit beschäftigt, wie globale Handelsbeziehungen aussehen könnten, die nicht kapitalistisch geprägt sind – am Beispiel von Kaffee.

Seitdem prallen für mich in diesem Getränk regelmäßig Welten aufeinander. In unserem Café verkaufen wir ausschließlich Kaffeebohnen, die von zapatistischen Kooperativen in Mexiko angebaut wurden. Diese Widerstandsbewegung kämpft seit 25 Jahren für ein solidarisches und nicht-kapitalistisches Wirtschafts- und Gesellschaftssystem. Mich haben diese Aktivist*innen vom ersten Moment an inspiriert – mit ihren Ideen, ihren Praxen und ihrer (erfolgreichen) Ausdauer. Erst vor kurzem gaben die Zapatistas bekannt, dass sie weitere autonome Bezirke in Mexiko aufbauen konnten, obwohl sie mit ständiger Repression und Belagerung von staatlichen Kräften konfrontiert sind.

Die Zapatistas können als ein konkretes Beispiel für den Ansatz des Post-Development (PD) gesehen werden. Dieses Konzept aus dem globalen Süden lehnt das westliche Entwicklungsparadigma komplett ab – sowohl als Diskurs als auch als politisches Projekt. Anstatt auf Wachstum und kapitalistische Verwertung setzen die PDVertreter*innen auf lokales (indigenes) Wissen und die darauf aufbauenden Strukturen. Konkurrenz und Wettbewerb stellen sie Kooperation und Solidarität entgegen. Sie wollen sich nicht dem Bild unterordnen, das die westliche Wirtschaftswissenschaft von ihnen zeichnet. Demnach sind bestimmte Länder unterentwickelt und müssen in den globalen Markt integriert werden, um ihre Defizite aufzuholen. Die Zapatistas hingegen werden nicht müde, den Kapitalismus zu kritisieren und zu betonen, welche Zerstörung ihm innewohnt.

Nichtsdestotrotz produzieren die Zapatistas für den Weltmarkt. Ihnen ist auch bewusst, dass ein völliger Rückzug ins Lokale keinen Sinn macht – deshalb vernetzen sie sich global mit vielen linken Bewegungen. Sie lehnen die Moderne nicht generell ab, sondern wollen die Elemente erhalten, die ein emanzipatorisches Potenzial haben. In ihren Kooperativen bauen sie Kaffee an, den sie selbst nicht konsumieren, weil sie trotz ihrer autonomen Strukturen immer noch auf ein monetäres Einkommen angewiesen sind, um zum Beispiel Medikamente, Schulmaterialien und Kleidung zu kaufen. Sie verkaufen ihre Kaffeebohnen allerdings vor allem an solidarische Strukturen, unter anderem an ein Netzwerk von europäischen Kollektivbetrieben.

Eines dieser Kollektive ist »Aroma Zapatista« in Hamburg. Sie sind Teil der anderen Welt, des globalen Nordens. Hier findet die Wertschöpfung statt, nachdem die Rohstoffe aus dem globalen Süden importiert wurden – und dessen sind sich die Kollektivist*innen bewusst. Sie versuchen, die zapatistische Bewegung zu unterstützen, indem sie einen möglichst hohen Preis für den Kaffee bezahlen, Öffentlichkeitsarbeit machen und zusätzliche Spenden generieren. Sie versuchen, so weit es geht, Kontakt auf Augenhöhe herzustellen, auch wenn sie die globalen Machtverhältnisse nicht auflösen können.

Außerdem organisieren sie sich selbst und bauen auch hier nicht-kapitalistische Strukturen auf. Die Kollektivistas zahlen sich einen eher niedrigen Lohn und beziehen sich zum Teil explizit auf den Degrowth-Ansatz. Die Degrowth-Bewegung fordert, Emissionen und Konsum im globalen Norden auf ein Niveau zu beschränken, das für Mensch und Natur nicht so schädlich ist, stattdessen die Bedürfnisse wieder in den Vordergrund zu stellen.

Der Kaffeehandel von Aroma Zapatista ist so etwas wie eine Brücke zwischen Norden und Süden, zwischen Post-Development und Degrowth, zwei Seiten einer emanzipatorischen Medaille. Die Lösung liegt wohl darin, beides miteinander zu verbinden, um die Welt irgendwann wieder als Ganzes sehen zu können. Ich bin in meiner Forschungsarbeit zu dem Schluss gekommen, dass globaler Handel sich durchaus solidarisch organisieren lässt. Das wird aber nicht reichen, denn die Frage nach unserem Konsumniveau ist damit noch nicht beantwortet. Und die Produzent*innen im globalen Süde––n müssten selbstbestimmt entscheiden können, was und wie sie wirtschaften. Diese Freiheit haben sie heute aber noch nicht.

Regine Beyß lebt in der Kommune Villa Locomuna in Kassel. Sie schreibt in OXI regelmäßig über Solidarische und Gemeinsame Ökonomie.

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