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2000 frustrierte Kunden Tag für Tag

Unschlagbare Billigangebote der Privatbahn Vlexx auf dem Rücken der Beschäftigten und ihrer Gesundheit

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 3 Min.
Vlexx-Zug am Hauptbahnhof in Frankfurt am Main
Vlexx-Zug am Hauptbahnhof in Frankfurt am Main

Während alle Welt von Klimaschutz redet und sich zu mehr Bahn bekennt, untergräbt die schleichende Privatisierung durch anhaltenden Ausschreibungswettbewerb im Regionalverkehr diese Zielsetzung. Die bundesweite Serie von Pleiten, Pech und Pannen im Zusammenhang mit Betreiberwechseln im Öffentlichen Personennahverkehr reißt nicht ab. Noch immer im Fokus steht die Privatbahn Vlexx, die sich nun auch im Saarland weiter ausbreitet und nach wie vor mit der korrekten Fahrabwicklung überfordert ist. So beklagen sich seit Jahren Nutzer der im Südwesten zwischen Frankfurt am Main, Mainz, Kaiserslautern, Koblenz und Saarbrücken eingesetzten Privatbahn über eine nicht endende Abfolge von Zugausfällen, massiven Verspätungen und allerlei technischen Mängeln an den Fahrzeugen.

Vlexx ist ein Ableger der italienischen Bahngesellschaft Trenitalia und des Luxemburger Investmentfonds Cube Infrastructure und hatte auf Betreiben der rheinland-pfälzischen Landesregierung vor fünf Jahren mehrere Strecken in Rheinland-Pfalz und angrenzenden Ländern übernommen. Auf der Seite einer eigens eingerichteten Facebook-Gruppe beklagen sich weit über 2000 frustrierte Kunden Tag für Tag über »Verspätungen und Vorkommnisse« rund um den Vlexx-Betrieb.

In seinem Streben nach territorialer Ausdehnung im Südwesten errang Vlexx dann 2017 im Ausschreibungswettbewerb einen weiteren Sieg über Deutsche Bahn-Tochter DB Regio. Unter Federführung des SPD-geführten saarländischen Verkehrsministeriums wurde dem Unternehmen ein Bündel von regionalen Schienenstrecken mit der Bezeichnung »Los 2« zugesprochen. Doch der angestrebte Start war mehr als holprig. Zum einen, so Vlexx, weil der Schienenfahrzeughersteller Bombardier die Züge nicht rechtzeitig geliefert habe. Zum anderen, weil die Firma nicht genügend neue Lokführer angeheuert hatte. Um einen Kollaps zu verhindern, sprang das Ministerium ein, so ein Sprecher, und kaufte Fahrzeuge von der DB Regio auf, die dann Vlexx zur Verfügung gestellt wurden.

Weil Vlexx offenkundig bestehendes Personal auf die neu gewonnenen Strecken orientierte, trat an anderer Stelle die Not offen zutage. So wurden kurzerhand wichtige Zugverbindungen aus dem Regelfahrplan gestrichen und frustrierte Fahrgäste zum Umstieg auf Busse, den sogenannten Schienenersatzverkehr, animiert.

Wenn Vlexx unschlagbare Billigangebote unterbreiten kann, so geschieht dies in aller Regel auf dem Rücken der Beschäftigten und ihrer Gesundheit. So beklagte die DGB-Bahngewerkschaft EVG unlängst, dass Vlexx seine Beschäftigten länger frierend in der Kälte stehen lasse, weil am Bahnhof Neunkirchen keine Pausenräume vorhanden seien. Inzwischen hat das Unternehmen auf seine Weise auf den Druck von Betriebsrat, Belegschaft und Gewerkschaft reagiert. So ließ die Unternehmensleitung dieser Tage am Bahnhof Neunkirchen einen Caravan-Anhänger samt Dixi-Toilette abstellen. »Die jetzt geschaffene Möglichkeit zum Aufwärmen und für den Toilettengang kann nur ein Provisorium sein«, so die Saarbrücker EVG-Geschäftsstelle. Camper und Dixi-Klo seien keine passenden Räumlichkeiten.

»Der abgestellte Wohnwagen entspricht keineswegs der Arbeitsstättenverordnung und erfüllt die geforderten Standards und Normen nicht im Geringsten«, so die Gewerkschaft, die nach eigenen Angaben die zuständigen Aufsichtsbehörden über die Zustände informiert hat. Solange das Unternehmen keine ordentlichen Räume für längere Pausenzeiten des Zugpersonals zwischen den Einsätzen stellen könne, müsse es alle planmäßigen Pausen durchgehend bezahlen, fordert die Saar-EVG.

Während Landesverkehrsministerin Anke Rehlinger (SPD) um Gesichtswahrung ihres Hauses bemüht ist, kann sich die Linksfraktion im Saar-Landtag zugute halten, dass sie schon 2017 die Ausschreibungspraxis und Vergabe an Vlexx kritisiert hatte. »Es ist ein Unding, dass ein Unternehmen den Zuschlag bekommen hat, weil es wohl etwas billiger war, auch wenn es die ausgeschriebenen Leistungen offensichtlich nicht erbringen kann«, so der Abgeordnete Jochen Flackus. Fragen wie eine faire Bezahlung und gute Arbeitsbedingungen würden bei solchen Ausschreibungen regelmäßig ausgeblendet.

»Insgesamt rächt sich hier die Privatisierung der Bahn, denn Mobilität ist ein Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge und gehört eigentlich in öffentliche Hand.« Ein gutes Verkehrsangebot sei vor dem Hintergrund des Klimawandels unerlässlich und dürfe kein profitables Geschäftsmodell werden, so Flackus.

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