Werbung

Die Demokratie in Europa ist gefährdet

Oriol Junqueras, Vorsitzender der katalanischen linksrepublikanischen Partei ERC, aus dem Gefängnis in Lledoners

  • Von Oriol Junqueras
  • Lesedauer: 6 Min.
Am Montag forderten in Barcelona: Demonstranten Freiheit für den katalanischen Separatistenführers Oriol Junqueras, der seinen Sitz im Europäischen Parlament infolge eines spanischen Gerichtsurteils verloren hat.
Am Montag forderten in Barcelona: Demonstranten Freiheit für den katalanischen Separatistenführers Oriol Junqueras, der seinen Sitz im Europäischen Parlament infolge eines spanischen Gerichtsurteils verloren hat.

Der katalanische Unabhängigkeitspolitiker Oriol Junqueras verbüßt im katalanischen Gefängnis Lledoners eine Strafe wegen Aufruhrs, der ihm und anderen Politikern und Aktivisten rund um das Unabhängigkeitsreferendum am 1. Oktober 2017 von der spanischen Justiz zu Last gelegt wurde. Junqueras ist Vorsitzender der linksrepublikanischen Partei ERC, die sich für die Selbstbestimmung und Unabhängigkeit Kataloniens einsetzt. Er ist gewählter Abgeordneter des spanischen und des EU-Parlaments. Beide Sitze hat er nachträglich verloren. Der Europäische Gerichtshof hatte ihm zwar auch parlamentarische Immunität gegen eine Strafverfolgung in Spanien zugesprochen, doch das spanische Oberste Gericht widersetzte sich und entließ ihn nicht aus der Haft. Oriol Junqueras wird eine Beschwerde beim Europäischen Gerichtshof einreichen. ml

Der politische Konflikt zwischen Katalonien und Spanien ist ein zutiefst europäischer Konflikt. Heutzutage ist der Ruf nach Demokratie und die Einhaltung von bürgerlichen und politischen Rechten der Katalanen eine innere Angelegenheit. Und zwar eine innereuropäische. Katalonien ruft nach Demokratie, es fordert Gerechtigkeit. Ein wichtiger Moment für Europa.

Mit dem offenen Rechtsstreit über die Immunität der katalanischen Europaabgeordneten und Unabhängigkeitsbefürworter ist diese Woche die spanische Strategie der Politikverweigerung im Herzen Europas angekommen. Meine parlamentarische Immunität als gewählter Europaabgeordneter ist zwar durch das spanische Wahlkomitee und den spanischen Obersten Gerichtshof verhindert worden, wenngleich mit in unseren Augen nach juristischen Standards nicht ganz nachzuvollziehenden Maßnahmen; aber wir haben es geschafft, dass Präsident Carles Puigdemont und Minister Toni Comín ihre Mandate antreten konnten. Es war eine große Freude, die Kollegen auf ihren Plätzen sitzen zu sehen. Ich bin davon überzeugt, dass ich in naher Zukunft meinen Sitz als MdEP auch antreten werden kann, wie ich es übrigens schon 2009 einmal getan habe, und dass wir uns bald im Europäischen Parlament begrüßen können werden.

Oriol Junqueras
Oriol Junqueras

Den Anspruch, dass es sich bei dem katalanischen um einen europäischen Konflikt handelt, haben wir in der Vergangenheit schon betont und heute ist es mehr als offensichtlich. Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) hat die Aufmerksamkeit auf die spanische Justiz gelenkt und klar festgestellt, dass ich ab Wahl Mitglied des Europaparlaments bin, genauso wie Puigdemont und Comín. Das Amt legitimiert sich durch die Stimme der Bürger und nicht aufgrund bestimmter Formalitäten, die Spanien mich nicht ausführen ließ. Als Mitglied des Europäischen Parlaments genieße ich wie alle seine Mitglieder die parlamentarische Immunität. Ohne den vorherigen, unrechtmäßigen Entzug der Immunität durch die spanische Justiz wäre es zu keinem Urteil gegen mich gekommen. Das Urteil (des EuGH) hält zwei Tatsachen fest: Ich bin trotz der Einschränkung durch Spanien Mitglied des Europaparlaments. Und: Meine Rechte auf Mandatsausübung wurden verletzt, weil ich eben ohne vorausgehenden Aufhebungsantrag meiner Immunität verurteilt wurde.

Wir befinden uns in einer Zeit, in der Demokratie auf der ganzen Welt einen schwierigen Stand hat. Mechanismen des lawfare, (bei dem das Rechtssystem gegen einen Feind eingesetzt wird, Anm. d. Red.) ermöglichen zweifelhaften Interessen immer öfter, demokratische Standards und deren Grundwerte anzugreifen, Präsidenten und öffentliche Posten ein- und abzusetzen und Mehrheiten zu beeinflussen. Diese Tendenz ist seit einigen Jahren leider auch in Spanien zu beobachten, insbesondere seitdem die katalanische Unabhängigkeit zu einer mehrheitsfähigen Bewegung in unserem Land geworden ist. Es ist jedoch ein globales Problem, das sich auch auf die Grundwerte der Europäischen Union auswirkt.

Europa kann nicht wegschauen, wenn einer der Mitgliedstaaten beschließt, gegen ein europäisches Gerichtsurteil zu verstoßen und sich der Souveränität der Union offen zu widersetzen. Spanien fordert Europa heraus, da es weiß, dass die Europäische Union nicht genügend Mechanismen hat, um sich durchzusetzen. Sie haben nichts dagegen, ihren internationalen Ruf oder ihre Legitimität zu verlieren, wenn sie nur die politischen Vertreter der Unabhängigkeitsbewegung in die Enge treiben können.

Ich bin davon überzeugt, dass wir den Kampf gegen Spanien juristisch letztendlich gewinnen werden, da die Liste der erfahrenen Rechtsverletzungen sehr lang ist. Aber es wird noch lange dauern und die Staatsmacht wird bereits ihren Zweck erreicht haben, nämlich uns vom politischen Leben auszuschließen und Rache an denjenigen zu üben, die es als seine Feinde betrachtet. Wir sind die größten Befürworter von Demokratie, Freiheit und Europa, und aus diesem Grund sind wir davon überzeugt, dass wir von den europäischen Institutionen unser Recht bekommen werden. Aus diesem Grund rufen wir die europäischen Demokraten auf, dazu beizutragen, dass der von uns eingeleiteten Dialog zwischen Katalonien und Spanien genutzt wird, und ein Ende der Repressionen zu fordern, die uns in die dunkelsten Momente der europäischen Demokratie versetzt. Wir bitten Sie, einem Aufhebungsantrag meiner Immunität als Europaparlamentarier nicht stattzugeben, da dieser nicht Gerechtigkeit, sondern Rache sucht. Es liegt in Ihren Händen, dies zu verhindern.

Unfreiheit ist keine Lösung. Nur Dialog, Politik und Demokratie werden es sein. Deshalb setzen wir uns für das Ende der Repression ein, und fordern eine Amnestie für die gesamte Causa der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung. Wir treten dafür ein, einen Verhandlungstisch zwischen Katalonien und dem spanischen Staat einzurichten und schließlich in einem Referendum über die Unabhängigkeit abzustimmen, wie es in anderen Demokratien wie zum Beispiel im Fall der Schotten möglich war.

Der katalanische Konflikt ist nicht mehr nur das legitime Bestreben eines sehr wichtigen Teils des katalanischen Volkes, sondern zu einem Problem der Verletzung von Menschenrechten und einem demokratischen Konflikt in der Mitte Europas geworden.

Der Dialog ist einen Versuch wert
Marta Vilalta über die schwierige Regierungsbildung in Spanien im Schatten des Katalonienkonflikts

Wir erhalten Unterstützung aus allen Teilen Europas, aber Europa muss eingreifen, um die Demokratie zu verteidigen. Die EU muss einen Schritt tun, um eine demokratische Handhabung zu finden, die das Ende der Repression und das Recht auf Selbstbestimmung ermöglicht.

Dieser Prozess ist eine Gelegenheit für Europa, sich auf die Seite der Demokratie zu stellen und jene Kräfte zu bekämpfen, die sie unterwandern wollen. Europäische Demokraten müssen wissen, dass die Feinde der Unabhängigkeitsbefürworter auch die Feinde Europas sind: die Rechtsextremen vertreten durch die Partei VOX. Salvini, Orban, Le Pen oder Abascal von Spaniens Volkspartei PP sind in diesem Punkt gleich. Demokratie in Katalonien zu verteidigen bedeutet, Europa und sein Überleben zu verteidigen. Lasst uns die Gelegenheit nutzen: Demokratie schützen, um Europa zu retten.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Als unabhängige linke Journalist*innen stellen wir unsere Artikel jeden Tag mehr als 25.000 digitalen Leser*innen bereit. Die meisten Artikel können Sie frei aufrufen, wir verzichten teilweise auf eine Bezahlschranke. Bereits jetzt zahlen 2.600 Digitalabonnent*innen und hunderte Online-Leser*innen.

Das ist gut, aber da geht noch mehr!

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen und noch besser zu werden! Jetzt mit wenigen Klicks beitragen!  

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!