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Massentourismus

Antworten auf »Overtourism«

In vielen Städten Europas sorgt überbordender Tourismus für immer mehr Verdruss. Smart gesteuerte Besucherströme könnten Abhilfe schaffen. In einigen Städten klappt es schon.

Von Solveig Michelsen

Es gibt Städte, die sind schwer zu knacken. Solche, die ihren Charme erst beim dritten Hingucken erahnen lassen; in denen jede erfolgreiche Entdeckung auf einem schieren Zufall beruht. Und dann gibt es wiederum Orte, die vor ihren Besuchern niederzuknien scheinen, um sie in die Geheimnisse und Schönheiten ihres Lebensgefühls bereitwillig einzuweihen. Was der Gast oft nicht weiß: Dahinter stecken meist touristische Strategien. Den Besuchern wird der einfachste Weg gewiesen, sie werden quasi an die Hand genommen, um Schokoladenseiten der Stadt zu erleben - mit ausgeklügelten Lenkungssystemen oder beispielsweise Citytickets.

Seit 2019 existiert dafür sogar eine Auszeichnung, um die sich alle EU-Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern bewerben können: den »EU Capital of Smart Tourism Award«. Mit diesem etwas sperrigen Titel wird gewürdigt, wenn sich Städte digital, nachhaltig, zugänglich und kreativ zeigen. Eine Expertenkommission untersucht dafür die einzelnen Kategorien (Digitalisierung, Barrierefreiheit, Nachhaltigkeit sowie Kreativität und Bewahrung des kulturellen Erbes), kürt einen Sieger in jedem Bereich und schließlich zwei Städte, die über alle Kategorien hinweg eine hohe Punktzahl erbracht haben. 2019 hießen die Gesamtsieger Lyon und Helsinki.

Führungen für Hörgeschädigte und offene Verwaltung

Beide Städte punkten in Sachen Barrierefreiheit und touristische Zugänglichkeit: So genannte City Helpers in der Nähe der Hauptattraktionen geben den Besuchern aktiv Auskunft in einer Vielzahl von Sprachen. Helsinki strebt eine CO2-Neutralität in vielen touristischen Bereichen an und fördert Marken und Einrichtungen, die ressourcenschonend arbeiten. Ein Virtual-Reality-Programm soll die Sehenswürdigkeiten auch Personen nahebringen, die sich nicht mehr selbst vor Ort ein Bild machen können; für chinesische Besucher wurde eine eigene App zur Information und Hilfestellung entwickelt. Lyon hingegen setzt stark auf sein kulturelles Erbe und versucht dieses einem möglichst großen Kreis an beeinträchtigten Personen zugänglich zu machen - neben rollstuhlgerechten Zugängen sind das zum Beispiel sprechende Menüs in ausgewählten Restaurants oder Stadtführungen für Gehörgeschädigte.

Für 2020 wurden aus 35 Bewerbungen Göteborg und Malaga als »European Smart Cities of Tourism« ausgewählt. Dem spanischen Malaga ist ein erstaunlicher Wandel gelungen: von einer klassischen Strand- und Badestadt zu einer »Museumsstadt«, wie sie sich heute nennt. In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich die Anzahl der Museen verneunfacht, was zu einem regen kulturellen Leben beigetragen hat. Das schwedische Göteborg hingegen setzt stark auf Digitalisierung und Nachhaltigkeit: Offene Verwaltungsdaten, die allen Bürgern zugänglich sind, können für Innovationen genutzt werden. Diese sind oft umweltschützender Natur wie zum Beispiel der »Event Impact Calculator«, der neben den ökonomischen und sozialen Auswirkungen auch die Effekte auf die Umwelt berechnet. 92 Prozent aller Hotels in Göteborg sind übrigens Öko-zertifiziert.

Die Kritiker wenden ein: Warum damit noch mehr Menschen in die Städte locken, sie zum Besichtigen verführen? In Zeiten, in denen »Overtourism« ein global bekanntes Phänomen geworden ist - wäre es da nicht sinnvoller, die Besucher aufs Land zu schicken, weg von den Ballungsräumen, in denen sich vermehrt Aggressionen zwischen Anwohnern und Besuchern aufstauen? Die Pragmatiker versuchen zu reagieren: Nur wenige sind bisher dazu zu bewegen gewesen, berühmte »Hot Spots« von ihrem Reiseplan zu streichen, kaum einer schien gewillt, Attraktionen gegen Small-Talk-untaugliches Niemandsland auszutauschen.

»Triff den Einheimischen!«

Da ist ein smartes Konzept gar nicht so verkehrt. Auch wenn der »Smart Tourism Award« nicht als Antwort für die unter den Touristenmassen leidenden Städte initiiert worden ist - als Linderung taugt er allemal. Denn weh tut es vor allem dort, wo sich Einheimische und Besucher in die Quere kommen, wo es stockt und sich staut und der Service versagt. Dagegen existieren verschiedene Rezepte. Die Skandinavier sind zum Beispiel erfinderisch, wenn es darum geht, Anwohner und Touristen zusammenzubringen - vom Programm »Meet the Danish«, bei dem Einheimische Besucher zu sich nach Hause einladen, bis hin zu den isländischen »Stopover Buddies«, eine Aktion von Iceland Air, die den Gästen beispielsweise Reykjaviks unbekannte Seiten nahebringt - in Kombination mit einem persönlichen Austausch. Angenehmer Nebeneffekt: Der Fokus der Besucher verschiebt sich - aufs Menschliche. Begegnungen werden wichtiger als eindrucksvolle Gebäude.

In Helsinki, Antwerpen und Birmingham (und sehr bald auch in Wien und Amsterdam) erleichtert eine Meta-Transport-App namens »Whim« die Nutzung sämtlicher zur Verfügung stehenden Verkehrsmittel per Einheitspreis. Wer per Bus plus Fähre oder Taxi plus Stadtrad eine Strecke zurücklegt (und dabei nicht über verzwickte Stadtpläne oder öffentliche Tarifsysteme verzweifeln muss), begibt sich abseits der ausgetretenen Routen und entdeckt eine Stadt von einer ganz neuen Seite.

In Lyon erkundigen sich die »City Helpers« über den Zeitraum von acht Monaten im Jahr nach Wünschen und Erwartungen der Touristen und sammeln diese Daten, um daraus neue Konzepte zu stricken. Gleichzeitig sind diese Ehrenamtlichen dazu da, Besucher zu sensibilisieren für die Bedürfnisse der Anwohner - und beugen damit einem Frust vor, wie er in vielen Städten schon Einzug gehalten hat. »Es geht uns um eine Balance zwischen den Besuchern und der Lebensqualität der Bewohner«, sagt dazu Francois Gaillard, Generalmanager des Tourismusbüros »Only Lyon«. Die Besucherlenkung setzt hier auf eine Streuung zwischen der historischen Altstadt und dem aufstrebenden, modernen Confluence-Viertel.

Städte wie Tallinn (Estland) und Posen (Polen) streben eine andere Umverteilung der Besucher an - vom Sommer auf den Winter bzw. Frühling. Viel dazu beigetragen haben eine Social-Media-Kampagne »Tallinn im Winter« und die Frühlingsaktion »Half Price Poznan«, die nun schon ins 13. Jahr geht und Besuchern in ausgewählten Zeiträumen 50 Prozent Rabatt auf viele Unterkünfte oder Attraktionen bietet. Die Not macht die Branche erfinderisch. Die latente Bedrohung durch Overtourism scheint viele Städte zu kreativen Lösungen und Angeboten zu führen, die sie umso lebenswerter machen: Besucher und Anwohner könnten profitieren.

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