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Klimaschutz auf Acker und Teller

27.000 Menschen beteiligten sich in Berlin an der zehnten Auflage der Proteste für eine Agrarwende

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 4 Min.

»Wie soll das eigentlich gehen?« Nele Krüger verzieht das Gesicht. Die 19-Jährige versteckt ihren Anflug von Ekel nicht, als sie erzählt, wie sie auf dem Weg zum Brandenburger Tor an einem zum Stadtbild in Berlin gehörenden fliegenden Händler vorbeilief, der aus einem Bauchladen heraus für 1,50 Euro Würste verkaufte. »Das kann weder etwas mit Tierschutz zu tun haben noch gut für das Klima sein, wenn wir überall so billig so viel Fleisch bekommen«, sagt die Studentin. Die Mehrheit der 27 000 Menschen auf der Straße des 17. Juni dürfte es an diesem Samstagmittag ähnlich wie Krüger sehen.

Zum inzwischen zehnten Mal hatte ein Bündnis aus Ökobauern, Umwelt- und Tierschützern zur »Wir haben es satt!«-Demonstration aufgerufen, die immer zum Auftakt der Agrarleistungsschau »Grüne Woche« stattfindet. Krüger ist erstmals dabei, auch wenn sie erst wenige Wochen vorher am genau gleichen Ort mit »Fridays for Future« beim zweiten globalen Klimastreik protestierte. »Eine Agrarwende muss doch Teil des Klimaschutzes sein«, ist sie überzeugt.

Die Initiatoren von »Wir haben es satt« sind der gleichen Ansicht. Nachdem in der Vergangenheit unter anderem der Kampf gegen das Freihandelsabkommen TTIP oder die aggressive EU-Agrarexportstrategie Schwerpunkt der Proteste waren, lautete das Motto in diesem Jahr: »Agrarwende anpacken, Klima schützen!«

Eine Entscheidung, die sich teilweise auch auf den angesprochenen Teilnehmerkreis auswirkte. Aktivisten von »Fridays for Future« gehören ebenso zu den Demonstranten wie Unterstützer von »Extinction Rebellion«. Essen, so der Tenor, ist politisch. Dass die Bedeutung der Landwirtschaft für den Klimaschutz unterschätzt wird, findet auch Georg Kurz, Co-Sprecher der »Grünen Jugend«. »Ich glaube, dass sich, anders als bei der Energie- oder Verkehrswende, beim Thema Landwirtschaft noch nicht die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass sich die Probleme nicht durch individuelle Einzelentscheidungen lösen lassen«, so Kurz gegenüber »nd«.

Kurz ärgert es, dass die Verantwortlichen so tun, als könnten die Menschen allein etwas über ihr Einkaufsverhalten ändern. Erst vor einer Woche hatte Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) in einem Interview mit der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« suggeriert, die Verantwortung liege vor allem beim Handel und den Verbrauchern. Es sei unanständig, »wenn der Handel die Kunden mit Dumpingpreisen für Fleisch in den Laden lockt, damit sie dort andere Produkte kaufen«, so die Ministerin. Wer einmal Hähnchenflügel für zwei Euro pro Kilo gekauft habe, der halte dies auch künftig für normal, sagte Klöckner. Kurz sieht das etwas anders: »Solange Massentierhaltungsfleisch zu den günstigsten Lebensmitteln gehört und überall verfügbar ist, solange wird es gekauft werden.« Er verstehe die Intention hinter Appellen an die Verbraucher. Doch das allein reiche nicht. »Es braucht klare, gesetzliche Rahmenbedingungen.«

Einen wichtigen Hebel sieht Kurz bei der Europäischen Union. Aktuell werde bei den EU-Agrarzahlungen »fast nur Masse und Fläche subventioniert«, kritisiert er. Man müsste die Förderung so umstellen, dass ökologisch produzierte Produkte für alle bezahlbar sind, während gleichzeitig Subventionen für alle Produkte, die nicht nicht nachhaltig sind, gestrichen werden. »Wer unsere Zukunft zerstört, darf dafür nicht auch noch Geld bekommen«, so Kurz.

Didem Aydurmuş, Co-Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft Tierrechte und Tierschutz bei der Berliner LINKEN, betont, wie politisch Konsum eigentlich ist. »Leider haben wir nach über 30 Jahren Neoliberalismus die generelle Vorstellung, dass alles, was ich mir leisten kann, auch mein Recht ist. Bei Autos ist das eine ähnliche Debatte wie beim Schnitzel. Wir vergessen total, dass unser eigener Konsum nicht privat sein kann, solange es dafür anderen Menschen, Tieren und der Natur an den Kragen geht«, sagt Aydurmuş.

Auch sie kritisiert Klöckner, konkret die aktuelle Kampagne des Landwirtschaftsministeriums, die unter dem Motto mehr Tierwohl, »Du entscheidest« steht. »Das ist der absolute Hohn«, findet sie. Das System bleibe für den Einzelnen weiterhin undurchschaubar, findet die Doktorin für Umweltpolitik.

Aydurmuş ärgert sich, weshalb die Politik nicht erkennt, dass die Landwirtschaft einen positiven Beitrag zum Klimaschutz leisten könnte. Anders als etwa der Verkehrssektor könnte die Landwirtschaft nicht nur CO2-neutral werden, sondern sogar zusätzlich noch klimaschädliche Emissionen binden, etwa durch Aufforstung von Wäldern. Dafür müssten allerdings dringend die industrielle Landwirtschaft beendet werden.

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