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Aus der Küchensoziologie

Hat die Dramaturgie einer Selbsthilfegruppe: »In my Room« von Falk Richter am Berliner Maxim Gorki Theater

  • Von Michael Wolf
  • Lesedauer: 5 Min.

Unter Intendantin Shermin Langhoff öffnete sich das Maxim Gorki Theater unter dem Slogan »postmigrantisches Theater« allen, die sich bislang nicht repräsentiert fühlten. Für den Kulturstandort Berlin war das ein Segen, das Gorki gilt im gesamten deutschsprachigen Raum als Leuchtturmprojekt. Das kleinste Stadtheater Berlins ist heute das erfolgreichste.

An keinem anderen Haus gelingt eine so starke Verbindung zwischen Künstlern und Publikum. Aber dieser Erfolg ist zugleich ein Dilemma, er ist teuer erkauft. Denn das vornehmliche Ziel der Kunst ist hier regelmäßig kein ästhetisches, sondern eben diese Verbündung.

Auch Regisseur und Autor Falk Richter zeigt sich dieser Agenda mit »In my Room« verpflichtet. Im Vorfeld kündigte er eine Inszenierung über toxische Männlichkeit an, in der die Gefahr eines neuen Faschismus keime. Was diese Erwartung angeht, darf man enttäuscht sein. »In my room« ist ein sehr privater Abend geworden. Shootingstar Jonas Dassler erzählt von einer schwierigen Vater-Sohn-Beziehung.

Ein schweigender Vater, der nichts mit seinem Sohn anfangen kann, der John Wayne verehrt und seine Gefühle nicht ausdrücken kann, der Angst vor der Homosexualität seines Sohnes hat, der Kriegstraumata mit sich herumschleppt. Es ist wohl die Geschichte des Vaters von Falk Richter. Der Monolog ist viel zu lang dafür, dass hier bei aller Tragik doch eine Nachkriegsgeschichte erzählt wird, wie man sie schon oft gehört hat. Interessanter ist Taner Şahintürks Bericht, wie sein tatsächlicher Vater als jugendlicher »Gastarbeiter« von einem deutschen Ehepaar zum Essen von Schweinswurst gedrängt wurde. Als er ablehnt, bekommt er das Frühstück gestrichen. Der Vater entwickelt eine Ablehnung gegen alles Deutsche, weshalb er später beim Spielen mit seinen Kindern jedem Schneemann mit einem türkischen Schnauzbart versieht.

»Mein Vater ist ohne meine Mutter ein Rätsel«, klagt Şahintürk. »Warum? Wie? Ich weiß es nicht. Dich zu analysieren macht keinen Sinn. Du redest nicht über dich. Dein Gefühl. Deine Angst.« Auch bei den anderen Herren erweist sich die Kommunikation mit ihren Vätern als gestört. Selbst Jonas Dassler, der seinem im Publikum sitzenden »Papa« liebevoll zulächelt, kann nicht verstehen, warum dieser Versicherungen verkauft anstatt seinen Traum zu verfolgen und Kunst zu machen. »Wenn ich ihn heute frage warum, dann kann er das nicht so richtig beantworten. Das ist so eine Leerstelle.« Auch Knut Bergers Vater hätte gerne ein anderes Leben geführt und seine Homosexualität ausgelebt. »Aber soweit war man damals noch nicht.« Auch mit ihm habe man nicht darüber reden können. »So als hätte er einfach keine Sprache dafür gehabt, keine Sprache für sein ungelebtes Leben, seine Sehnsucht, sein Begehren.«

Diese Geschichten sind mitunter berührend, interessant, aber auch aufdringlich im simplen Verfahren des Vortrags. Würden die Schauspieler hier nicht mit dem Authentischen wuchern, also »nur« ein Rolle spielen, fiele das ganze Konzept in sich zusammen. Der Abend folgt der Dramaturgie einer Selbsthilfegruppe, zumal die Monologe meist mit Songs enden, wodurch dem Publikum die Möglichkeit gegeben wird, beherzt zu klatschen. Danke Knut, danke Jonas, danke Taner.

Die Verbindung von Autobiografie und Soziologie liegt im Trend. In Frankreich erzählten Didier Eribon (»Rückkehr nach Reims«) und später sein Student Édouard Louis (»Das Ende von Eddy«) sehr erfolgreich, wie sie sich als schwule Jugendliche aus ärmlichen, konservativen Familien befreiten. Diese Geschichten bieten neben berührenden Familienerinnerungen auch eine politische Erklärung für alles, was schief läuft in der Gesellschaft. Louis’ letztes Buch heißt »Wer hat meinen Vater umgebracht?«, und er liefert gleich die Antwort: die Regierung, der Kapitalismus, die Gesellschaft, das System. Auch an diesem Abend sind die Väter Opfer der Verhältnisse. Erklärt werden sie zu solchen von ihren Söhnen, was den Paternalismus vom Kopf auf die Füße stellt.

Die Entwicklung des Männlichkeitsbildes ließe sich natürlich auch positiv formulieren, als Erfolgsgeschichte der Liberalisierung, sind doch die fünf Männer auf der Bühne heute sehr viel freier in ihren Lebens- und Liebesentscheidungen. Gemeinsam mit dem Publikum blicken sie bedauernd, anklagend, trauernd auf eine Generation herab, die an einem überkommenen Geschlechterbild litt und leidet. Der ewige Generationenkonflikt wird, mit Klaviergeklimper im Hintergrund, süßlich heruntergespielt.

Das ist Küchensoziologie und nicht wirklich politisch, was auch Falk Richter aufgefallen sein mag, weshalb er ab und zu den Holzhammer auspackt. Etwa, wenn Benny Claessens als esoterischer Leiter einer Familienaufstellung die »Schatten der Gaulands« beschwört, die beklagen, dass die verweichlichte »Herrenrasse« deutscher Männer keine Juden mehr ermorden würde. »Die wissen ja nicht mal, ob sie beim Pinkeln sitzen oder stehen soll, natürlich kriegen sie da keine Tür auf.«

Richter gilt, spätestens seit er von Beatrix von Storch wegen seiner Inszenierung »Fear« verklagt wurde, als Rebell gegen die Neurechte. Das ehrt ihn, verhilft seinen wütenden Kabarett-Sketchen aber nicht zu gedanklicher Schärfe.

Am Ende sind sich wieder alle einig, früher war alles schlechter, im Auditorium stehende Ovationen; so jung kommen wir nicht mehr zusammen. Richter geht in der nächsten Saison als leitender Regisseur an die Münchner Kammerspiele. Das Publikum dort gilt als konservativer. Der Umzug könnte seiner Kunst gut tun, weg vom Kuschelkurs.

Nächste Vorstellungen: 23.1., 1.2., 2.2.

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