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Missbrauchsskandal: keine einzige Anklage

Fast alle Ermittlungsverfahren gegen katholische Geistliche in Bayern eingestellt

Für den Kriminologen Christian Pfeiffer kommt die Nachricht nicht überraschend: Anderthalb Jahre nach der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie der katholischen Kirche haben die Behörden in Bayern in keinem einzigen Fall Anklage erhoben. Fast alle Ermittlungen gegen Kirchenleute wurden eingestellt, wie eine Anfrage der Deutschen Presse-Agentur bei den drei Generalstaatsanwaltschaften im Freistaat ergab. Der Grund: Die an Kindern und Jugendlichen verübten Verbrechen sind verjährt. Zudem sind 124 von 312 namentlich bekannten Beschuldigten längst verstorben. Vier Ermittlungen laufen in Bayern derzeit noch, einige wenige Fälle wurden an Staatsanwaltschaften in anderen Bundesländern weitergeleitet.

Christian Pfeiffer sagte am Wochenende gegenüber dpa, wegen der geltenden Verjährungsfristen sei »von vornherein klar« gewesen, dass die Ermittlungen »fast durchweg eingestellt werden müssen«. Für die Kirche sei die der Studie folgende Ankündigung von Kardinal Reinhard Marx, wonach alles an die Staatsanwaltschaften gegeben werde, kein Risiko gewesen. »Das war alles nur Show - mehr nicht«, ist Pfeiffer überzeugt.

Ursprünglich war im Juni 2011 das von Pfeiffer geleitete Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) von der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) mit der Studie beauftragt worden. Beziehungsweise: Kirchenmitarbeiter sollten unter Aufsicht eines KFN-Teams die Personalakten der Bistümer nach Hinweisen auf sexuelle Übergriffe durchsuchen. Im Januar 2013 wurde das Projekt von der DBK jedoch gekündigt. Das Vertrauensverhältnis zwischen Institutsdirektor Pfeiffer und den Bischöfen sei »zerrüttet«, hatte der Missbrauchsbeauftragte der DBK, Stephan Ackermann, diesen Schritt begründet. Pfeiffer hatte der DBK daraufhin vorgeworfen, die Studie zensieren zu wollen. Nun forderte der Kriminologe den Rücktritt Ackermanns als Missbrauchsbeauftragter und von Marx als DBK-Vorsitzender: »Beide haben sich völlig unglaubwürdig gemacht.« Marx habe eine unabhängige Aufarbeitung bewusst verhindert, um sich selbst und den damaligen Papst Benedikt zu schützen, der von 1977 bis 1982 Bischof von München und Freising war.

DBK-Sprecher Matthias Kopp wies die Vorwürfe entschieden zurück. Von einer Verhinderung einer transparenten Aufarbeitung könne »in keiner Weise die Rede sein«, erklärte er. Ein Sprecher der von Marx geleiteten Erzdiözese München-Freising teilte mit, mit der »engen und umfänglichen Kooperation mit den Ermittlungsbehörden« verfolge man eine »lückenlose Aufklärung und umfassende Aufarbeitung«.

Der Passauer Strafrechtsprofessor Holm Putzke erklärte hingegen, der Klerus habe sich »redlich darum bemüht, damit die in ihren Reihen massenweise begangenen Verbrechen an Kindern inzwischen nicht mehr verfolgbar sind«. Putzke hatte nach der Veröffentlichung der Studie gemeinsam mit einigen Kollegen Anzeige gegen unbekannt erstattet und damit die Ermittlungen angestoßen. Aus seiner Sicht war das Bemühen der Staatsanwaltschaften sehr unterschiedlich ausgeprägt, ebenso wie die Kooperationsbereitschaft der Bistümer. Manche Strafverfolger hätten pauschal jeden Tatverdacht verneint, »mit der fadenscheinigen und abwegigen Begründung, es gebe keine konkreten Täter, weshalb kein Anfangsverdacht vorliege«. Und einige Bistümer hätten nur herausgegeben, »was ohnehin schon bekannt ist«. Putzke wirft der Kirche zudem vor, der mit der Studie beauftragten Kommission »nur zuvor gefilterte Unterlagen übergeben« zu haben. Auch der Sprecher der katholischen Reformbewegung »Wir sind Kirche«, Christian Weisner, moniert, die Studie sei darauf angelegt gewesen, »nur generalisierte Ergebnisse zu bringen, um die Anonymität sowohl der Täter als auch der damaligen Verantwortlichen in der Kirchenleitung« zu schützen.

Der Sprecher der Opferinitiative »Eckiger Tisch«, Matthias Katsch, kritisierte erneut eine »Schweigekultur« in der katholischen Kirche. »Die Tatsache, dass niemand für die zahllosen Verbrechen von Priestern und ihren bischöflichen Beschützern an Kindern und Jugendlichen juristisch belangt werden wird, ist schwer erträglich«, sagte er am Sonntag.

Die SPD im bayerischen Landtag forderte angesichts der fehlenden Möglichkeit der juristischen Aufarbeitung die Abschaffung von Verjährungsfristen bei Sexualstraftaten mit minderjährigen Opfern. Für die im Herbst 2018 veröffentlichte Studie waren bundesweit mehr als 38 000 Akten untersucht worden. Dabei wurden 1670 Kleriker ermittelt, die zwischen 1946 und 2014 mindestens 3677 Minderjährige missbraucht haben. nd/Agenturen Kommentar Seite 8

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