Wenn Deutsche dirigieren

Das Spielfilmdrama »Crescendo« erzählt von einem israelisch-palästinensischen Jugendorchester

  • Von Jörn Schulz
  • Lesedauer: 3 Min.

Wenn 20 Jugendliche längere Zeit ohne strenge Aufsicht in einer abgeschiedenen Unterkunft in den Bergen zusammenleben, sollte es an sich niemanden überraschen, dass zwei von ihnen im Bett landen. Selbst wenn diese Jugendlichen sich für klassische Musik begeistern, also wohl als etwas nerdig gelten können.

Die Liebschaft zwischen der Israelin Shira (Eyan Pinkovich) und dem Palästinenser Omar (Mehdi Meskar) findet allerdings ein unschönes Ende, da Shiras Familie sie nicht gutheißt und ihr Onkel anreist, um sie diesem »Sodom und Gomorrha«, wie er es ausdrückt, zu entreißen. Die beiden versuchen zu fliehen, Omar stirbt bei einem Autounfall.

Die Möglichkeit sexueller Beziehungen hätte seitens der Organisatoren wohl von vornherein etwas größere Beachtung erfahren, wenn im wirklichen Leben jemand ein israelisch-palästinensisches Jugendorchester zusammenstellen und zusammen unterbringen würde, das die Begleitmusik zu Friedensverhandlungen in Südtirol spielen soll. Es ist legitim, so etwas aus dramaturgischen Gründen zu ignorieren. Schwerer jedoch wiegt in einem Film, der darstellen soll, wie die »Kraft der Musik« die verhärteten Fronten im israelisch-palästinensischen Konflikt überwinden kann, und der für keine Seite Partei ergreifen will, dass man zwar etwas über Omars, nicht aber über Shiras familiären Hintergrund erfährt. Missbilligen ihre Eltern den Sex an sich oder den Sex mit einem Palästinenser? Dies gilt auch für die anderen beiden Jugendlichen, die eine Schlüsselrolle in dem Film »Crescendo« spielen. Laylas (Sabrina Amali) zäher Kampf um die Teilnahme an diesem Projekt gegen den Widerstand vor allem der Mutter, die jede Annäherung an Israelis ablehnt, aber auch gegen bürokratische Schikanen am israelischen Checkpoint wird geschildert; Ron (Daniel Donskoy) ist einfach nur da.

Der Spielfilm »Crescendo« stellt seine Friedensbotschaft so sehr in den Mittelpunkt, dass er seine Darsteller zu Stichwortgebern degradiert und seine dramaturgischen Möglichkeiten verspielt. Insbesondere bei Layla und Ron ist das bedauerlich, denn Amali und Donskoy hätten mit ihrem schauspielerischen Potenzial aus dem Konkurrenzkampf darum, wer im Orchester die erste Geige spielt, weit mehr machen können, wenn das Drehbuch es gestattet hätte. Stattdessen rückt der deutsche Dirigent Eduard Sporck (Peter Simonischek), Sohn von NS-Verbrechern, allzu sehr als weiser Übervater und Friedensstifter in den Vordergrund.

Es ist eine weit verbreitete, aber fragwürdige Ansicht, dass die Deutschen aufgrund ihrer NS-Vergangenheit zum Friedenstiften im Allgemeinen und zur Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts im Besonderen berufen seien. Sie geht fast immer einher mit dem Irrglauben, die gewaltsame Austragung von Konflikten sei darauf zurückzuführen, dass die Kontrahenten nur zu bockig sind und zu wenig miteinander reden - was sich mit ein wenig Coaching unter deutschem Vorsitz gewiss beheben ließe.

In diese Rolle schlüpft Storck. Die »Kraft der Musik«, das bemerkt er schnell, genügt nicht. Also versucht er es mit gutem Zureden, Pädagogik und gruppendynamischen Spielen. Dramaturgisch funktioniert das nur in wenigen Szenen, etwa, wenn er Ron und Layla auffordert, mit- und nicht gegeneinander Geige zu spielen. Meist aber driftet der Film ins Klischeehafte ab. Als Ron vor der Abreise nach Südtirol Laylas Leitungsrolle in Frage stellt, gruppieren sich die Jugendlichen nicht nur entsprechend der israelisch-palästinensischen Konfliktlinie, sondern rufen auch gleich Parolen. Streit zwischen palästinensischen und israelischen Jugendlichen gäbe es in so einer Situation zweifellos, doch dürfte man ihnen etwas mehr Originalität und Individualität schon zutrauen; etwa einer Israelin Widerspruch gegen Rons Macho-Gehabe und Star-Allüren. Jenseits der Liebschaft von Shira und Omar darf hier niemand aus der Rolle fallen oder eine Initiative ergreifen, damit das Coaching des deutschen Dirigenten umso strahlender hervortritt. Da ist man geneigt, Ron recht zu geben, der sich in einem »Umerziehungslager« wähnt, und würde Storck gerne einmal »OK Boomer« zurufen.

»Crescendo«, Deutschland 2019. Regie: Dror Zahavi; Darsteller: Peter Simonischek, Sabrina Amali, Daniel Donskoy, Mehdi Meskar, Eyan Pinkovich. 102 Min.

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