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Wenn Idefix um Bäume weint

Best of Menschheit, Folge 3: Vermenschlichte Tiere

  • Von Tim Wolff
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Mensch hat schon Tiere gemalt (mangels Alternativen erst mal an Höhlenwände), als er sich seines, wie er es nennt: höheren Bewusstseins vielleicht noch gar nicht so richtig bewusst war. »Kultur« nannte er später diesen stetig ausgeweiteten und verfeinerten Copyright-Diebstahl, und spätestens seit er sich selbst - rückwirkend - das göttliche Gebot gegeben hat, sich die Erde untertan zu machen, malt er die Tiere nicht nur ab, sondern stattet sie mit seinen eigenen Eigenschaften aus.

Es ist der ultimative Trick der fröhlichen Selbsterhebung, die langlebigste Form der Unterhaltung, die der Mensch für sich gefunden hat: Tiere zu Menschen zu machen. Ob nun Schlangen verbotene Äpfel darbieten, Kater gestiefelt daherkommen oder nur obenrum gekleidete Enten namens Donald sich zu Weihnachten an Gänsebraten erfreuen - der Mensch kann sich nicht sattsehen am Tier als Mensch.

Mitbangen muss er, wenn er menschliche Gefühle im Hund imaginiert, wenn Lassie den Kopf schief legt, um den Timmy in uns wieder und wieder zu retten. Weinen muss er, wenn Rehmütter abgeknallt werden, wohl wissend, dass es ja nur ein vermenschlichtes Kitz ist, er also gar nicht um ein Tier weint, dessen massenweises Töten er problemlos mindestens zu tolerieren imstande ist, sondern um sich selbst, weil er leider - im Gegensatz zum Tier - ständig weiß, dass auch Mamas sterben müssen, so wie man selbst, und diese Tatsache leichter zu ertragen ist, wenn man gelegentlich stellvertretend für ein »Tier« heult.

Auch lachen muss er, wenn Tiere Menschensachen machen, wenn Garfield Lasagne isst, wenn Eiszeitnager keine Nuss abbekommen oder Idefix, der Hippie, um Bäume weint. Ja, so perfid-clever ist die Vermenschlichung des Tieres, dass der Mensch sogar damit seinen Selbsthass weglachen kann, das Ahnen, wie sehr er die Natur ausbeutet, über die er sich hat erheben müssen, um zu sein, was er ist - und sei es in Form eines Kaninchens, das fröhlich-überheblich Möhren nagend seinem Jäger die Flinte im Gesicht explodieren lässt.

Man merkt: Es sind vor allem Beispiele der Kinderunterhaltung, auf die hier menschliche Kultur reduziert wird. (Und ja, es sind wesentlich »westliche« Erzählungen - aber wir wollen so kurz vor Schluss ehrlich bleiben: Es war der Europäer mitsamt seinen imperialistischen Ablegern, der den Planeten unbewohnbar gemacht hat, während er gleichzeitig wirkungsvolle Geschichten über Tiermenschen weltweit exportierte; vielleicht, weil er zweiteres brauchte, um sich mit ersterem wohlzufühlen.) Wer sich das Programm eines Kinderkanals ansieht, weiß: Ohne diese immergleiche Masche kommt man nicht aus. »Wir haben ein neues Programm!« - »Ja?« - »Schweine benehmen sich wie eine Menschenfamilie, aber sie suhlen sich immer wieder in Schlammpfützen, weil sie Schweine sind, aber mit Gummistiefeln an den Füßen.« - »Lustig! Noch was?« - »Ja! Ein cleveres Schaf trickst immer wieder Mensch und andere Tiere aus. Es kann alles, was Menschen können, aber es blökt dabei!« - »Super, das mögen sogar Erwachsene! Noch was?« - »Eine Ratte als Gourmetkoch.« - »Sensationell!« ...

Es sind vor allem Kindererzählungen, weil mit diesem Kniff der Mensch seinen Nachwuchs alles vermitteln kann, was dieser über das Verhältnis zur Natur wissen soll: Sie dient einzig dem Menschen. Als Ressource. Als Müllhalde. Als Witz. Als Projektionsfläche. Als Trost.

Tiere als Menschen: ein genialer menschlicher Einfall, der keinen weiteren Applaus benötigt, weil er schon genug bekommen hat. Ja, selbst die Gegenprobe belegt es: Wer Menschen zu Tieren macht, produziert nur verwirrenden Schund. Man denke nur an das Musical »Cats«! (Kleiner Scherz: Das ist natürlich der gleiche Kniff, nur unnötig kompliziert und fürchterlich erzählt.)

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