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Jederzeit im Dienst der Kirche

Trauerfeier für Brandenburgs ehemaligen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe

  • Von Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 3 Min.

»Er hat die tödliche Dosis überlebt«, hieß es in den Redaktionsstuben, als Ministerpräsident Manfred Stolpe und seine SPD die Landtagswahl 1994 mit einer absoluten Mehrheit gewannen. Es war sein größter Sieg. So endete damals die jahrelange Belagerung eines Mannes, der in der DDR Konsistorialpräsident der evangelischen Kirche gewesen war und dem nach der Wende eine Stasi-Verstrickung vorgeworfen wurde. Die Anschuldigungen hat Stolpe politisch überstanden. Am 29. Dezember 2019 starb er im Alter von 83 Jahren.

Am Mittwoch fand in der Nikolaikirche Potsdam die offizielle Gedenkfeier statt. Gekommen waren hunderte Verwandte und Weggefährten, Prominente aus Politik und Kirche und solche, die es einmal gewesen sind.

Verlesen wurden Erinnerungen, die Manfred Stolpe an den Zweiten Weltkrieg bewahrt hatte, den er als Kind erlebte. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hielt dann die zentrale Rede. Er sprach Manfred Stolpes Witwe Ingrid an: »Am Ende seines Lebens griff die schwere Krankheit grausam nach ihm. Ertragen musste Manfred Stolpe nicht nur den Verlust der Stimme. Die Kräfte waren einfach erschöpft.« Steinmeier nannte Stolpe einen Ostdeutschen, der den Ostdeutschen Mut machte und der Westdeutschland verstand.

Bischof Christian Stäblein wies in seiner Predigt darauf hin, dass Stolpe »nicht dazu neigte, das Persönliche zur Schau zu stellen«. Es erklang in der Kirche der Titel »Über sieben Brücken musst du geh‘n«. Er stammt von der ostdeutschen Band Karat. Stäblein ordnete das Lied falsch dem Sänger Peter Maffay zu, der es lediglich im Westen bekannt machte. Stäblein hielt fest, Manfred Stolpe habe in der DDR erreicht, dass »in einem System der Unfreiheit Freiheitsräume geschaffen und ausgeweitet wurden«. Stolpe habe »jederzeit im Dienst der Kirche« gestanden.

Das wurde in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder angezweifelt. Nicht einmal nach seinem Tod verstummten Stolpes Widersacher. Die Äußerungen der Stasi-Landesbeauftragten Maria Nooke nach dem Ableben des Ex-Ministerpräsidenten irritierten ihn und andere Abgeordnete der SPD-Landtagsfraktion, sagte der Fraktionsvorsitzende Erik Stohn. Er widersprach ausdrücklich Nookes Darstellung, als Ministerpräsident habe Stolpe die Aufarbeitung der Vergangenheit behindert. Die langjährige Diskussion um seine Rolle als Konsistorialpräsident habe in Brandenburg eine umfangreiche Beschäftigung mit der DDR-Vergangenheit zur Folge gehabt, wesentlich umfangreicher als in anderen Bundesländern, unterstrich Stohn.

In Bedrängnis war Stolpe nicht allein in den drei Jahren, in denen ein Untersuchungsausschuss des Landtags sein Verhältnis zum Ministerium für Staatssicherheit überprüfte. In den Jahren 2009 bis 2014, als Stolpe längst im Ruhestand war, klopfte eine Enquetekommission des Landtags die Ära Stolpe auf angebliche Fehler, Versäumnisse und Defizite ab. Stolpe selbst kam in einem aus diesem Anlass entstandenen Kurzfilm selbst zu Wort. Er sagte: »Am schnellsten und am lautesten urteilen jene, die davon am wenigsten verstehen.«

1994 wurde Stolpe vom Untersuchungsausschuss vom Vorwurf des schuldhaften Handelns freigesprochen. Lothar Bisky, damals PDS-Fraktionschef und Ausschussvorsitzender, hatte dazu beigetragen. Der Landtag verabschiedete einen von Vertretern aller Fraktionen eingebrachten Antrag »Mit menschlichem Maß die Vergangenheit bewerten«.

Rückblickend resümierte Stolpe anlässlich seines 80. Geburtstags vor vier Jahren, er sei immer zu gutgläubig gewesen. Das habe zu Enttäuschungen geführt, er wäre besser misstrauischer gewesen, »wenn einer freundlich guckt und sagt, so und so ist das«.

Bei alldem aber hatte Stolpe den Humor nie verloren. In den 90er Jahren konterte Stolpe einmal während einer Landtagssitzung in einer politischen Auseinandersetzung mit PDS-Fraktionsgeschäftsführer Heinz Vietze: »Herr Vietze, selbstverständlich nehme ich jeden Morgen als erstes das ›Neue Deutschland‹ zur Hand und informiere mich dort über das Wesentliche.« Anderntags reagierte die Zeitung: »Dieses Lob unseres Ministerpräsidenten ist uns Ansporn und Verpflichtung zugleich.«

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