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Das Kassengestell kommt zurück

Frankreichs Präsident Macron löst ein Wahlversprechen ein und streicht Zuzahlungen für Brillen, Zahnersatz und Hörhilfen

  • Von Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 4 Min.

Im Präsidentschaftswahlkampf 2017 hatte Emmanuel Macron nicht nur die umstrittene Rentenreform angekündigt, sondern auch eine weitere Reform, die er »Null Euro für Gesundheit« nannte. Ziel war es, dass die Kosten für elementare Arten von Zahnersatz, Brillen und Hörhilfen komplett von den Kranken- und Zusatzkassen übernommen werden.

Dazu muss man wissen, dass die Beiträge für die öffentlichen Krankenkassen in Frankreich vergleichsweise niedrig sind. Entsprechend niedrig ist auch die Erstattung. Darum sind 95 Prozent der Franzosen auch noch Mitglied einer genossenschaftlichen Zusatzkasse, was sie monatlich 50 bis 150 Euro Beitrag kostet. Dafür erstattet diese in der Regel den Rest, sodass der Patient für gewöhnliche Arztbesuche, Untersuchungen und Behandlungen oder fürs Krankenhaus nichts zuzahlen muss. Bei Zahnersatz, Brillen und Hörhilfen sah es bislang ganz anders aus, die Patienten wurden kräftig zur Ader gelassen.

Um das zu ändern, hat die Regierung zwei Jahre lang mit Herstellern, den Verbänden der Zahnmediziner und der gewerblichen Dienstleister sowie mit öffentlichen und Zusatzkassen hart verhandelt. Seit dem 1. Januar ist die Reform im Wesentlichen in Kraft. Jetzt müssen die Optiker neben modischen Gestellen und Gläsern von renommierten Herstellern auch 17 verschiedene preiswerte Brillengestelle für Erwachsene und 10 für Kinder anbieten. Auch für die Standardgläser sind nun keine Zuzahlungen mehr erforderlich, obwohl diese bruchfest, kratzsicher und entspiegelt sein müssen. Es ist auch möglich, nur die preisgünstigen Gläser zu nehmen und bei einem modischeren Brillengestell der eigenen Wahl etwas zuzuzahlen.

Müssen Kronen, Brücken oder anderer Zahnersatz angefertigt und eingesetzt werden, hat der Zahnarzt dem Patienten jetzt drei gestaffelte Angebote zu unterbreiten: eine Lösung, die voll von den Kassen getragen wird, eine zweite reglementierte mit maßvoller Zuzahlung und eine dritte, bei der die Preise nach oben offen sein können. Auch bei der billigen Variante mit null Euro Zuzahlung müssen die vorderen Zähne, die wichtig für das Aussehen sind, aus Keramik sein, und nur für die Backenzähne reicht preisgünstiges Metall. Außerdem wird jetzt jegliche vorbeugende Zahnbehandlung voll erstattet, wovon man sich verspricht, dass später weniger Zahnersatz nötig sein wird.

Bei Hörhilfen, die bisher 1500 Euro pro Ohr oder mehr kosteten, wird die Reform in zwei Stufen umgesetzt: Seit Jahresanfang ist die Zuzahlung pauschal um 250 Euro pro Ohr reduziert, und ab 1. Januar 2021 ist gar nichts mehr zuzuzahlen. Diese Zwei-Stufen-Regelung ist nötig, um den Herstellern Zeit zu lassen, preisgünstigere Geräte in ausreichender Zahl bereitzustellen.

Zur Durchsetzung der Tarifänderungen argumentierte die Regierung mit der erwartbaren massiven Umsatzsteigerung durch neue Patienten. Umfragen zufolge verzichten heute 10 Prozent der Franzosen aus finanziellen Gründen auf eine neue Brille mit aktualisierten Werten. Bei Zahnersatz schrecken 17 Prozent der Patienten zurück und nehmen lieber Zahnlücken in Kauf. Bei Hörhilfen beträgt der Anteil derer, die sich ein solches Gerät nicht leisten können, sogar 67 Prozent. Für all diese Menschen ist die Reform gedacht.

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Die Regierung will keine Low-Cost-Lösungen, sondern Brillen, Zahnersatz und Hörgeräte mit einem guten Qualitätsstandard, damit die Veränderung angenommen wird. Maria Lambert, Sprecherin von France Asso Santé, dem Dachverband von 85 Patientenvereinigungen, begrüßt die Reform und hält die angebotenen Lösungen für »technisch und ästhetisch akzeptabel«. Entscheidend werde sein, ob die Zusatzkassen ihre Zusage an die Regierung einhalten, nicht ihre Beiträge zu erhöhen und so den Einspareffekt für die Mitglieder zunichte zu machen. Diese Kassen wird die Reform von 2020 bis 2023 eine Milliarde Euro kosten, die sie vermutlich aus ihren Finanzreserven bestreiten. Diese haben sich angesammelt, weil es sich bei den Zusatzkassen um Genossenschaften handelt, die keinen Gewinn erwirtschaften und ausschütten dürfen.

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Opfer der Reform dürften die Optiker werden, von denen es landesweit 12.000 gibt. Sie können zwar mit bis zu 20 Prozent mehr Kunden rechnen, doch ihre oft schon bescheidene Gewinnmarge schrumpft durch die Reglementierung weiter. 1500 Geschäfte werden das wohl nicht überleben, so schätzte es der Berufsverband der Optiker ein. »Die Reform kann nur funktionieren, wenn sich alle an die Spielregeln halten«, sagt Patientenvertreterin Maria Lambert. »Die Patienten und ihre Verbände werden das aufmerksam verfolgen und prüfen, um notfalls Alarm zu schlagen.«

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