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Rettet euch selbst, liebe Pflegekräfte!

Ausbeutung ist in den sozialen Berufsgruppen Alltag. Zeit, dass dieser Zustand ein Ende hat, meint Roberto De Lapuente

  • Von Roberto De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.
Pflege: Rettet euch selbst, liebe Pflegekräfte!

Das Wort unserer Zeit, so schrieb ich an anderer Stelle, ist »irgendwie«. Überall fehlt es an Personal, an Mittel, an Infrastruktur. Aber irgendwie wuppt man den Laden dann doch. Nicht immer sachlich richtig, nicht immer qualitativ hochwertig und zu aller Zufriedenheit. Aber doch so, dass nicht alles zusammenbricht. Besonders auf Krankenstationen geht es immer irgendwie weiter. Muss ja, Kranke dulden keinen Aufschub. Die Belastung und der Stress mögen noch so hoch sein, der Betrieb läuft weiter. Irgendwie.

Dass es in Krankenhäusern trotz der schlechten Situation läuft, hat eine Ursache: Nämlich den Umstand, weswegen Menschen eine Stelle als Pflegerin oder Pfleger ergreifen. Es ist die Empathie und die soziale Kompetenz, die den Betrieb aufrechterhalten. Diese Mixtur aus Verantwortungsgefühl und Fürsorgebereitschaft spricht natürlich für einen sozialen Beruf. Wer so tickt, geht nicht ins Investmentbusiness, sondern dorthin, wo man Menschen helfen kann.

Diese »berufsspezifische Haltung« ist zuweilen ein Problem. Denn wenn sie dazu führt, nicht mal nein zu sagen, weil man den siebten oder achten Tag in Folge zum Dienst kommen soll, um Ausfälle zu kompensieren, dann reibt man sich nicht nur auf. Nein, man stützt ein auf Knappheit und Ausbeutung zugeschnittenes System, verstetigt sozusagen die Misere und sorgt dafür, dass es am Ende heißt: Mensch, geht doch irgendwie!

Nun ist es schön, wenn man seine menschlichen Qualitäten in eine Lebensaufgabe überführen kann. Wenn man also seine soziale Kompetenz und seine Empathie zur Grundlage seines Jobs machen kann. Ja, wenn man – ein bisschen pathetisch gesagt – seiner Berufung folgen darf. Nur sollte man in einem Gesundheitssystem wie dem unseren umswitchen lernen, aus der Berufung beim Beruf landen. Mit allen klassenspezifischen und arbeitskämpferischen Konsequenzen.

Es ist bizarr - oder soll man sagen gewieft? -, wie die Politik versucht, die Berufe eines sozialen Sektors, der dem freien Markt ausgeliefert wurde, moralisch aufzuwerten. Sie ruft zum Dienst, hofiert »Pflegehelden«, kitzelt die Empathie junger Leute, lässt aber die Verbesserung der Arbeitsbedingungen außer Acht.

Die Reduzierung auf die Empathie kanalisiert ein etwaiges berufliches Selbstbewusstsein. Man betreibt eigentlich eine Art emotionale Erpressung von Anfang an, weil man diese Gruppe mit ihrer Menschlichkeit in den Job holt und sie dort auch damit klein hält. Nirgends tut man das sonst. Die Polizei lockt nicht mit Gerechtigkeitsempfinden und die Metallbranche nicht damit, Leute mit Stahlaffinität zu ködern. Aber die Pflege hat eine Grundqualität, die als Qualifikation angepriesen wird – und mit der man später Pflegekräfte auszubeuten vermag.

Pflegekräfte, die in diesem freien Gesundheitsmarkt ihren Mann oder ihre Frau stehen müssen, sollten lernen, in diesem knallharten Betrieb als Berufs- und nicht mehr nur als Berufungsgruppe aufzutreten. Empathie ist eben keine Tugend – nicht im Wettbewerb und nicht, wenn man sie benutzt, um auszubeuten. Auch das Stichwort »Achtsamkeit« muss man berücksichtigen. Man muss der Pflege mehr geschäftliches Auftreten empfehlen, weniger Herzensgüte, denn diese Ressource wird gegen sie verwendet, damit der Betrieb irgendwie läuft.

Das klingt hart und kalt – und es widerstrebt mir auch. Denn eigentlich bräuchten wir mehr empathische Menschen. Aber wenn man dieses perverse System der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft halbwegs neu organisieren will, muss es wahrscheinlich erst an seine Grenzen kommen. Mehr kollektives Selbstbewusstsein der Pflegekräfte, indem sie es nicht mehr erlauben, ihre Mitmenschlichkeit als Ressource zu melken: Das wäre ein Ansatz.

Der macht den Alltag in Krankenhäusern sicher nicht erträglicher. Aber vielleicht muss es zunächst schlechter werden, damit es wieder besser wird. Der Philosoph Hegel hätte das eine »List der Vernunft« genannt – Fortschritt funktioniere manchmal so. Denn die Pflege wäre an sich in einer mächtigen Marktposition. Sie ist ein knappes Gut: Eigentlich bietet das Marktvorteile. Freilich nicht, wenn man sich durch emotionale Erpressung aus diesem Markt drängen lässt.

Seid also ruhig kälter und abgebrühter, liebe Pflegekräfte. Dosiert eure Empathie gut. Ihr könnt nicht alle retten, wenn ihr nicht hin und wieder euch rettet!

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