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Spielen mit Gleichaltrigen: Unser Autor hat im Erwachsenenalter den Video-Kanal »Senioren Zocken« entdeckt

  • Von Adrian Schulz
  • Lesedauer: 3 Min.

Schon als Kind mochte ich die Erwachsenen lieber als die anderen Kinder, genannt Gleichaltrige. Spielen sollte ich mit ihnen, den Gleichaltrigen. Spiel doch mal mehr mit den Gleichaltrigen! Hieß es unentwegt. Von den Erwachsenen. Die aber waren ja gleichaltrig: alle erwachsen. Also sah ich keinen Grund, mein Verhalten zu ändern.

Fußballspielen habe ich denn auch nie gelernt; den Reiz von Doubletime-Rap auch nicht oder wann es nicht schwul war, die anderen Jungs an den Eiern zu packen und wann doch; Nintendospielen immerhin ein bisschen. Wie toll Fernsehen ist, vor allem, aber das mochten ja auch die Erwachsenen. Im Fernsehen waren die Kinder immer glücklich und wurden von Erwachsenen gespielt.

Heute bin ich selber erwachsen, und zwar in einem Alter, in dem man sich mitunter schon mal auf der Rolltreppe ausruht, um wieder Luft zu bekommen. In solchen Momenten fummele ich wie alle alten Leute ein Bonbon aus einer Tasche, um das süße Bröckchen in meinem Mund zu lutschen, also den Zuckerklumpen meine Schleimhäute massieren und sich daran zerreiben zu lassen.

Umso größer ist die Freude, es nach einem solchen Ausflüglein in die Stadt einmal wieder heil und ohne Knochenbruch nach Hause geschafft zu haben. Dann klemme ich mich hinter den Computer, den ein Bekannter mir vor drei Jahren besorgt hat, und schaue einige Filmchen darauf.

Ein Rätsel gibt mir der Herrgott mit der Frage auf, wie ich es so lange geschafft habe, an »Senioren Zocken« vorbeizukommen. Auf dem Kanal spielt ein Ensemble alter Menschen aus Berlin mit- und gegeneinander Computerspiele; einige der Videos haben Hunderttausende oder sogar Millionen Aufrufe. Darüber könnte man jetzt allerlei gesellschaftlich Relevantes ausführen: angefangen bei der offenkundigen Diagnose, dass wir nicht im »Anthropozän« leben, sondern im Gerontozän, unsere Landschaft also vor allem das Relikt menschlicher Relikte ist, über die Seltsamkeit, dass deutsche alte Menschen mit Panzern spielen, bis hin zu Physiognomie und Verhalten der betreffenden Senior*innen. Bemerkenswert wären noch weniger ihre saloppen Kommentare, die jeder durchschnittliche »Tatort«-Drehbuchschreiber wohl besser hingescriptet bekäme. Hervor sticht vielmehr am meisten, dass kaum eine*r der Beteiligten die Spiele, meistens vom Typ »Landwirtschaftssimulator«, auch nur annähernd beherrscht. Sie fahren gegen Wände, hopsen in animierte Binnengewässer oder schleichen mit Schrittgeschwindigkeit auf der Autobahn entlang, meist ohne selbst ein untrügliches Zeichen auszustrahlen, dass sie noch am Leben sind. Also wie ich damals, im Jugendzimmer irgendeines der wenigen Gleichaltrigen, die dann doch nicht ausblieben.

Die Ängste, die für die ja auch heute noch Gleichaltrigen so bedrohlich sind - nicht schnell genug zu sein, etwas zu verpassen, womöglich noch ihre Gleichaltrigkeit -, sind aus der Perspektive einer Schildkröte wie mir ungefähr so real wie die Unterseite einer Rolltreppe, die es ja auch geben soll. Bislang habe ich es noch immer rechtzeitig vor den fatalen Zinken heruntergeschafft.

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