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Pausetaste gedrückt

Die Pläne für das riesige Logistikgebiet im nordhessischen Neu-Eichenberg liegen auf Eis

  • Von Stefan Otto
  • Lesedauer: 5 Min.
Demonstrierende stellen im Januar 2019 ein erstes Dreibein aus Baumstämmen auf den Acker am Dorfrand von Hebenshausen, das zur Gemeinde Neu-Eichenberg gehört.
Demonstrierende stellen im Januar 2019 ein erstes Dreibein aus Baumstämmen auf den Acker am Dorfrand von Hebenshausen, das zur Gemeinde Neu-Eichenberg gehört.

Wenn Christoph Henke bei der Verkehrsplanung von einem «Worst-Case-Szenario» spricht, dann meint der Chefplaner des Logistikgebiets eine komplette Bebauung des rund 80 Hektar großen Areals. Hunderte, wenn nicht gar Tausende Lastwagen würden täglich in den Verteilzentren der Online- und Versandhändler be- und entladen werden. Der kleinen nordhessischen Gemeinde Neu-Eichenberg, in der nicht einmal 2000 Menschen leben, würde damit der Verkehrskollaps drohen. Sämtlicher Verkehr müsste nämlich über eine einzige Zufahrtsstraße abgewickelt werden. So sieht es die Planung vor.

Fotostrecke: Proteste gegen das Logistikgebiet in Neu-Eichenberg

  • Demonstrierende stellen im Januar 2019 ein erstes Dreibein aus Baumstämmen auf den Acker am Dorfrand von Hebenshausen, das zur Gemeinde Neu-Eichenberg gehört. Dort soll auf einer Fläche von 80 Hektar ein Sondergebiet Logistik für Versand- und Onlinehändler entstehen. Die Pläne wurden jetzt unterbrochen.
  • Eine Aktionsgruppe hat im Mai 2019 auf dem Acker ein Camp errichtet. Seitdem ist das Gelände dauerhaft besetzt.
  • Konzert im Regen

Fotostrecke mit 9 Bildern

Paradox daran ist: Genau dieser «schlimmste Fall» ist für die Befürworter des Riesenprojekts in der Gemeinde, zu denen auch Henke gehört, erstrebenswert. Weil sie sich durch den Logistikpark Steuereinnahmen und Beschäftigung versprechen. Sie hoffen, dass sich die Gemeinde dadurch wirtschaftlich entwickeln kann.

Doch ob dieses Szenario eintritt und in der kleinen nordhessischen Gemeinde eines der größten Logistikgebiete in Europa entsteht, ist derzeit völlig unklar. Denn die Gemeindeversammlung in Neu-Eichenberg sprach sich am Dienstagabend unerwartet für eine Unterbrechung des Planungsprozesses aus. Die Bürgerinitiative «Für ein lebenswertes Neu-Eichenberg» feiert dies als Erfolg: «Der Einstieg in den Ausstieg ist geschafft!», twitterte die Initiative noch in der Nacht. «Mit 8:7 hat sich gestern das Gemeindeparlament für ein mind. 6-monatiges Moratorium entschieden, in dem Alternativen zum Logistikgebiet ausgelotet werden. Vorgeschlagen ist ein runder Tisch mit Beteiligung der Bevölkerung. Yeah!»

Bürgermeister Jens Wilhelm (SPD) zeigte sich überrascht über die Entscheidung. «Die Auswirkungen sind weitreichend», sagte er gegenüber dem «nd». Die dreiköpfige Grünen-Fraktion hatte am Dienstagabend kurzfristig den Antrag in die Sitzung eingebracht, das Verfahren sechs Monate ruhen zu lassen. Zwar hat es in den vergangenen Monaten einen Stimmungswandel in Neu-Eichenberg gegeben. Auch in den SPD- und CDU-Fraktionen haben die Zweifel an dem Logistikgebiet zugenommen. Aber bislang gab es stets eine Mehrheit an Stimmen, die sich für das Logistikzentrum ausgesprochen hatte.

Wie es jetzt weitergeht, ist für den Bürgermeister noch unklar. «Wir wissen heute noch nicht, wie sich dieses neue Gremium zusammensetzt und wie wir den Runden Tisch gestalten», sagte er am Tag nach der Sitzung. Die Bürgerinitiative hofft indes, dass jetzt die Zeit gekommen ist, um am Runden Tisch tragfähige Alternativen zu entwickeln. «Wir haben seit Monaten auf eine Pause in den Planungen gedrängt, um in Ruhe gemeinsam darauf schauen zu können, was eigentlich die Bedürfnisse für die Entwicklung der Gemeinde sind und ob diese nicht auch auf anderem Wege als durch ein Logistikgebiet erreicht werden könnten», erklärte Caroline Benzinger, Sprecherin der Initiative. Grundsätzlich erhofft sich die Bürgerinitiative durch die nun beschlossene Pause einen weniger emotional aufgeladenen Umgang mit dem Thema. «In den vergangenen Monaten waren die Diskussionen häufig sehr angespannt und zum Teil auch äußerst emotional. Nun ist der Druck erst einmal raus und wir hoffen auf ein Begegnen auf Augenhöhe sowie sachliche und inhaltlich fundierte Debatten», so BI-Mitglied Antonia Ley.

Der Investor für das Logistikgebiet, die Dietz AG aus dem südhessischen Bensheim, hatte sich übrigens bereits zum Jahresende zurückgezogen. Der Projektentwickler hatte einen Vorvertrag über die Domänefläche am Ortsrand von Hebenshausen nicht verlängert. «Maßnahmen der Verfahrensgegner haben dazu beigetragen, dass der Standort für den potenziellen Nutzerkreis - um es positiv zu formulieren - enorm an Attraktivität eingebüßt hat», schrieb das Unternehmen im August an den Bürgermeister. Der Protest gegen das Logistikgebiet hatte im vergangenen Jahr merklich zugenommen. Seit Mai hält eine Aktionsgruppe einen Teil der Ackerfläche besetzt und hat dort ein Camp errichtet.

Auch Matthias Klipp, Sprecher der BUND-Ortsgruppe in Witzenhausen und Neu-Eichenberg, zeigte sich erleichtert über die Auszeit. «Es ist gut, dass die Gemeindevertretung Mut zur Umkehr gezeigt hat. Jetzt gibt es endlich ein Zeitfenster, um gemeinsam mit allen Akteuren vor Ort und aus der Region abzuwägen, welche Planung für die Region richtig ist.»

Konkret gibt es zwei Vorschläge für eine alternative Nutzung: Die Firma Adaica aus Witzenhausen wirbt dafür, das Areal großflächig für Solarenergie zu nutzen. Darüber hinaus arbeitet die Projektgruppe «Land schafft Zukunft» der Universität Kassel an einem ambitionierten Entwurf für das Gelände. «Wir präferieren eine regenerative Landwirtschaft, um die Qualität der Böden zu verbessern», sagte Stephan Lütkemeyer, ein Sprecher des Projekts, an dem Gärtnerinnen und Gärtner sowie zahlreiche Studierende des in Witzenhausen ansässigen Fachbereichs für Ökologische Agrarwissenschaften mitwirken.

Ihren Entwurf hat die Gruppe bereits der Gemeinde vorgestellt. Er sieht Flächen für eine Agroforst-Bewirtschaftung vor, bei der Baumreihen neben Ackerstreifen stehen. «Gerade für trockene Sommer ist das eine vorteilhafte Bepflanzung», erklärte Lütkemeyer. Es gibt auch Überlegungen, dort Gemüse anzubauen und einen Samenbaubetrieb anzusiedeln. Für ein Bürgerenergieprojekt soll zudem Energieholz angebaut und auf einer weiteren Fläche sollen Photovoltaikanlagen mit Ackerbau kombiniert werden. «Damit könnte eine gemeindeeigene Energieversorgung aufgebaut werden», so Lütkemeyer. Auch der Domänehof in Hebenshausen geht in die Überlegungen der Gruppe ein. Dort sei ein Mehrgenerationenwohnen sowie Kleingewerbe denkbar. «Wir wollen das Ökologische mit dem Wirtschaftlichen und dem Sozialen gleichermaßen verbinden, erläuterte Lütkemeyer.

Antonia Ley von der BI wünscht sich, dass diese Überlegungen beim Runden Tisch gehört werden. Dann würde auch die Öko-Modell-Region Nordhessen, zu dem sich die Landkreise Kassel und Werra-Meißner zusammengeschlossen haben, endlich zum Leben erweckt werden können.

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