Die Geheimnisse von Tatarstan

Halbmond, Kreuz, Sowjetstern - und die Vorfahren von Aitmatows Mutter

Von Irmtraud Gutschke

Lange bin ich nicht auf die Idee gekommen, Tschingis Aitmatow mit einem anderen Ort als Kirgistan in Verbindung zu bringen. Das Porträt seiner Eltern weckte kurze Verwunderung: Die schöne Mutter sah nicht wie eine Kirgisin aus. Sei’s drum. Ich habe ihn nicht danach gefragt, und er hat über die Mutter kaum gesprochen. Als ich später in Kirgistan erfuhr, dass sie Tatarin war, bekam ich Lust, mehr über sie zu erfahren.

Den letzten Anstoß für meinen Reisewunsch Tatarstan gab dann ein Gespräch im Deutsch-Russischen Kulturinstitut in Dresden. Ein Besucher meiner Veranstaltung schwärmte dermaßen von Kasan, wie es sich inzwischen herausgeputzt habe, dass ich die Stadt unbedingt wiedersehen wollte. Ende Juni 2019 fuhr ich hin und hatte gleich diesen Hintergedanken: Beim nächsten Mal nehme ich noch andere Interessierte mit.

Inzwischen steht der Reiseplan. Vom 22. bis 28. Mai 2020 werden wir unvergessliche Erlebnisse haben. Alles ist gut überlegt, beginnend schon mit dem Hotel in Kasan, das mitten in der prachtvollen Fußgängerzone liegt.

Voriges Jahr hatte ich mich gleich nach meiner Ankunft auf den Weg durch die Baumann-Straße gemacht, die an den Arbat in Moskau erinnert. Ein Frühsommerabend, glückliche Menschen, Musik an jeder Ecke, aus den Restaurants duftete es. Ich kaufte mir ein Eis und schlenderte noch bis zum festlich angestrahlten Kreml. So einen Spaziergang können Sie ebenfalls unternehmen, wenn Sie nach dem Abendessen im Hotel Lust dazu haben.

Am nächsten Tag wird es dann eine Stadtführung geben, mit Mittagessen in einem landestypischen Restaurant in der sogenannten Tatarischen Vorstadt. Wir werden das Nationalmuseum sehen und natürlich den Kreml, wo die prächtige Kul-Scharif-Moschee neben der orthodoxen Mariä-Verkündigungs-Kathedrale steht und der Spasski-Turm noch immer den Sowjetstern trägt. Das ist eines der Wunder von Tatarstan: Vermeintlich Gegensätzliches scheint sich in erstaunlicher Harmonie zu befinden - das Erbe der Sowjetunion und die heutige Zeit, das Christentum und der Islam, die tatarische und die russische Sprache.

Die Republik Tatarstan liegt inmitten der Russischen Föderation. Es gibt Erdöl dort - der Staat hat also Geld, was zum Teil wohl die Pracht von Kasan erklären mag, wo ich besonders die vielen restaurierten alten Häuser bestaunte. Wobei manches für mich bislang geheimnisvoll bleibt. Wirkt da vielleicht doch ein etwas anderes Gesellschaftsmodell als das, was wir von hier kennen?

Auf die Ausflüge per Schiff am dritten sowie am fünften Tag nach Swijaschsk beziehungsweise nach Bolgar mit den UNESCO-Welterbestätten freue ich mich besonders, weil ich dort noch nicht war. Zwei religiöse Zentren - christlich und islamisch. Von der Klosterinsel Swijaschsk aus hat Iwan der Schreckliche 1552 die Eroberung von Kasan vorbereitet. Bolgar am Ufer der Wolga war vom 8. bis 15. Jahrhundert Hauptstadt der Wolgabulgaren, von denen sich die Tataren herleiten, ebenso wie von der Goldenen Horde. Heute ist das »nördliche Mekka« nicht nur Anziehungspunkt für Touristen, sondern dient im Sinne eines toleranten Islam der Ausbildung von Geistlichen für ganz Russland und darüber hinaus.

Dazwischen, am vierten Tag, ein Ausflug in Gegenden, in die Touristen sonst kaum kommen. Wir sehen das ländliche Tatarstan, den Ort, aus dem Aitmatows Vorfahren mütterlicherseits stammen. Darüber und über die Geheimnisse von Tatarstan werden wir viel von Ljabuda Dawletschina erfahren, die das Regionalmuseum von Kukmor eingerichtet hat. Allein schon diese Frau zu treffen, wird ein Erlebnis sein. Im vorigen Jahr habe ich mit ihr zusammen eine Dorfschule besucht, die in manchen Klassenstufen nur fünf Schüler hat und trotzdem nicht geschlossen wird, und eine Moschee, die gerade erst wieder rekonstruiert wird, nachdem sie lange zweckentfremdet genutzt worden war.

Der letzte Tag in Kasan steht Ihnen zur freien Verfügung. Der 27. Mai ist der 100. Jahrestag Tatarstans. Wir haben die Reise extra so geplant, dass wir an diesem Tag in der Stadt sind. Was alles aus diesem Anlass stattfinden wird - lassen wir es auf uns zukommen. Ansonsten kann man auch sehr gut spazieren gehen, durch die Parks, am Ufer der Wolga. Oder Sie lassen noch einmal den Kreml auf sich wirken, der Besuchern immer offen steht.

Ich freue mich auf die Reise, zumal ich im vergangenen Jahr wegen der Kürze der Zeit kein einziges Museum besuchen konnte. Da werden wir dieses Mal mehrere sehen - und Ende Mai werden wir auch die wunderbare Natur dort genießen können. Haben Sie keine Angst, dass es zu anstrengend wird. Für die Ausflüge gibt es einen Bus. Und ich bin die ganze Zeit dabei, werde Ihnen viel erzählen.

Übrigens werden Sie mit dieser Reise sogar Tschingis Aitmatow etwas voraushaben, der im Gebiet Kukmor noch nie gewesen ist. Lange hat er nicht über seine Mutter gesprochen. Warum? Sie werden es erfahren. Als er endlich nach Kasan reiste, um auf den Spuren seiner Mutter an einem Dokumentarfilm mitzuarbeiten und den Friedhof zu sehen, wo deren Vorfahren bestattet sind, da war in Kukmor ein großer Empfang vorbereitet. Aber es kam nicht dazu. Kurz nach seiner Ankunft in Tatarstan, verlor er das Bewusstsein. Ein Flugzeug brachte ihn nach Nürnberg ins Krankenhaus, wo er am 10. Juni 2008 verstarb.