Werbung

»Weil ich schwarz bin«

Rassismus sollte in Kitas nicht als Bagatelle abgetan werden / Die Expertin Nkechi Madubuko hat die Wirkung rassistischer Äußerungen wissenschaftlich untersucht

  • Von Elvira Treffinger
  • Lesedauer: 5 Min.
Kinder müssen bereits in der Kita lernen, dass Rassismus nicht toleriert wird. Oft vermitteln aber Gesellschaft und Elternhaus, dass Ausgrenzung akzeptiert ist.
Kinder müssen bereits in der Kita lernen, dass Rassismus nicht toleriert wird. Oft vermitteln aber Gesellschaft und Elternhaus, dass Ausgrenzung akzeptiert ist.

Frankfurt am Main. Rassistische Sprüche fallen überall, auch von Jungen und Mädchen in Kindergärten und Kitas. Kinder greifen auf, was sie hören. Expertinnen sagen: Pädagoginnen sollten unbedingt dagegen vorgehen.

Am Anfang wollte es niemand wahrhaben. Doch eines Morgens, als die fünfjährige Besma an der Garderobe ihrer Kita Mantel und Mütze ablegte und ihre Hausschuhe hervorholte, wurde das Problem in aller Schärfe klar. »Oh Besma, voll eklig«, krakeelte ein Junge statt einer Begrüßung. Schon seit Tagen hatte das Mädchen nicht mehr in die Kita gehen wollen, klagte, dass andere Kinder nicht mehr mit ihr spielen wollten: »Weil ich schwarz bin.« Doch bisher hatten die Erzieher und Erzieherinnen die rassistische Ausgrenzung nicht ernstgenommen.

»Kinder reden halt so«, hieß es zunächst in der Kita im Rhein-Main-Gebiet. Doch nachdem Besmas Mutter Alarm geschlagen hatte, wurden die Beschäftigten aufmerksamer - und erschraken selbst, was sie unter den Jungen und Mädchen im Kindergartenalter hörten. Da fielen Sätze wie: »Du bist braun, ich will nicht neben dir sitzen« und »Du darfst nicht mitspielen«. Besma, die in Wirklichkeit anders heißt, ist als Tochter afrikanischer Eltern in Deutschland geboren und das einzige Kind mit dunkler Haut in ihrer Kita. Sonst fröhlich, lebhaft und offen, kam sie nun häufig weinend zu einer Erzieherin: »Niemand mag mich.«

Verletzung des Selbstwerts

Die Soziologin, Journalistin und Moderatorin Nkechi Madubuko kennt solche Fälle und hat die Wirkung rassistischer Äußerungen wissenschaftlich untersucht. Sie sieht Eltern und Erzieher dringend gefordert, ausgegrenzte Jungen oder Mädchen zu schützen. »Rassismus-Erfahrungen sind eine ernste Bedrohung für das Selbstwertgefühl eines Kindes. Sie verletzen das Kind auf eine solche Weise, dass es sich selbst nicht mehr positiv wahrnimmt, sich schämt und unsicher wird«, warnt die nigerianische Autorin und Diversity-Trainerin, die in Deutschland aufgewachsen ist und selbst drei Kinder hat. »Es ist ein Ohnmachtsgefühl.«

Bei Jayden, heute zehn Jahre alt, führten solche Erlebnisse fast zu einer Art Identitätskrise, wie seine Mutter Michelle Jackson berichtet. Besonders schlimm in Erinnerung blieb, dass der Junge als Fünfjähriger während einer Übernachtung in einem Tennis-Camp als einziger im Zelt der Betreuer schlafen musste. Wegen seiner dunklen Hautfarbe wollte kein anderes Kind mit ihm ein Zelt teilen. Viele Menschen wollten zudem nicht glauben, dass sein Vater Afroamerikaner ist, und hielten ihn für ein adoptiertes Kind. Da Jayden wenig Kontakt zu seinem Vater hatte, zweifelte er selbst und fragte seine weiße deutsche Mutter: »Bin ich wirklich dein Sohn?«

Die Pädagogin Miriam Nadimi Amin in Leipzig appelliert an Betreuungspersonal, sofort auf rassistische Äußerungen zu reagieren: »Es ist ganz wichtig, mit dem Kind zu reden, das ausgegrenzt wurde, es zu schützen, zu trösten und zu bestärken«, erläutert die 48-jährige Diversity-Trainerin, deren Vater aus dem Iran stammt. Denn sonst werde dem Kind vermittelt: »Mit mir stimmt was nicht.« Und dass es nicht dazugehöre. Deshalb müsse man dem Kind sagen: »Mit dir stimmt alles, du bist richtig, du bist toll, so wie du bist.« Es sei nicht in Ordnung, dass ein Kind nicht mit ihm spielen wolle, weil es eine andere Hautfarbe habe als dieses Kind. Und: »Komm wir suchen dir jemanden, der gerne mit dir spielen möchte.«

Woher solche Sprüche kommen? »Kinder greifen auf, was sie so hören. Das muss nicht im Elternhaus sein«, sagt Amin. »Kinder sind feine Beobachter, sie registrieren auch nonverbale Botschaften wie Augenrollen - so werden Vorurteile weitergegeben.« Kinder seien noch beim Erlernen ihres Sozialverhaltens. Deshalb sei kluges Reagieren so wichtig.

Ausgrenzung nicht akzeptieren

Auch die Berliner Soziologin Madubuko warnt davor, rassistische Äußerungen schweigend durchgehen zu lassen. »Kinder, die ausgrenzen, lernen auf diese Weise, dass es in Ordnung ist, und führen dieses Verhalten weiter«, sagt sie. Aber es gehe auch um die Mädchen und Jungen, die die Szene beobachtet haben. »Kinder, die Ausgrenzung mitbekommen, sehen, dass nichts passiert, und lernen, es sei akzeptiert.«

In Besmas Kita begann das Betreuungspersonal, das Thema Vielfalt im Morgenkreis aufzugreifen, Gespräche mit einzelnen Kindern und auch deren Eltern zu führen. Auch eine Aussage, die ohne verletzende Absicht gemacht werde, könne wehtun, sagt Pädagogin Amin. »Wichtig ist, dass wir Menschen nicht aufgrund ihrer Hautfarbe oder Religion in eine Kategorie packen, sondern als Individuum wahrnehmen.« Schwarz-Sein müsse auch nicht bedeuten, aus Afrika zu kommen: »Die meisten Kinder sind in Deutschland geboren. Und Deutsche sehen ganz unterschiedlich aus.«

Jayden kommt in der Schule nun etwas besser klar. Er spielt Basketball und trägt seine Haare als Afro. »Das ist cool«, sagt seine Mutter. Doch in ihrem hessischen Dorf hört sie immer noch Sprüche wie »Da wohnt der Neger«.

Besma geht inzwischen wieder fröhlich in ihre Kita. Doch die Erzieherinnen berichten: »Das Anderssein ist immer noch Thema.« Das zeigt sich auch, als das Mädchen sich an eine befreundete Frau wendet: »Wenn Du meine Mutter wärst und ich wäre weiß, was wäre dann?« Die Pädagogin Amin ist überzeugt: »Diese Frage wird sie leider wohl ihr ganzes Leben begleiten.« Denn weiße Haut bedeute immer noch Privilegien. epd/nd

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Als unabhängige linke Journalist*innen stellen wir unsere Artikel jeden Tag mehr als 25.000 digitalen Leser*innen bereit. Die meisten Artikel können Sie frei aufrufen, wir verzichten teilweise auf eine Bezahlschranke. Bereits jetzt zahlen 2.600 Digitalabonnent*innen und hunderte Online-Leser*innen.

Das ist gut, aber da geht noch mehr!

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen und noch besser zu werden! Jetzt mit wenigen Klicks beitragen!  

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!