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  • Jubiläum des DFB

Kellers Botschaften

Der DFB feiert sein 120-jähriges Bestehen. Nach Verbandskrisen bemüht sich der neue Präsident um Glaubwürdigkeit

  • Von Frank Hellmann
  • Lesedauer: 4 Min.
Fritz Keller ist der 13. Präsident der DFB-Geschichte.
Fritz Keller ist der 13. Präsident der DFB-Geschichte.

Nur eine Gründertafel ist in der Büttnerstraße 10 in Leipzig noch geblieben. Wo heute ein denkmalgeschütztes Wohn- und Geschäftshaus steht, befand sich einst das Gasthaus »Zum Mariengarten« - die Wiege des Deutschen Fußball-Bundes (DFB).

Eine erste Sitzung war auf Einladung des Verbandes Leipziger Ballspielvereine noch ergebnislos verlaufen, ehe es am 28. Januar 1900 bei russischem Stör in Gemüsesulz mit 86 Delegierten und einer 64:22-Abstimmung zur Gründung des DFB mit dem ersten Präsidenten Ferdinand Hueppe kam. Getrieben vom Wunsch, für den aus England nach Deutschland übergeschwappten Fußballsport einen strukturierten Spielbetrieb und verbindliche Regeln einzuführen: Es konnte doch nicht sein, dass Seile die obere Begrenzung der Tore bildeten. Ordentliche Holzlatten sollten es bitteschön sein!

120 Jahre später sind die Herausforderungen andere. Am Dienstag hat DFB-Präsident Fritz Keller in feierlichem Rahmen klare Botschaften in die Gründungsstadt mitgebracht - um dem zuletzt oft taumelnden Verband den Weg in eine bessere Zukunft zu weisen. »Wenn ich mir was wünschen dürfte, wäre es, dass wir die gesetzlichen Rahmenbedingungen ändern«, sagte der 62-Jährige. »Es kann nicht sein, dass in Städten um 21 Uhr aufgehört werden muss zu trainieren, weil irgendeiner seine Ruhe will.« Auch möchte sich Keller »für ein paar Rentenpunkte« für fünf bis zehn Jahre Ehrenamt einsetzen. Die vermehrten Übergriffe auf Schiedsrichter will er nicht akzeptieren. »Jeder Fall ist eine Katastrophe für mich«, erklärte der prinzipientreue Gastronom und richtete sich wieder an die politischen Entscheider: »Es ist nicht nur ein Problem des Fußballs, sondern auch ein gesellschaftliches Problem. Da ist auch die Politik gefragt.«

Keine Frage: Der Präsident aus dem Badischen war als Ehrengast in der sächsischen Boomstadt gern gesehen. Vor allem, nachdem seine Vorgänger viel Kredit verspielt haben: Der wohl nie mehr gänzlich aufzuklärende Skandal um die Weltmeisterschaft 2006 hat dem größten Einzelsportverband der Welt genauso geschadet wie die häufigen Rochaden an der Spitze. 25 000 Vereine, 150 000 Mannschaften und mehr als sieben Millionen Mitglieder benötigen einen glaubwürdigen Repräsentanten. Obgleich das 13. Oberhaupt in der DFB-Geschichte in seiner Machtfülle arg beschnitten ist, hält das Keller nicht davon ab, wieder mehr der gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden - dazu gehört für ihn auch, Rassismus, Diskriminierung oder Gewalt aktiv zu bekämpfen.

Die Aufgaben für den Verband könnten komplexer kaum sein. Man will einerseits das letzte Lagerfeuer für die Gesellschaft sein, muss andererseits die Nationalteams der Männer und Frauen zurück in die Weltspitze bringen. Keller ist die Förderung der Fußballerinnen ein wichtiges Anliegen, aber er lehnt eine gleiche Bezahlung von männlichen und weiblichen Spielern ab. »In unserer Gesellschaft geht es am Ende auch um Leistung. Das, was ich verdiene, kann ich auch ausgeben. Equal Pay gibt es nicht zwischen der Kreisliga und der Bundesliga. Und das ist auch derselbe Sport.«

Große Hoffnungen werden in das vom für die Nationalteams und die Akademie zuständigen Direktor Oliver Bierhoff verantwortete »Projekt Zukunft« gesetzt. Der nach dem Desaster bei der Weltmeisterschaft 2018 selbst unter Beschuss geratene ehemalige Nationalstürmer hat seinen Platz im Verband wieder sicher - und mit dem Akademieleiter Tobias Haupt einen der klügsten Köpfe an seiner Seite, der beim Erneuerungsprozess die Bundesliga einbezieht: Ohne den Profifußball kommen gravierende Veränderungen eben nicht mehr zustande, dafür sind die Vereine inzwischen zu mächtig. Was Keller helfen könnte: Der mit großer strategischer Weitsicht gesegnete Chef der Deutschen Fußball Liga, Christian Seifert, hatte Kernthemen des Deutschen Fußball-Bundes zur zentralen Botschaft in seiner Neujahrsansprache gemacht.

Der DFB-Boss hat am Dienstag nun die Messlatte für die deutsche Nationalmannschaft bei der im Sommer anstehenden Europameisterschaft hoch gelegt: »Ich glaube, wir müssen mindestens ins Halbfinale, vielleicht ins Finale kommen. Wenn ich die Spielfreude und den Hunger der letzten Spiele sehe, dann lässt mich das hoffen.« Ganz nebenbei versprach der Genussmensch vom Kaiserstuhl den Fußballfans in den neuen Bundesländern auch noch demnächst ein Länderspiel, das diesmal nicht nach Leipzig oder Berlin geht. Als Stadien kämen Dresden, Rostock oder Magdeburg infrage.

Fakt ist: Der DFB braucht eine beim Publikum beliebte Nationalmannschaft allein schon aus wirtschaftlichen Gründen: Bei fast 400 Millionen Euro Jahresumsatz ist das Team um Stars wie Manuel Neuer oder Toni Kroos einfach das große Zugpferd. Da kann Fritz Keller beim nächsten großen Turnier kein Vorrundenaus akzeptieren, auch wenn die Gruppengegner mit Frankreich Weltmeister und mit Portugal Europameister sind.

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