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Schluss mit der proletarischen Scham!

Bringt die neue Linke in den USA auf den Bildschirm: Krystal Ball und ihre politische Morgenshow »Rising«

  • Von Johannes Simon
  • Lesedauer: 6 Min.

Auf den ersten Blick wirkt Krystal Ball wie eine ganz normale US-amerikanische Nachrichtensprecherin: Sie lächelt ohne Pause, spricht schnell und energiegeladen und ist geradezu aggressiv gut gelaunt. Erst nachdem man ihr eine Weile zugehört hat, merkt man, dass hier irgendetwas anders ist.

In einem ihrer Kommentare zum Beispiel sprach sie vor Kurzem über die Möglichkeit, dass Ex-Präsident Barack Obama sich in den Vorwahlkampf der US-Demokraten einmischen könnte, um Bernie Sanders Sieg zu verhindern. »Nicht nur Obama, sondern ein Großteil der Eliten in der Demokratischen Partei, die den Status quo bewahren wollen«, so Ball, »würden lieber Trump gewinnen lassen, statt Bernie als Präsidenten zu akzeptieren.« Obama, der sich in Trumps gesamter Amtszeit kaum politisch geäußert hatte, zeige dadurch, wo er wirklich stehe. »Denkt dran«, so Ball, »sie alle verdienen gut Geld unter Trump. Das gilt für Obama. Und für die Oligarchen. Und für die gehobene Mittelschicht.«

Solche Töne hört man im US-amerikanischen Fernsehen selten - oder eher: nie. Ausgerechnet bei Hill-TV, dem neuen Internetfernsehen der nicht besonders linken Nachrichtenseite »The Hill«, kann man aber genau so etwas inzwischen fast täglich hören. Dort hat Krystal Ball gemeinsam mit Saagar Enjeti die politische Morgenshow »Rising«, die vor allem auf Youtube immer mehr Zuschauer findet. Die Show lebt vor allem von ihren beiden Moderatoren, die das politische Tagesgeschehen kommentieren - und zwar aus einer dezidiert linken Perspektive.

Dass Krystal Ball von der US-amerikanischen Linken derzeit ein wenig angehimmelt wird, liegt vor allem am Rest des Nachrichtenfernsehens. Denn dieses hat wenig übrig für die neue Linke, die im Windschatten von Bernies Kandidatur gerade versucht, sich einen Platz in der Demokratischen Partei zu erkämpfen. Sogar der als linksliberal geltende Nachrichtensender MSNCB hat in seiner Berichterstattung Bernie Sanders systematisch benachteiligt. Dies fand eine Studie heraus, die im November vom linken Magazin »In These Times« publiziert wurde.

Diese Tendenz zum Tendenziösen wird begünstigt durch das besondere Format US-amerikanischer Nachrichtensender: Schaltet man auf einen der 24-Stunden-Sender - beispielsweise CNN, MSNBC oder den konservativen Fox-News - sieht man meistens eine Gruppe von Kommentatoren, die wild durcheinanderreden und sich darüber streiten, was die letzte kleine Wahlkampfnachricht zu bedeuten hat. Die Sender konzentrieren sich dabei stark auf das, was man in den USA »horse race politics« nennt: das politische »Pferderennen«, das alltägliche Klein-Klein des Wahlkampfs. Berichterstattung über soziale Missstände, Arbeitskämpfe oder generell über Ereignisse, die sich außerhalb von Washington D. C. zutragen, kommt dabei oft zu kurz.

Hinzu kommt noch, dass viele der Fernsehanalysten gar keine Journalisten sind, sondern aus anderen Bereichen kommen: Da tummeln sich Ex-CIA-Chefs, ehemalige Wahlkampfspezialisten für verschiedene Politiker oder einfach Menschen, die berühmte Eltern haben, wie die Töchter von John McCain und den Clintons - sie alle werden als »Analysten« angestellt und kommentieren dann im Fernsehen das politische Geschehen, oft ohne ihre vorherige Stellung kenntlich zu machen. Dass diese Ansammlung hochbezahlter Politprofis und Insider nicht gerade auf der Seite von Bernie Sanders steht, liegt auf der Hand.

Sowohl optisch als auch im Format unterscheidet sich Krystal Balls Sendung wenig vom übrigen Nachrichtenfernsehen. Genau diese Tatsache macht es so eindrucksvoll, dass hier linke Inhalte transportiert werden. Gnadenlos kritisiert Ball den deprimierenden Neoliberalismus des demokratischen Partei-Establishments statt das langweilige Impeachment-Spektakel, fordert sie echte »Klassenpolitik« - und auch Linksliberale wie Elizabeth Warren kriegen ihr Fett weg. Warren sei eine typische Vertreterin der »professionellen Managerschicht«. Diese Leute - grob gesagt: die gehobene akademische Mittelschicht - sind eine besonders beliebte Zielscheibe für Krystal Balls Kritik: Sie seien abgehoben, würden sich mit identitätspolitischen Lippenbekenntnissen ein progressives Image zulegen, stünden aber im Endeffekt ihren tatsächlichen materiellen Interessen entsprechend gegen die Arbeiterklasse.

Vor nicht allzu langer Zeit war Krystal Ball wohl noch selbst so drauf. Mit 28 Jahren versuchte sie, in einem tiefkonservativen Bezirk in Virginia als Kandidatin der Demokraten einen Parlamentssitz zu gewinnen. Besonders links war sie damals nicht, wurde aber zum ersten Mal mit den hässlichen Seiten der Demokratischen Partei vertraut. Diese habe sich nämlich vor allem dafür interessiert, ob sie genug reiche Menschen kennt, um Geld für ihren Wahlkampf einzusammeln, wie Ball später dem linken Magazin »Jacobin« erzählte. Noch hässlicher wurde es, als ihr Gegner im Wahlkampf, ein konservativer Republikaner, alte Fotos ausgrub, um Ball in sexistischer Manier zu diskreditieren. Diese schmutzige Aktion begrub ihre Chancen auf den Wahlsieg, brachte ihr aber eine Einladung des Fernsehsenders MSNBC ein. Dort entdeckte man ihr Talent und bot ihr schließlich sogar eine Moderatorenstelle an.

Womit man aber bei dem Sender nicht gerechnet hatte: Krystal Ball hat einen eigenen Kopf. 2014 brachte sie einen Fernsehkommentar, in dem sie die enorme soziale Ungleichheit und die neoliberale Verwüstung in der US-amerikanischen Gesellschaft anführte - und damit schloss, Hillary Clinton anzuflehen, nicht bei den Präsidentschaftswahlen 2016 anzutreten, da sie einfach die falsche Kandidatin sei. Ein solcher Kommentar schon 2014 zu bringen, bewies beeindruckendes politjournalistisches Gespür. Ball hatte sich eindeutig positioniert - doch aus Sicht des Senders auf der falschen Seite. Ihre Show wurde im folgenden Jahr abgesetzt.

Gerade weil sie die großen Medienhäuser von innen kennt, wirkt ihre Medienkritik so beißend: Genüsslich seziert Ball Segmente anderer Sender und zeigt, wie diese auf subtile Weise gewisse Kandidaten bevorzugen und andere benachteiligen. Dahinter steckt keineswegs stumpfe, populistische »Elitenkritik«, wie man sie von vielen »Kritikern« der »Mainstreammedien« gewohnt ist. Hinter Balls Kritik am Mediensystem und am neoliberalen demokratischen Partei-Establishment steht vor allem eins: eine Parteinahme für die Menschen, die sich ohne Scham als Teil der »Arbeiterklasse« sehen.

Dem linken US-Magazin »Jacobin« sagte die Moderatorin mal Folgendes über ihre politische Grundhaltung: »Ich denke, die wichtigste Trennung in der amerikanischen Gesellschaft ist die zwischen jenen, die grundsätzlich wie menschliche Wesen behandelt werden« - Akademiker, Entscheidungsträger und »Kreativarbeiter« -, »und den Menschen, die wie Wegwerfwaren behandelt werden. Für die gilt: Wenn du krank bist, mal einen Tag nicht zur Arbeit kannst - sorry, das war’s, du bist raus. Du bist nicht mehr als ein kleines Zahnrad, das dafür da ist, der ›kreativen Klasse‹ um zwei Uhr morgens Sushi zu liefern.«

Dass diese Perspektive in den USA an einer prominenten Stelle vertreten wird, gibt Hoffnung - und macht aus deutscher Sicht ein wenig neidisch. Besonders bedeutend ist, dass diese Haltung von jemandem wie Krystal Ball vertreten wird. Denn in ihrem Auftreten und ihrer Sprache ist Ball - und man tritt ihr damit hoffentlich nicht zu nahe - in jeder Hinsicht strunznormal. Mit all den »subkulturellen« Aspekten der Linken, mit dem Jargon und der ostentativen Distanz zur Massen- und Alltagskultur hat sie nichts am Hut. Genau solche Linke braucht es, wenn man eine echte Chance haben will, zu gewinnen.

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