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Antisemitismus

»Viele glauben, dass alle Juden tot sind«

Michael Ushakov ist oft der erste Jude, den andere Menschen kennenlernen. Schläfenlocken hat er aber keine.

Von Inga Dreyer

Von politischer Seite wird gerne betont, dass das Judentum zu Deutschland gehört. Wird dieser Anspruch gelebt?

Ich glaube nicht. Es wird betont, bleibt aber inhaltslos. Man spricht vom christlich-jüdischen Abendland, aber erklärt nicht, was damit gemeint ist. Ein Beispiel: Im Sommer waren wir als Jüdische Studierendenunion Deutschlands (JSUD) bei einem Arbeitskreis von Migrant*innen-Organisationen eingeladen. Wir haben uns zwar gefragt: Warum sind wir da eingeladen? Aber es war im Bundestag, wir dachten: Gehen wir hin, es gibt Sandwiches, und man trifft interessante Leute. Wir waren die einzigen Nicht-Migrant*innen. Ich denke, das ist beispielhaft. Jüdischsein wird meist als etwas Fremdes gelesen. Die meisten Menschen denken, man kann nicht deutsch und jüdisch zugleich sein. Ich glaube trotzdem, dass die Floskel »christlich-jüdisches Abendland« zu hundert Prozent stimmt. Deswegen sagen wir in der JSUD: Es muss viel mehr in der Bildung passieren.

Was zum Beispiel?

Bei mir war es so: Ich war in München auf einer jüdischen Grundschule und dann acht Jahre auf einem staatlichen Gymnasium. Wir haben in der 7. Klasse das erste Mal über Antijudaismus im Mittelalter geredet und dann ab der 9. Klasse jedes Jahr über den Holocaust. Das ist total richtig, aber es entsteht der Eindruck, Judentum sei etwas, das in Deutschland fremd ist. Wir haben in der Schule auch Heine und Kafka gelesen, ohne anzusprechen, dass beide aus jüdischen Familien stammen. Heine hat ganz viel jüdische Liturgie ins Deutsche übersetzt. Dabei sind wunderschöne Gedichte herausgekommen. Deutschland ist auch die Geburtsstätte des aschkenasischen Judentums, und auch das liberale Reformjudentum ist hier entstanden. Das alles müsste in der Schule erzählt werden.

Was würde sich dadurch ändern?

Dann würde weniger der Eindruck entstehen, dass es nur von 1933 bis 1945 ein Judentum gab. Viele glauben, dass jetzt alle Jüdinnen und Juden tot sind. Ich habe Hunderte Male den Satz gehört: »Du bist der erste lebendige Jude, den ich kennenlerne.« Das ist kein Vorwurf an die Fragenden. Es gibt schließlich nur 100 000 bis 200 000 jüdische Menschen in Deutschland, das sind 0,2 oder 0,3 Prozent der Bevölkerung. Natürlich trifft man uns nicht einfach auf der Straße - beziehungsweise: Wie sollte man mich auf der Straße als Juden erkennen?

Wie reagieren Menschen, wenn sie »den ersten Juden ihres Lebens« treffen?

Viele sind enttäuscht. Ich habe zum Beispiel keine Schläfenlocken. Oft heißt es: »Du siehst ja ganz normal aus …« Es gibt aber auch große Neugier und relativ häufig auch ein Unwohlsein. Einmal habe ich mit Freunden meines Mitbewohners über Leben und Tod diskutiert. In dem Bereich sind meine Anschauungen sehr existenzialistisch und wenig religiös. Da hat einer gefragt: »Aber du bist doch ...?« Manche Leute fühlen sich so unwohl, dass sie das Wort »Jude« nicht aussprechen. Ich kann dann beruhigen: Meine Großeltern haben den Holocaust hinterm Ural verbracht. Ich habe keine traumatische Familiengeschichte. Und selbst wenn. Wir sagen als JSUD: Solange wir in Täter-Opfer-Kategorien denken, können wir keine gemeinsame Erinnerungskultur entwickeln.

Sie sind seit März 2019 Präsident der Jüdischen Studierendenunion. Wofür braucht es so ein Gremium?

Aus allen unterschiedlichen Teilen der menschlichen Identität resultieren verschiedene Bedürfnisse - zum Beispiel nach einem sicheren Ort, um Dinge zu besprechen, die anderswo nicht besprochen werden können. Es geht auch darum, gemeinsame Interessen durchzusetzen. Als konkretes Beispiel: Ein Problem, das viele jüdische Studierende in Deutschland haben, ist, dass Staatsexamen immer wieder auf hohe jüdische Feiertage fallen. An diesen Tagen gibt es im Judentum ein Schreibverbot. Das heißt, dass sich Studierende zwischen Religion und ihrem Studium entscheiden müssen. Es geht aber auch darum, das Judentum in der Öffentlichkeit anders zu besetzen. Wir werden meist auf Antisemitismus, den Holocaust und den Nahostkonflikt reduziert. Das sind aber nicht die Themen, die junge Jüdinnen und Juden in Deutschland primär beschäftigen.

Welche Themen beschäftigen Sie denn?

Die JSUD will sich öffentlich über jüdisches Leben austauschen. Andererseits wirken wir in die Gemeinden hinein, um sie für junge Menschen wieder attraktiv zu machen. Dabei geht es zum Beispiel um Feminismus oder die Belange von LGBTQI (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, queere Personen und Intersexuelle, Anm. d. Red.). Diese werden dort nicht oder zu wenig angesprochen. Solange das so ist, bleiben die jungen Menschen fern. Solche Themen in die Gemeinden zu tragen, ist für junge Jüdinnen und Juden wichtig, weil das die Strukturen sind, in denen sie aufwachsen.

Wie war das bei Ihnen?

Meine Mutter arbeitet als Grafikerin in der jüdischen Gemeinde in München - ich war dort im Theater und im Chor. Die Gemeinde war die ersten 16, 17 Jahre mein Lebensmittelpunkt. Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass ich noch andere Interessen und Wertevorstellungen habe, die dort gar nicht besprochen werden oder mit dem kollidieren, was dort Norm ist. Gleichzeitig bleibt es ein Ort, der mir etwas bedeutet. Spannend ist es, die jüdische Tradition vom Lernen und von der Quellenarbeit zu benutzen, um damit auf aktuelle gesellschaftliche Diskussionen zu blicken. Was sagt die Thora zu Nachhaltigkeit, Umweltschutz oder zur sozialen Frage?

Wie sieht Ihre religiöse Praxis aus?

Ich komme aus einem nicht traditionellen Elternhaus. Meine Eltern stammen aus der Sowjetunion, da gab es nicht viel Religion. Ich und meine Schwester haben Wissen über religiöse Traditionen wieder nach Hause gebracht. Ich feiere Feiertage traditionell, gleichzeitig bevorzuge ich eher liberale Synagogen, weil ich persönlich ein Problem damit habe, wenn Frauen hinter einem Vorhang sitzen. Ich möchte gerne in eine Synagoge gehen, in der der Rabbiner Schwule und Lesben akzeptiert und in der der Rabbiner auch eine Rabbinerin sein kann. Ich sage aber auch: Das soll jeder selbst entscheiden. An Shabbat mache ich mein Handy aus - aber weniger aus religiösen Gründen. Als Student mit einem zeitaufwendigen Ehrenamt denke ich: Es gibt nichts Besseres, als einen Tag offline zu sein.

Leider ist Antisemitismus aber ein latentes Problem in Deutschland - wie der Anschlag auf eine Synagoge in Halle im vergangenen Oktober zeigte. Was haben Sie gedacht, als Sie davon erfuhren?

Es war nicht überraschend, dass irgendein Rechtsradikaler in Sachsen-Anhalt einen Anschlag auf eine Synagoge verübt. Trotzdem fand ich es sehr schockierend, weil es Tote gab. Ich habe auch gemerkt: Wir sind sehr an diesen ganzen Sicherheitsapparat gewöhnt. Ich gehe durch, grüße den Sicherheitsmann, bemerke keine Schleusen, keine Polizei, kein Panzerglas. Bei dem Anschlag in Halle habe ich verstanden, wovor mich die Waffe des Polizisten vor der Synagoge schützt.

Haben Sie selbst Antisemitismus erlebt?

Ich muss sagen, dass ich in meinem Leben nicht so viele Begegnungen mit Antisemitismus hatte. Es gab ein paar dumme Kommentare - meistens auf Israel bezogen. Ich muss aber auch sagen: Ich hatte in München einen sehr jüdischen Freundeskreis. Ich war auf einer Schule, auf der Judentum sehr normal war. Es gibt aber auch Momente, in denen ich nicht laut herumposaune, dass ich jüdisch bin - wobei ich das eigentlich relativ häufig laut herumposaune. Aber nachts um drei Uhr in der S-Bahn würde ich das nicht tun. Genauso würde das wahrscheinlich auch ein schwuler Mann nicht tun. Ich weiß: Es ist ein Risikofaktor, der aber nicht konstant da ist - auch deshalb, weil man mich nicht als jüdisch erkennt.

2018 hat sich der Arbeitskreis »Juden in der AfD« gegründet. Die JSUD hat unter dem Motto »AfNee« dagegen demonstriert. Warum?

Die AfD ist in ihrem Grundsatz rassistisch, antisemitisch, frauenfeindlich. Was wir seit 2015 sehen, ist, dass sich die Partei ständig radikalisiert. Für uns ist die AfD eine Gefahr, weil sie gegen Vielfalt ist und weil sie ein sehr problematisches Verhältnis zur Geschichtsaufarbeitung hat. Als die AfD den jüdischen Arbeitskreis gründete, wollten wir, dass kein einziger Mensch, der ein*e Wackelwähler*in ist, deswegen die AfD wählt.

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