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Sommerspiele 2020

Wer gegen Olympia ist, hat’s in Tokio nicht leicht

Als Japaner hat man die Sommerspiele 2020 gefälligst zu unterstützen. Die Fukushima-Katastrophe dient als psychologisches Druckmittel.

Von Felix Lill, Tokio

Die Vorbereitungen biegen auf die Zielgerade ein«, titelte Japans öffentlicher Rundfunksender NHK zu Anfang dieses Jahres, das für das ostasiatische Land ein ganz besonderes werden soll: »Japan wird Athleten und Besucher aus der ganzen Welt willkommen heißen.« Und all die Schritte auf dem Weg zu Olympia folgen dem Plan. Aufgeregt ist man zwar, Nervosität aber scheint nicht nötig. Schließlich, so scheint es, ziehen hier alle an einem Strang. NHK berichtete in seinem Neujahrsbericht: »Organisatoren, Athleten und Bewohner stecken mitten in den finalen Vorbereitungen.«

Vieles deutet darauf hin, dass Japan der Welt in diesem Jahr zeigt, wie ein perfekt orchestrierter Sportsommer aussieht. Ein knappes halbes Jahr bleibt noch, bis am 24. Juli im renovierten Nationalstadion Tokios die größte Sportveranstaltung der Welt beginnt. Die Stimmung ist wohl gut. Während laut einer Umfrage 75 Prozent der Japaner am Megaevent grundsätzlich interessiert sind, scheint ein ähnlich hoher Anteil die Ausrichtung des Spektakels auch zu unterstützen. Denn anders als 2012 in London oder 2016 in Rio de Janeiro ist in Tokio von öffentlichem Protest gegen die Spiele so gut wie gar nichts zu sehen.

Eine patriotische, sportliche Vorfreude ist dafür allgegenwärtig. Es wird plakatiert, interviewt, geworben. Von offizieller Seite jagt eine gute Nachricht die andere. Schließlich verspricht die größte Metropolregion der Welt ihren Einwohnern so einiges. Durch Olympia werde Tokio zur lebenswertesten Stadt der Welt, wie es seit Jahren heißt. Die Spiele sollen nämlich auch dafür genutzt werden, um die Anwendung autonomer Taxis zu erproben, die Nutzung von Wasserstoff als Energieträger zu testen und neue Assistenzroboter ins Feld zu schicken.

Auf sportlicher Seite werden zudem mehr Wettbewerbe ausgetragen und Medaillen vergeben als in früheren Jahren. Zu den neuen Sportarten gehören Baseball, Karate, Skateboard, Klettern und Surfen. Japan hofft dabei auf 30 Goldmedaillen, was wiederum ein neuer Rekord wäre. Und als Mitte des Monats schließlich fünf große, bunte Kreise an der Bucht von Tokio installiert wurden, berichtete NHK voller Stolz: »Die olympischen Ringe sind angekommen.« »Asahi Shimbun«, die zweitgrößte Tageszeitung im Land, nannte diese Baustruktur allein schon einen »Touristenmagnet«.

In Tokio kann es auch deshalb allmählich losgehen, weil schon bald auf nichts mehr gewartet werden muss. Das neue Nationalstadion, das in seiner Grundstruktur schon für Olympia 1964 der Hauptstandort war und für 2020 gründlich erneuert wurde, ist bereits eingeweiht. Das Olympische Dorf ist fast fertig, ebenso die Schwimmhalle und andere noch entstehende Anlagen. Viele Wettkampfstätten dagegen standen schon vor Tokios Bewerbung für das olympische Austragungsrecht.

Die Organisatoren freuen sich auch deshalb über die planmäßigen Vorbereitungen, weil Tokio 2020 viel mehr sein soll als nur ein Sportereignis. Geht es nach Japans Premierminister Shinzo Abe, so werden es auch die »Spiele des Wiederaufbaus« nach der Katastrophe von 2011, als Japans Nordostküste von einem Erdbeben erschüttert und von einem Tsunami überschwemmt wurde. Fast 20 000 Menschen starben damals, in Fukushima havarierte ein Atomkraftwerk, Hunderttausende mussten evakuiert werden. Um der Welt zu zeigen, dass die Region nun wieder auf eigenen Beinen steht, finden auch in der Präfektur Fukushima einige olympische Wettbewerbe statt, im Baseball.

Angesichts dessen ist das Ausbleiben breit angelegter Proteste in Japan zumindest überraschend. Seit dem Reaktorunglück stellt sich eine Mehrheit der Japaner in Umfragen gegen die weitere Nutzung von Atomkraft und damit gegen die Regierung von Shinzo Abe, die diese weiter nutzen will. »Die Entscheidung, olympische Wettbewerbe nach Fukushima zu bringen, bedeutet auch Werbung für Abes Festhalten an der Atomkraft«, sagt Yasuo Goto, ein Ökonomieprofessor der Universität Fukushima.

Schließlich lenke das Spektakel von den durch den atomaren GAU entstanden Schäden in der gesamten Region ab und richte stattdessen alle Aufmerksamkeit auf ein frisch renoviertes Baseballstadion in Fukushima-City, weit entfernt von der weiterhin radioaktiv strahlenden Kraftwerksruine. Goto glaubt zudem, dass die wahre Unterstützung der Menschen für die Olympischen Spiele weitaus geringer ist, als es die Umfragen zum Ausdruck bringen. Nur hätten viele es aufgegeben, für ihre Interessen auf die Straßen zu gehen. Schließlich hatte es nach der Katastrophe von 2011 große Proteste gegeben, die letztlich wirkungslos blieben.

So sieht es auch Misako Ichimura, die noch vor der Verleihung des Olympia-Austragungsrechts an Tokio die Vereinigung »Hangorin« ins Leben gerufen hat. »Hangorin«, übersetzt Anti-Olympia, ist die wohl sichtbarste Bürgerbewegung, die sich zu Gegnern der Spiele in Japan erklärt hat. Doch sie ist so klein, dass die meisten Japaner vermutlich noch nie von ihr gehört haben. Bei Protestaktionen werden Banner ausgerollt und Thesen per Megafon auf die Straße gerufen. Allerdings nehmen an den Demonstrationen selten mehr als 100 Menschen teil.

»Viele Leute sind gegen Olympia, aber sie sagen nichts«, glaubt Aktivistin Ichimura. Der soziale Druck, die Spiele zu unterstützen, sei so groß, dass sich viele nicht trauten, ihre wahre Meinung zu offenbaren. »Wer skeptisch gegenüber Olympia ist, dem wird unterstellt, dass ihm das Schicksal der Menschen in Fukushima und den anderen beschädigten Gebieten egal sei«, so Ichimura. Dabei sei ihr Verein nicht gegen die Unterstützung dieser Regionen, sondern gegen die Verwendung von Steuergeld für den Bau von Stadien in Tokio. »Wir könnten doch stattdessen noch viel mehr an Wiederaufbau leisten.«

Es sind Einschätzungen, die man dieser Tage tatsächlich hin und wieder hört, sobald ein Gespräch weiter geht als die Frage, ob man nun für oder gegen Olympia sei. Nur wird kaum darüber diskutiert, wie die öffentlichen Ressourcen am klügsten zu verwenden wären und wie die 2011 so schwer geschädigten Gebiete am besten unterstützt werden könnten. Das könnte unter anderem daran liegen, dass die fünf auflagenstärksten Zeitungen im Land mittlerweile allesamt zu den Sponsoren der Olympischen Spiele zählen. Jedes dieser Blätter wiederum ist jeweils im Besitz eines TV-Senders mit großer Reichweite. Im Fokus von deren Berichterstattung steht fast ausschließlich die Olympia-Vorfreude.

Kaum erwähnt wurde etwa, dass in der Präfektur Fukushima sowie im weiter nördlich und durch den Tsunami geschädigten Miyagi mehrere Wiederaufbauprojekte gestoppt werden mussten. Durch den olympiabedingten Baubooms in Tokio sind Materialien und Arbeitskräfte so teuer geworden, dass in einigen entlegeneren Orten das Geld fehlte, um dort neue Stadtzentren und Sporthallen zu bauen.

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