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Genscheren

Rätsel um Designerbabys

Hongkong, Innsbruck

Von Reinhard Renneberg

Ende November 2018, noch vor den Unruhen, tritt in Hongkong auf einer internationalen Genom-Konferenz der Biophysiker Jiankui He auf. Der Forscher von der Universität Shenzhen lässt eine wissenschaftliche und ethische Bombe platzen: Er berichtet über seine erfolgreichen Experimente mit CRISPR-Cas9-Genscheren an menschlichen Embryonen. Bei den zweieiigen weiblichen Zwillingen Nana und Lulu habe sein Team das Erbgut so verändert, dass beide Mädchen vor dem Aids-Virus geschützt wären. He, so seine Begründung, wollte auf diese Weise die Aids-Pandemie stoppen - klingt edel, hilfreich und gut.

Während von den Zwillingen, die längst geboren sein müssten, nichts zu hören oder sehen ist, tauchten zwei Originaldokumente auf. Die zeigen klar, dass weit mehr ethische und legale Grenzen als befürchtet überschritten wurden. Die US-Zeitschrift »MIT Technology Review« brachte Ende 2019 Auszüge von zwei brisanten Texten. Angeblich wurden sie dem Massachusetts Institut of Technology (MIT) »aus anonymer Quelle zugespielt«. Darin beschreibt He seine Experimente detailliert. Fünf internationale Experten kommentierten dies in der Zeitschrift. Die Experten kamen zu dem Schluss, dass das Gen-Editing keineswegs erfolgreich gewesen ist: Es wurde nicht die gewünschte Mutation CCR Delta 32 erzeugt, die immun gegen das Aids-Virus macht! Die erzeugte Mutation war nur »ähnlich«. In Hongkong hat He offenbar bewusst gelogen.

Zweite Frage: Wieso haben die Eltern von Nana und Lulu überhaupt dem Experiment zugestimmt? Nun, in China ist die In-vitro-Fertilisation bei HIV-positiven Paaren strikt verboten! Der Vater von Nana und Lulu ist HIV-positiv … Da war Hes Angebot offenbar unwiderstehlich. Eine Ethikkommission wurde selbstredend nicht befragt.

200 Studenten und viele Dozenten des renommierten Management Centers Innsbruck (MCI) sahen gerade im Innsbrucker Kino Leo in einer Sondervorstellung den Film »Human Nature« über die revolutionären Gen-Scheren CRISPR-Cas 9. Der war noch vor dem Skandal um Jiankui He abgedreht, gab also keinen Kommentar dazu ab. Die gab es jedoch bei der anschließenden lebhaften Diskussion mit der Bioethik-Professorin Gabriele Werner-Felmayer von der Medizinischen Universität Innsbruck.

Alle waren sich darin einig, dass die Gen-Scheren eine Jahrhundertentdeckung sind. Neu ist, dass die Gen-Scheren keine nachweisbaren »Narben« hinterlassen. Keine DNA-Dopingkontrolle also, Babys mit Super-IQ, Supersportler, gezielte Evolution? Gentechnik in Lebensmitteln ist nicht mehr erkennbar!

Viele Fragen bleiben: Probiert der Mensch einfach alles aus, was technisch möglich ist? Ist CRIPR also die kommende Gen-Katastrophe oder das rettende Werkzeug zur rechten Zeit? Werden die Chinesenbabys künftig blond, groß, blauäugig und smogresistent sein? Sollte man Gen-Scheren generell verbieten?

Der Film »Human Nature« plädiert für ein striktes Moratorium bei Eingriffen in die menschliche Keimbahn. Der Fall »Nana und Lulu« ist ein lauter Ruf zum Aufwachen …

Nur eins ist inzwischen gewiss: Dr. He wurde in der Volksrepublik China der Prozess gemacht. Urteil: drei Jahre Gefängnis.

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