Viel Ankauf, wenig Neubau

Mangelnde Kapazitäten der Bauwirtschaft bremsen Wohnungsbauprogramm

  • Von Nicolas Šustr
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Karl-Marx-Allee ist wieder ein Stück kommunaler geworden. Der direkt an den Turm des Frankfurter Tors angrenzende Block F-Nord mit 151 Wohnungen geht an die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Gewobag statt an die Deutsche Wohnen. Allerdings können auch noch Mieter des Blocks ihr persönliches Vorkaufsrecht wahrnehmen.

Wie sich die Ankäufe von Beständen dieses Jahr entwickeln werden, kann Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (LINKE) nicht sagen. Diese seien »schwer planbar«, da es schließlich auch ein entsprechendes Angebot geben müssen, so die Senatorin am Freitag bei ihrer Jahrespressekonferenz. Fast 12 000 Wohnungen wurden im vergangenen Jahr kommunalisiert, davon etwa 750 durch die Ausübung von Vorkaufsrechten in Milieuschutzgebieten. Für weitere über 1500 Wohneinheiten wurde der Vorkauf geprüft, jedoch schließlich nicht realisiert. Denn: »Es wird nicht beliebig angekauft, was bei zwei nicht auf dem Baum ist«, erklärt Lompscher. Möglichst ohne Landeszuschüsse sollen Bestände kommunalisiert werden, so die Prämisse.

Zusammen mit den über 4500 fertiggestellten Neubauwohnungen ist der Bestand der sechs landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften zum Ende 2019 auf rund 325 400 Wohnungen gestiegen. »Das ist nicht beschämend wenig, aber es gibt - wohl nicht in Deutschland - Städte mit wesentlich höherem kommunalen Wohnungsbestand«, erklärt Lompscher und erinnert daran, dass Berlin im Jahr 1990 über eine halbe Million landeseigener Wohnungen zählte.

Der Neubau leistet für die Bestandserweiterung derzeit einen geringeren Anteil als beim Abschluss des Koalitionsvertrags angenommen. 30 000 Wohneinheiten sollten bis Ende 2021 demnach errichtet werden. Derzeit sieht es so aus, als würden es bis dahin nur 24 000 neue Wohnungen werden. Rund 4000 sollen dieses Jahr hinzukommen, etwa 8500 im kommenden Jahr. die Senatorin hebt hervor, dass sich die Fertigstellungszahlen von knapp 1400 Wohnungen 2016 in den vergangenen drei Jahren mehr als verdreifacht hätten. »Nicht die Planungsvorbereitung ist das Nadelöhr, sondern wir sind zunehmend mit Kapazitätsproblemen der Bauwirtschaft konfrontiert«, erklärt Katrin Lompscher die Neubaulücke. Man sei mit den Unternehmen im Gespräch dazu.

Erfreulicher sind die Fortschritte bei den größeren Wohnungsbauprojekten, bei denen auch die Handschrift der Mitte-links-Koalition zu erkennen ist. Für das Kreuzberger Dragonerareal steht nun der Siegerentwurf für städtebauliche Konzept fest. 525 Wohnungen können dem Entwurf der Büros SMAQ und MML zufolge dort entstehen.

Um genug Fläche für Grün und Durchwegung zu erhalten, soll auch ein 16-geschossiges Wohnhochhaus entstehen. Das Finanzamt und das Rathaus Kreuzberg sollen erweitert werden. Im Norden des Quartiers soll zusätzliche Gewerbefläche in einer mehrgeschossigen »urbanen Fabrik« entstehen. Diese Flächen fielen im Entwurf jedoch um ein Fünftel geringer aus als gefordert, in diesem Punkt wird es noch Nachbesserungsbedarf geben. Erste Baugenehmigungen sollen im Herbst 2021 erteilt werden können.

Im August 2021 sollen die Hochbauarbeiten für die rund 900 geplanten Wohnungen auf den Buckower Feldern in Neukölln starten, berichtet Lompscher. Es ist das erste Quartier, bei dem auch Wohnungsbaugenossenschaften 20 Prozent der Flächen bebauen sollen. Ende Februar soll feststehen, wer dabei zum Zuge kommt.

Ein paar Nummern größer ist das geplante Schumacher-Quartier auf Flächen des Flughafens Tegel, der diesen Herbst schließen soll. Katrin Lompscher stellt in Aussicht, dass eher 6000 als einst geplante 5000 Wohnungen dort entstehen sollen. Die Hälfte davon unter Regie landeseigener Unternehmen, die andere Hälfte von »gemeinwohlorientierten Dritten«, also Genossenschaften, Baugruppen oder soziale Träger. Die Grundstücksvergabe soll zum Jahresende abgeschlossen sein, der Hochbau 2022 starten. »Wir haben Betriebstemperatur erreicht, weil es absolut zwingend ist, dass wir vorankommen«, sagt die Senatorin. Ein sozial-ökologisches Vorzeigequartier in Holzbauweise soll entstehen, »Wir sind mit Partnern bestrebt, so etwas wie eine Bauhütte auf dem Areal einzurichten, um dem Holzbaucluster einen Ort zu geben«, erklärt die Senatorin.

Immer lauter geben allerdings die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften zu verstehen, dass sie angesichts steigender Baupreise mit den auf durchschnittlich zehn Euro pro Quadratmeter gedeckelten Neubaumieten nicht klarkommen. »Man muss sehen, wie man das refinanziert. Die Gespräche dazu laufen«, sagt Lompscher.

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