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Der Sozialismus von Carûdî im Krieg

Ein nordsyrisches Grenzdorf will kollektiv wirtschaften und entscheiden - wäre da nicht die Invasion der Türkei

  • Von Sebastian Bähr, Carûdî
  • Lesedauer: 7 Min.

In dem kleinen Dorf Carûdî, im äußerten Nordosten Syriens nahe der Stadt Dêrik gelegen, bricht die Abenddämmerung an. Gänse und Kühe stapfen gemächlich auf Matschpfaden, Kinder rennen zwischen einfachen mit Lehm verputzten Häusern und Traktoren umher. Eine Handvoll Männer steht auf einem Gerüst, sie schrauben und hämmern. Hier soll ein neues Gemeinschaftshaus entstehen, Fundamente und Wände sind bereits fertig. Wenn man den Blick über die flachen Dorfmauern hinausschweifen lässt, sieht man einen See, endlose Weizenfelder, einen Wald.

Doch die Idylle trügt. Man kann in der sich anbahnenden Dunkelheit ebenso die Lichter der türkischen Grenzanlagen erkennen. Sie sind nur rund anderthalb Kilometer, wenige Fahrminuten, entfernt. Die Türkei hat am 9. Oktober 2019 ihre völkerrechtswidrige Invasion in der Demokratischen Föderation von Nord- und Ostsyrien, bekannt als Rojava, begonnen. Aktuell hält sie einen rund 120 Kilometer breiten und 30 Kilometer tiefen Landstreifen in Grenznähe besetzt. Rund 300 000 Menschen sind auf der Flucht. Im Zuge der Invasion wurden auch die umliegenden Höfe von Carûdî bombardiert. Das Dorf befindet sich im Krieg.

Der Krieg richtet sich an diesem Ort nicht nur gegen die überschaubare Gemeinschaft, sondern auch gegen ihre Vorstellung von einem anderen Zusammenleben. »Wir wollen Sozialismus, aber außerhalb des Staates«, sagt ein Bewohner. Der Basisaktivist stellt sich mit dem Namen Hevre vor. »Das Volk soll selbst entscheiden, was es will.« Hevre trägt Wollmütze, graue Jacke und einen ausgefransten Schal, sein üppiger Schnauzbart ist schon leicht ergraut. Der 46-jährige Kurde kommt aus dem Iran, hatte dort als Lehrer gearbeitet. 2012 ging er als Freiwilliger nach Nordsyrien, um der »Revolution« zu helfen - auch wenn er dort niemanden kannte, wie er sagt. Gestrandet ist er in Carûdî, führt nun durch den Ort. Die Bewegung sei stark hier, erklärt der Dorfbewohner stolz. Mehr als 40 von 53 Familien würden die Revolution unterstützen. Die restlichen wolle man auch noch gewinnen, vor allem durch eigene Erfolge. »Sozialismus darf man nicht nur ökonomisch verstehen, es geht auch um eine andere Mentalität«, sagt er.

Was bedeutet das? Hevre holt aus. Lange Jahre hatte ein Großgrundbesitzer im Ort das Sagen, berichtet der Dorfbewohner. Der Agha, das lokale Wort für diese Stellung, habe bei jedem Kaufgeschäft eine Abgabe von etwa 15 Prozent verlangt. Unterstützung bekam er von der Regierung. Mit der Revolution von 2012 habe sich jedoch im Dorf eine widerständige Gruppe gebildet, die dem Agha die Gefolgschaft verweigerte. Der Großgrundbesitzer sei daraufhin geflohen, die mit ihm verbundenen Familien seien geblieben. Die neue Situation schuf Luft für Veränderungen.

Für die widerständige Gruppe hieß es dann, die anderen Familien in kleinen Schritten von der Selbstorganisation zu überzeugen. »Wir sind von Haus zu Haus gegangen«, erinnert sich Hevre. Man besuchte die Nachbarn, organisierte Spieleabende und Bildungsveranstaltungen, kochte gemeinsam, sammelte den Müll von der Straße, räumte Felsbrocken von Feldern. Kurz: kämpfte um Herzen und Köpfe. Mit dem Anwachsen der Gruppe konnte man auch größere Projekte starten: Die Aktivisten bauten mit den gewonnen Familien einen Gemeinschaftsgarten auf. Die neu eingerichtete Selbstverwaltung von Rojava stellte den Dorfbewohnern zudem Land zur kollektiven Bearbeitung zur Verfügung. Die Gemeinschaft beschloss, auf den Feldern Weizen anzubauen. Dieser wird in der Gegend grünlich geröstet und als sogenannter Freekeh gegessen. Die beteiligten Familien teilen die Erträge der Ernte untereinander auf, ein Teil des Geldes wird auch in Anschaffungen investiert. Die Praxis ist entscheidend, sagt Hevre. »Es braucht Geduld und die richtigen Methoden.« Man müsse die Lebensbedingungen der Menschen durch kleine Projekte verbessern. Und man müsse sich immer 100 Prozent sicher sein, dass ein Projekt auch Erfolg hat.

Im Laufe der Zeit seien aus zehn organisierten Familien erst 20 und dann 40 geworden. Am Anfang war es schwer, neue Leute zu begeistern, so Hevre. »Warum soll ich mehr arbeiten als andere?« oder »Warum soll ich arbeiten, wenn der andere nicht kommt?«, hätten sich einige gefragt. »Man muss Einzelne motivieren und zu Vorreitern aufbauen«, erklärt der Aktivist seine Strategie.

Heute gibt es in Carûdî einen Rat, in dem sich die Bewohner regelmäßig treffen, diskutieren und über ihre Belange entscheiden. Im System von Rojava nennt sich diese kleinste Verwaltungseinheit der direkten Demokratie »Kommune«. Diese kann ein Dorf oder ein paar Straßenzüge umfassen, maximal etwa 150 Familien. In diesen Kommunen gründen sich dann wirtschaftliche Kooperativen und Komitees für unterschiedliche Aufgaben, von »Verteidigung«, über »Bildung« bis hin zu »Konfliktlösung«. Mehrere Kommunen bilden wiederum eine größere regionale oder städtische Verwaltungseinheit mit einem Rat - die Entscheidungsfindung soll zumindest in der Theorie von unten nach oben verlaufen.

In Carûdî ist das aktuelle Projekt der Bau eines Gemeinschaftszentrums. Hier sollen bald Geburtstage, Hochzeiten, Beerdigungen sowie auch Politik- und Kulturveranstaltungen stattfinden. Die organisierten Familien legen ihr Geld zusammen, um den Bau zu ermöglichen. So weit wie möglich soll das Haus von den Dorfbewohnern errichtet werden. Sollte Arbeit von außen notwendig sein, dann wolle man sie gut entlohnen.

Was ist mit der Opposition? Zehn Familien im Dorf sind laut Hevre nicht von der Politik der Selbstverwaltung überzeugt. Sie sollen mit dem ehemaligen Großgrundbesitzer verbunden gewesen sein - ein Vorwurf, der sich nur schwer prüfen lässt. Die demokratischen Versammlungen stehen ihnen offen, die neuen Gemeinschaftsprojekte dürfen sie jedoch nicht mitnutzen, solange sie sich nicht an deren Aufbau beteiligen, wird erklärt. Sanktionen gebe es keine, versichert Hevre. Und fügt hinzu: »Natürlich versuchen wir weiter, auf die Familien zuzugehen.«

Mittlerweile hat man sich im Haus eines der Dorfbewohner eingefunden. Es gibt Chai, Brot, Fisch und warmen Freekeh von den hiesigen Feldern. Inmitten des Gemeinschaftsraumes steht ein Ofen, der Wärme ausstrahlt; ein Fernseher an der Wand überträgt Nachrichten. Daneben hängen Porträts gefallener Kämpfer. Sechs Menschen aus Carûdî sind in Gefechten gegen die Terrormiliz »Islamischer Staat« ums Leben gekommen. Eine der Frauen im Raum hat eine Decke über ihre Beinstümpfe gelegt. Nach dem Sieg über den IS hielt der Frieden nur kurz. Die Invasion der Türkei macht den Dorfbewohnern Angst. »Die Menschen fürchten sich vor Folter, Vertreibungen und Vergewaltigung«, sagt Hevre. Bisher gebe es keine Toten, doch die Kämpfe waren in den ersten Wochen nicht weit entfernt. Als die umliegenden Dörfer mit Artillerie beschossen wurden, sei auch aus Carûdî die Hälfte der Bewohner geflohen. Die meisten seien mittlerweile zurückgekehrt - auch weil man das gemeinsam Errichtete nicht aufgeben wolle.

Hevre zieht an der Zigarette. »Niemand im Dorf wird unter einer Besatzung leben«, sagt er. Sollte die Türkei das Dorf einnehmen, werde ein Teil der Bewohner fliehen, ein anderer zum Kämpfen bleiben. 30 Dorfmitglieder hätten sich den lokalen Selbstverteidigungskräften HPC angeschlossen, einer selbstorganisierten Anwohnermiliz. Sie seien bereit. Was sie gegen die zweitgrößte NATO-Armee, ausgestattet mit Drohnen, Jets und Kampfpanzern, ausrichten können, steht auf einem anderen Blatt.

Auf die Regierung hofft in Carûdî derweil keiner. Die syrische Armee ist zwar neuerdings an vielen Stellen an der Front, aber gefühlt doch weit weg. In einem Nachbardorf wurde im Zuge der Invasion eine kleine Einheit stationiert, jedoch ohne schwere Waffen oder sonstige Unterstützung, erzählt man sich. Symbolisches Kanonenfutter, so das Geraune. Menschen aus der Gegend brächten ihnen gelegentlich Essen vorbei. Hevre weiß über die stockenden Verhandlungen zwischen Damaskus und Rojava Bescheid. Im Zuge der Invasion und bedingt durch den Teilrückzug der US-Amerikaner schlossen die Selbstverwaltung und das Regime ein militärisches Abkommen, die Verhandlungen zu den politischen Folgen laufen seitdem ohne Erfolg. Der syrische Machthaber Baschar al-Assad wolle keine Kompromisse bei Autonomiefragen eingehen, berichtet die Selbstverwaltung. Hevre zumindest ist klar, dass es für Carûdî kein Zurück zu dem alten Syrien geben wird. »Solange wir hier leben, kann uns kein Staat regieren«, sagt er.

Draußen wird es dunkel. Die Besucher müssen aus Sicherheitsgründen zurückfahren. Die Dorfbewohner berichten noch schnell von weiteren Projekten, die sie trotz der Invasion umsetzen wollen. Nach der Fertigstellung des Gemeinschaftshauses soll eine kollektive Fischzucht eingerichtet werden, den Park will man vergrößern, weitere Obstbäume anpflanzen, Straßen pflastern. »Wenn das alles abgeschlossen ist, ziehe ich vielleicht weiter und helfe in einem anderen Dorf beim Aufbau des Rätesystems«, sagt Hevre und nippt an seinem Chai.

Vorerst geht der Krieg jedoch weiter, wenn auch ohne große Geländegewinne. Beobachter rechnen damit, dass neben der Stadt Kobanê auch der Raum um Dêrik zu den nächsten Zielen der Türkei gehören könnte.

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