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Hin und her und reichlich Tore

Nach dem 4:3-Sieg Leverkusens über Dortmund stehen die Abwehrreihen in der Kritik

  • Von Andreas Morbach, Leverkusen
  • Lesedauer: 4 Min.
Dortmunds Julian Brandt (l) und Leverkusens Jonathan Tah kämpfen um den Ball - und um die vorderen Tabellenplätze.
Dortmunds Julian Brandt (l) und Leverkusens Jonathan Tah kämpfen um den Ball - und um die vorderen Tabellenplätze.

Dortmunds neuer Wunderknabe Erling Haaland hatte gerade mit eisiger Miene einige sehr knappe Sätze zur 3:4-Niederlage in der BayArena formuliert, als einer seiner zahlreichen Offensivkollegen um die Ecke humpelte. Im Schneckentempo bewegte sich Julian Brandt an seiner früheren Wirkungsstätte Richtung Ausgang und deutete dabei mit einem gequälten Lächeln hinunter auf sein lädiertes Sprunggelenk. »Der Knöchel ist ziemlich dick«, berichtete der 23-Jährige über seine Blessur, die er sich gleich zu Beginn der Partie in einem Zweikampf mit dem Ex-Kollegen Lars Bender eingehandelt hatte.

Zur Pause blieb Brandt, in den vergangenen Wochen stets einer der auffälligsten Dortmunder, in der Kabine. Nach Kapitän Marco Reus, der wegen einer Muskelverletzung aus dem verlorenen Pokalspiel in Bremen etwa vier Wochen pausieren muss, droht dem BVB also ein weiterer, besonders schmerzhafter Ausfall. Für die Partie am Freitag gegen Frankfurt, womöglich aber auch noch für das Königsklassen-Highlight am 18. Februar gegen Paris Saint-Germain.

Schon im vergangenen Jahr kassierte das Team von Lucien Favre im Februar mit nur einem Sieg in sechs Spielen die entscheidenden Rückschläge in Pokal, Meisterschaft und Champions League. Nun droht eine Wiederholung der dunklen Story - und die Art und Weise der Pleite gegen den direkten Konkurrenten aus dem Rheinland fühlte sich für die Schwarz-Gelben dabei nach mehr an als nur nach einer Niederlage. »Das war ein Rückschlag. Aber die Saison ist noch lang, es kann noch viel passieren«, sagte Juventus-Leihgabe Emre Can, der bei seinem ersten Bundesligaspiel seit fünfeinhalb Jahren gleich durch enorme Präsenz und mit einem Traumtor zum zwischenzeitlichen 2:1 für die Gäste glänzte, Bayers Leon Bailey beim 3:3 allerdings auch unglücklich den Ball auflegte.

»Blöd gelaufen«, kommentierte Can - der gleich zum Einstieg einen scharfen Abriss der Dortmunder Hauptprobleme präsentierte: fehlende Abgezocktheit in entscheidenden Spielphasen - und immer wiederkehrende Nachlässigkeiten in der Defensive. »Die Mannschaft hat extrem viel Potenzial, muss aber eines lernen: Wenn man in Führung geht, muss man dreckiger sein. Manchmal ein Foul spielen, besser verteidigen«, monierte der gebürtige Frankfurter und betonte: »Ich meine damit die gesamte Mannschaft, von vorne bis hinten.«

Die Favre-Elf steckte Mitte der ersten Halbzeit einen Rückstand zwar unbeeindruckt weg, gab aber letztlich auch zwei Führungen aus der Hand. Einer Spitzenmannschaft ist das nicht würdig - und besonders nachdenklich machte die Borussen ihr passives Verhalten in der Phase nach Raphael Guerreiros Treffer zum 3:2 nach gut einer Stunde. »Wir können eine internationale Topmannschaft sein. Aber das sind wir nicht, wenn wir dem Gegner während einer Partie jedes Mal wieder das Spiel überlassen«, murrte Abwehrchef Mats Hummels, der gar rekapitulierte: »Irgendwann kam der Moment, in dem wir gehofft haben, dass das Spiel gleich vorbei ist. Wenn man das hofft, dann geht’s schief.«

Nach dem orkanmäßigen Start in die Rückrunde mit 15 Toren in den ersten drei Ligaspielen droht die Stimmung beim BVB zu kippen. »Wir waren als Team nicht gut genug. Wir müssen mehr und härter arbeiten«, kommentierte Mittelstürmer Haaland mit versteinertem Blick und felsenfest sitzender grauer Wollmütze. Und Sportdirektor Michael Zorc zürnte: »Es ist eklatant, wie einfach wir es dem Gegner machen, Tore gegen uns zu erzielen. Das war in Bremen so, das war hier so. Das Thema begleitet uns schon ein bisschen länger. Und das ist ein Mechanismus, warum wir in der Tabelle nicht weiter oben stehen.«

Im Kampf um die begehrten Eintrittskarten für die Königsklasse macht Leverkusen nun von unten spürbar Druck - und im Spitzenspiel am Sonntagabend konnten die Bayern und Leipzig den Dortmundern um sechs respektive fünf Punkte enteilen. Wohl auch deshalb erklärte Trainer Favre in der BayArena: »Diese Niederlage ist sehr schwer zu verdauen.«

Dass der Schweizer dabei die Schwächen seines Teams bei der Balleroberung und fehlende Geduld bemängelte, deutete auf einen erkannten Rückschritt hin. Und das in einem besonders unpassenden Moment. »Man braucht nur einen Blick auf die Tabelle zu werfen, um zu wissen«, betonte Sportchef Zorc, »dass wir heute ein wichtiges Spiel verloren haben. Im Kampf um die Champions-League-Plätze - aber auch, um ganz nach oben zu schauen.«

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