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Spekulanten not welcome

Während die Immobilienlobby im »Adlon« gastiert, fürchten Mieter ihre Verdrängung

  • Von Nicolas Šustr und Marie Frank
  • Lesedauer: 4 Min.
Protest gegen den Immobilienkongress »Quo Vadis«
Protest gegen den Immobilienkongress »Quo Vadis«

»3000 Euro Eintritt können wir uns nicht leisten, wir müssen leider draußen bleiben«, sagt die Sängerin des antikapitalistischen Jodel-Duos Esels Alptraum bedauernd. Während von Dienstag bis Mittwoch Hunderte Lobbyisten und Politiker auf dem jährlichen Immobilienkongress »Quo Vadis« im schicken Hotel »Adlon« in Berlin-Mitte den Ausverkauf der Stadt planen, weht ihnen draußen ein eisiger Wind entgegen: Rund 70 Menschen plus etliche Schaulustige haben sich hier am Dienstagabend trotz Sturm und Regen versammelt, um gegen Spekulation und Verdrängung zu protestieren. »Das sind nicht die Leute, die sich darum sorgen, dass Menschen keine Wohnung haben, nein, sie wollen, dass wir noch mehr dafür bezahlen, dass wir ein Dach über dem Kopf haben«, empört sich einer der Initiatoren und erntet laute Buhrufe.

Der Ort der Abendveranstaltung des Immobilienkongresses am Dienstag wurde nach den massiven Protesten im vergangenen Jahr lieber geheim gehalten. Auch bei den Branchenvertreter*innen ist mittlerweile angekommen, dass sich der Wind in der Hauptstadt gedreht hat. Immer mehr Mieter*innen gehen gegen den Mietenwahnsinn auf die Straße, Zwangsräumungen werden blockiert, Häuser besetzt und ganze Hausgemeinschaften organisieren sich gegen ihre Verdrängung.

So auch die Mieter am Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg. Sie wollen am Donnerstag auf die Straße gehen, um gegen den geplanten Verkauf ihrer Häuser in einem Bieterverfahren zu protestieren. Konkret geht es um die Häuser Admiralstraße 1 und 2 sowie Skalitzer Straße 6. Im Erdgeschoss residiert die bekannte Gaststätte »Südblock«. Vor ein paar Tagen haben die Mieter der 120 Sozialwohnungen zufällig von dem Plan erfahren, dass die rund 150 Eigner des 1978 erbauten Ensembles verkaufen wollen, und zwar zum Höchstpreis.

Am Samstag zuvor ist es voll im Veranstaltungsraum »Aquarium« im Block. Dutzende Mieter haben sich versammelt, um zu beraten, wie sie mit den beunruhigenden Neuigkeiten umgehen sollen.

»Ich bin am 1. April 1978 eingezogen, das Haus war noch eine Baustelle«, berichtet eine Mieterin, die ihren Namen nicht nennen möchte. »Da war ich noch jung. Und jetzt, nach 42 Jahren, muss ich mir Sorgen um meine Wohnung machen?«, fragt sie verängstigt. Sie ist nicht die einzige Mieterin der ersten Stunde, der nun bange ist. Denn wenn zum Höchstpreis verkauft wird, will der Käufer auch seine Investition wieder herausbekommen. Im Prinzip sind die Mieter noch mindestens bis zum Jahr 2032 geschützt. Denn so lange gilt die Sozialbindung, selbst wenn das für den Hausbau gewährte Förderdarlehen früher zurückgezahlt werden sollte.

Außergewöhnlich billig sind die Wohnungen allerdings nicht. »Ich zahle um die 640 Euro warm für meine 65 Quadratmeter große Wohnung«, berichtet Rosa Wagner, die seit einigen Jahren im Haus wohnt. Sie heißt eigentlich anders, will ihren richtigen Namen allerdings nicht in der Zeitung lesen - aus Sorge vor Scherereien mit der Hausverwaltung. Ein möglicher Käufer könnte zum Beispiel noch mehr an der Instandhaltung sparen, fürchtet sie. »Dabei ist das Haus schon jetzt in schlechtem Zustand. Es gibt ständig Rohrbrüche«, berichtet Wagner. Eigentlich müsste eine teure Strangsanierung durchgeführt werden, ist sie überzeugt. Auch könnte der engagierte Hausmeister entlassen werden, um Kosten zu sparen, so eine weitere Befürchtung für die unmittelbare Zukunft nach dem Verkauf.

Die Mieter formulieren fünf Forderungen in einem Brief an die Anleger des Fonds Admiralstraße 1-6 Grundstücks GmbH & Co. Hausbau KG. »Kein Bieterverfahren!«, »keine Spekulation mit unseren Häusern«, »sozial verträglicher Verkaufspreis« für den »Verkauf an eine landeseigene oder gemeinwohlorientierte Wohnungsgesellschaft« sowie »Arbeitsplatzgarantie für die derzeitigen Hauswarte«, lauten diese. Das Schreiben soll am Donnerstagnachmittag dem Fonds-Geschäftsführer Tobias Seidel am Sitz Kurfürstendamm 199 übergeben werden. Eine Anfrage per E-Mail zu den Plänen des Fonds ließ Seidel unbeantwortet, auch telefonisch war er nicht zu sprechen.

Zu den Anteilseignern gehören illustre Personen, so der wegen seines luxuriösen Lebensstils als »Maserati-Harry« bekannt gewordene ehemalige Geschäftsführer der Berliner Treberhilfe, Harald Ehlert, oder ein Erbe des verstorbenen einstigen West-Berliner CDU-Bausenatoren Klaus Franke, der 1986 wegen einer Korruptionsaffäre geschasst worden war, sowie der in Heilbronn lebende Multimillionär und Bundesverdienstkreuzträger Otto Rettenmaier. Ansonsten viele Anwälte, Unternehmer und Ärzte vornehmlich aus Westdeutschland.

»Man schachert nicht mit Sozialwohnungen«, sagt Gaby Gottwald, Mietenpolitikerin der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus und verweist auf den Koalitionsvertrag. Demnach soll das Land deren Ankauf forcieren, »insbesondere in Stadtteilen mit einem Mangel an preiswertem Wohnraum«. Viel Geld dürften die Fondseigner für die Immobilie nicht verlangen, fordert Rosa Wagner. »Wir haben das Haus mit unseren Mieten bereits zweieinhalbmal bezahlt.«

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