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»Stilles Gedenken« künftig ohne Heimatverein

Vorstand sieht sich nach Ereignissen in Marzahn verleumdet und von politischer Auseinandersetzung »zerrissen«

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 2 Min.
Kein Protest in Marzahn: Polizist*innen hatten den Friedhof abgeriegelt und den Antifaschist*innen den Zutritt zunächst verweigert.
Kein Protest in Marzahn: Polizist*innen hatten den Friedhof abgeriegelt und den Antifaschist*innen den Zutritt zunächst verweigert.

»Wir müssen feststellen, dass wir zum Placebo einer auch unseres Erachtens nach notwendigen politischen Auseinandersetzung mit der AfD geworden sind, die die politischen Parteien des Bezirks entweder nicht gewillt oder nicht hinreichend genug in der Lage sind, zu führen.« Die Erklärung, die der Vorsitzende des Heimatvereins Marzahn-Hellersdorf, Wolfgang Brauer, bei der Jahrespressekonferenz am Mittwoch verliest, fällt ihm, wie er sagt, »sehr schwer«. Schließlich habe man »wesentliche Beiträge zur Erforschung der NS-Zeit im Bezirk« sowie zur Etablierung einer »antifaschistischen Gedenkkultur in Marzahn-Hellersdorf« geleistet. So habe Vereinsmitglied und Künstler Michael Klein die Stele zur Erinnerung an die NS-Zwangsarbeiter geschaffen.

Nun hat der Vorstand des Vereins den Rücktritt von der Mitträgerschaft des Stillen Gedenkens auf dem Marzahner Parkfriedhof beschlossen. Es solle dort nicht noch einmal zu einem so großen Polizeieinsatz kommen wie am 25. Januar. Nachdem die AfD-Bezirksfraktion angekündigt hatte, an der Erinnerung an die NS-Zwangsarbeiter im Rahmen des Internationalen Holocaustgedenktags, teilnehmen zu wollen, hatten antifaschistische Initiativen, allen voran die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschist*innen (VVN-BdA) zum Protest aufgerufen. 130 Polizist*innen hatten den Friedhof daraufhin abgeriegelt und den Antifaschist*innen den Zutritt zunächst verweigert, während die AfD-Delegation über den Hintereingang reingelassen wurde.

Die Bundestagsvizepräsidentin und Linke-Abgeordnete Petra Pau bezeichnete die AfD-Beteiligung am Gedenken als »geheuchelte Anteilnahme«. Pau ist Mitglied des Heimatvereins Marzahn-Hellersdorf. Sie wurde während der Gedenkveranstaltung beschimpft und in einem Video des Marzahner AfD-Politikers im Abgeordnetenhaus Gunnar Lindemann verleumdet. Lindemann hatte sich als »Verteidiger der Demokratie« aufgespielt und von »linker Grabschändung« schwadroniert. Im selben Video wurden Journalist*innen gefilmt und als »Täter« bezeichnet.

Pikant: Auch Lindemann ist Mitglied im Marzahner Heimatverein, ebenso wie Bernd Pachal. Pachal, stellvertretender Vorsitzender der AfD-Fraktion, hat sich offen antisemitisch geäußert. Er lobte im Internet unter anderem »die kluge Politik des Reichsprotektors Reinhard Heydrich«. Heydrich, der »Schlächter von Prag«, war als NS-Funktionär hauptverantwortlich für den Holocaust. Regelmäßig empfängt man zudem bei der Marzahner AfD-Fraktion Funktionäre des von Sicherheitsbehörden als völkisch und neofaschistisch eingestuften »Flügels«. Bemühungen, sich bürgerlich zu geben, werden konterkariert von ungelöschten Beiträgen in den Kommentarspalten zu Mitteilungen der Marzahner Fraktion, die von rechter Hetze nur so strotzen.

Wolfgang Brauer sagt, man habe die Aufnahme vom AfD-Mitgliedern in den Heimatverein nicht verhindern können. Nun werde man »in linken Kreisen als AfD-unterwandert verleumdet«.

In der Vereinssatzung steht übrigens: »Das aktive Vertreten von rassistischem und nationalistischem Gedankengut steht im Widerspruch zu den Zielen unserer Vereinsarbeit.«

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