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»Ich könnte mir hier nicht mal jeden Tag einen Kaffee leisten«

Eine Starbucks-Beschäftigte über ihren stressigen Arbeitsalltag zwischen Bar und Kasse und was sie trotz Hungerlohn in ihrem Job hält

  • Von Robert Putzbach und Ines Wallrodt
  • Lesedauer: 4 Min.
Beschäftigte von McDonald’s und Starbucks haben in dieser Woche in Berlin und zahlreichen anderen deutschen Städten gegen niedrige Löhne bei den Fast-Food-Ketten gestreikt. (Foto vom Montag)
Beschäftigte von McDonald’s und Starbucks haben in dieser Woche in Berlin und zahlreichen anderen deutschen Städten gegen niedrige Löhne bei den Fast-Food-Ketten gestreikt. (Foto vom Montag)

Warum wollen Sie genauso wie die anderen Streikenden hier nur ohne Namen und Foto über ihre Arbeitsbedingungen berichten?

Lieber nicht gemobbt werden. Bei einem Streik vor ein paar Jahren haben Leute Ärger von oben bekommen. Nicht alle haben einen Festvertrag. Die können einfach gekündigt werden.

Wie lange arbeiten Sie schon bei dieser Kaffeekette?

Ich fange jetzt mein drittes Jahr an.

Stimmt es, dass die meisten Beschäftigten nicht so lange bleiben?

In unserem Store gibt es eine, die ist acht, neun Jahre dabei. Aber wir haben auch sehr viele Leute, die nach einem oder zwei Monaten wieder abhauen. Die wenigsten machen das lange mit. Und neue Leute sind schwer zu finden. Wenn die schon hören, es gibt nur 9,48 Euro, dann bewirbt sich auch keiner. Es ist einfach zu wenig Geld. Eine Familie kann man davon keinesfalls ernähren.

Verdienen Sie nach drei Jahren noch genauso wenig?

Ich bin jetzt in der zweiten Tarifgruppe. Das macht aber keinen großen Unterschied. Es ist echt wenig für den Job, den wir machen. Wenn ich mir andere Jobs angucke, zum Beispiel nebenan die Bäckerei, die verdienen alle 12 Euro.

Und Sie?

Ich kriege in Vollzeit 1171 Euro netto. Für 39 Stunden. Mit dem Gehalt kann ich mir hier nicht einmal jeden Tag einen Kaffee leisten. Alleine meine Fahrkarte kostet mich 80 Euro im Monat. Mit meinem Lohn kann ich auch keine Wohnung finanzieren. Ich bin fast 30, wohne aber noch bei meinen Eltern. Anders geht’s ja nicht.

Wie muss man sich Ihren Arbeitsalltag bei Starbucks vorstellen?

In unserem Store ist immer richtig was los. Wir haben viele, sehr viele Kunden. Wir haben ja fast nur Touris hier, die kein deutsch können. Es ist wirklich stressig. Vor allem die Sommertage. Wir sind ständig in Bewegung: Kasse, dann wieder Bar, Kasse, Bar, Kasse, Bar. Ständig hin und her. Das geht auch auf den Rücken. Zwischendurch müssen wir aufräumen, Müll wegbringen, Milch auspacken. Manchmal sind wir allein an der Bar und an der Kasse. Die Kunden stehen dann Schlange und du musst immer schneller machen und schneller und schneller.

Müssen Sie oft an den Wochenenden arbeiten?

Wir haben nur einmal im Monat ein freies Wochenende. Ansonsten haben wir eigentlich nie zwei Tage am Stück frei, so dass wir uns fast nie richtig ausruhen können. Man hat kaum ein Privatleben, weil man zu erschöpft ist von der Arbeit.

Macht dieser Job trotz alldem Spaß?

Ja schon, das liegt aber vor allem an dem Team. Wir verstehen uns alle richtig gut. Das ist für mich die einzige Motivation, noch hierzubleiben.

Machen bei dem heutigen Streik alle mit oder gibt es Kollegen, die dagegen sind?

Alle streiken, alle! Egal, ob Schichtleiter oder Barista. Es ist einfach zu wenig Geld - wir sehen ja, wie viel Starbucks mit uns verdient. Wir sind die umsatzstärkste Filiale in ganz Deutschland. Ich will gar nicht wissen, was der Gewinn daraus ist.

Haben Sie früher schonmal gestreikt?

Nein, heute ist mein erstes Mal. Ich kann mir das nicht länger antun. Der Job hier ist wirklich Ausbeuterei.

Als der Streik begann, hat der Store Manager noch versucht, den Betrieb aufrecht zu erhalten. Wie fanden Sie das?

Der kriegt einfach nur Druck von oben. Der würde wahrscheinlich am liebsten selber streiken.

Was ist, wenn die Arbeitgeber auch nach der dieser Verhandlungsrunde von 12 Euro nichts wissen wollen?

Dann machen wir den Laden 24 Stunden dicht. Vor ein paar Jahren gab es das schon mal in anderen Stores.

Bislang haben die Arbeitgeber nur 13 Cent mehr als den gesetzlichen Mindestlohn angeboten. Sind Sie trotzdem optimistisch, dass Ihr Arbeitskampf erfolgreich sein wird?

Natürlich. Irgendwie muss das ja klappen. Die werden nicht wollen, dass es weitere Streiks gibt. Es muss einfach mehr Kohle rumkommen.

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