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Einfach mal zuhören

Fabian Goldmann findet deutsche Talkshows eintönig und fordert, mehr Frauen und Migranten einzuladen

  • Von Fabian Goldmann
  • Lesedauer: 4 Min.

Fernsehmachen war auch schon mal einfacher. Um den Multikulti-Vorstellungen des Publikums genüge zu tun, reichte der Auftritt des jodelnden Japaners im »Musikantenstadl«. Für einen ausgeglichenen Frauenanteil kümmerten sich Aprikose, Erdbeere und Kirsche auf RTL. Und im WDR oblag es ein paar rauchenden und saufenden alten Männern, sich im Alleingang um die politische Bildung der Zuschauerschaft zu kümmern. Kritik an all dem gab es. Aber in der Regel reichte sie nur nur bis zum anderen Ende des Fliesentischs.

Die Zeiten haben sich zum Glück geändert. Heute kämpfen die Nachfolger von »Der Internationale Frühschoppen« nicht nur mit der schwindenden Bedeutung des Mediums, sondern auch mit einem wesentlich vielfältigeren, kritischeren und mächtigeren Publikum. Behauptungen eines AfD-Politikers bei Maischberger werden auf Facebook gegengecheckt. Auf Twitter wird kritisiert, dass bei »Anne Will« mal wieder niemand mit Migrationserfahrung sitzt. Das alles in Echtzeit und immer nur einen knackigen Hashtag davon entfernt, Tausende andere Menschen zu erreichen.

Nur die Kritikfähigkeit der öffentlich-rechtlichen Talkshows scheint sich noch an den selbstgefälligen Altherrenrunden von einst zu orientieren. Nichts anfangen könne man mit den pauschalen Vorwürfen, ließ »Hart aber Fair«-Macher Frank Plasberg wissen, als er und seine drei Kolleginnen im vergangenen Jahr für ihre diskriminierende Gästeauswahl den Negativpreis »Goldene Kartoffel« der »Neuen Deutschen Medienmacher*innen« erhielten. Auch Maybrit Illner wies die Auszeichnung zurück, schließlich sei es für sie eine »Selbstverständlichkeit, Menschen mit internationaler Geschichte beziehungsweise Migrationshintergrund zu aktuellen Themen einzuladen.«

Doch ganz so selbstverständlich ist das leider nicht. Ich habe alle Gäste und Themen der 135 öffentlich-rechtlichen Talkshow-Sendungen des Jahres 2019 auf ihre Vielfalt hin untersucht. Fazit: Die Kritiker haben recht. Noch immer sind Personen mit ausländischen Wurzeln und nicht-weiße Menschen eine Seltenheit bei »Anne Will«, »Hart aber Fair«, »Maischberger« und »Maybrit Illner«. Auf den Gästelisten fanden sich mehr Menschen mit dem Vornamen Peter als alle Personen mit türkischen Namen gemeinsam. Allein CDU-Politiker Norbert Röttgen brachte es im Jahr 2019 auf mehr Auftritte als alle Gäste aus Afrika, der Arabischen Welt und dem Iran zusammen. Auf den Auftritt des ersten schwarzen Gastes warteten Zuschauer und Zuschauerinnen ganze siebeneinhalb Monate.

War doch einmal ein Gast mit Migrationserfahrung zu sehen, erging es ihm häufig nicht anders als dem japanischen Jodler im Musikantenstadel: Er bediente Klischees. Fast die Hälfte der nicht-weißen Personen im vergangenen Jahr wurde in einer stereotypen Rolle besetzt: Der Türke kommentiert Erdoğan, der Araber die Clankriminalität und der Schwarze Rassismus. Nur dem weißen Deutschen wird zugetraut, über Themen abseits seines kulturellen Hintergrundes Stellung zu nehmen.

Also Sendeschluss für Talkshows wie es viele Kritiker längst fordern? Haben sich diese staatstragende Laberrunden mit mehr Empörungs- als Erkenntnispotenzial nicht längst überholt? Ist es im Jahr 2020 nicht an der Zeit Abschied zu nehmen von Formaten, bei denen Polarisierung und Populismus schon im Grundkonzept angelegt sind? Gehören Talkshows nicht einfach in den chauvinistischen Giftschrank des deutschen Fernsehens?

Das wäre eine Möglichkeit. Aber das vergangene Jahr hat auch gezeigt: Gesellschaftliche Veränderungen gehen nicht völlig spurlos an den Talkshow-Machern vorüber. Erklärten über Jahrzehnte im Fernsehen überwiegend Männer die Welt, scheinen All-Male-Panels endlich der Vergangenheit anzugehören. Wurde in den letzten Jahren vorzugsweise über Kopftücher und Flüchtlinge gestritten, waren Sendungen, in denen Migranten und Muslime als Problemfall dargestellt wurden, 2019 die Ausnahme. Und immer häufiger wird nicht nur über Arbeitslose, Rentner-innen und Krankenpfleger diskutiert - sondern auch mit ihnen.

Was deshalb neben mehr Vielfalt bei Gäste- und Themenauswahl den Talkshows beim Überleben helfen könnte: Einfach mal zuhören, wenn sich auf Twitter oder anderswo Protest regt. Vielleicht können »Anne Will«, »Hart aber Fair«, »Maischberger« und »Maybrit Illner« dann doch noch jenes Schicksal abwenden, das »Musikantenstadl«, »Tutti Frutti« und viele andere längst zurecht ereilt hat.

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