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Pandemie im Anzug

Auch globale Mobilität macht die Menschheit verwundbarer

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 5 Min.
Atempause für eine Pflegerin in einem Gesundheitszentrum in Wuhan
Atempause für eine Pflegerin in einem Gesundheitszentrum in Wuhan

Wie gut ist die Welt von heute auf länderübergreifende Krankheitsausbrüche, sogenannte Pandemien, vorbereitet? Das neue Coronavirus mit Ursprung im chinesischen Wuhan lässt schnell vergessen, dass es schon seit Juli 2018 eine weitere internationale Gesundheitskrise gibt, als solche anerkannt von der Weltgesundheitsorganisation WHO und bis jetzt nicht beendet. Die Ebolaepidemie in der Demokratischen Republik Kongo ist zwar weitgehend, aber nicht vollständig unter Kontrolle, die Zahl der Toten wächst seit Monaten kaum noch. 2254 Menschen verloren in diesem Land durch das Ebolavirus ihr Leben. Die Weltgesundheitsorganisation WHO befürchtet nun, dass diese »gesundheitliche Notlage« sich wieder zuspitzen könnte, weil erneut zwei Patienten zu Hause gestorben seien, was die Gefahr von Neuinfektionen erhöht.

Die Ebola-Pandemie von 2014 bis 2016 in Westafrika wiederum scheint schon so lange zurückzuliegen, dass Lerneffekte aus dieser Krise außerhalb von Expertenkreisen kaum Aufmerksamkeit bekommen. Die Ebola-Ausbrüche der letzten zehn Jahre in Afrika waren das Ausgangsthema einer neuen Vorlesungsreihe, die gestern in Berlin startete. Die Charité und die London School of Hygiene and Tropical Medicin hatten das neue Format entwickelt, weil sie interessierte Forscher verschiedener Fächer zusammenbringen wollen. In der Konzeptionsphase war jedoch von Sars-CoV-2, wie das neue Coronavirus seit Mittwoch offiziell heißt, noch nichts zu ahnen.

So konnte Esther Yei Mokuwa aus Sierra Leone darüber berichten, wie die ländliche Bevölkerung in der Ebola-Krise auf Gesundheitspolitik reagierte und was an dieser verändert wurde. Mokuwa forscht an der Njala University in Freetown. Weil sich bei Ebola die allernächsten Verwandten ansteckten - wenn sie ihre Familienmitglieder versorgten oder Verstorbene für die Beerdigung wuschen - explodierten die Zahlen der Ansteckungen zunächst regelrecht. Beerdigungen durch Helfer in voller Schutzkleidung scheinen epidemiologisch sicher, sie wurden aber kaum akzeptiert. »Es kam zu heimlichen Beerdigungen, die zu weiteren Infektionen führten«, so Mokuwa. Schließlich änderten die Gesundheitsbehörden in Sierra Leone ihre Strategie und zeigten sich kompromissbereit: Neue kommunale Versorgungszentren behandelten nun nicht mehr nur Ebola, sondern auch Malaria und andere Krankheiten. Es wurden statt weniger großer viele kleine dieser Zentren eingerichtet, mit lokalen Mitarbeitern und maximal 16 Betten. Dort durften die Familien ihre Erkrankten auch sprechen und versorgen. Ebenso wurde die Bevölkerung darüber informiert, dass sie Erkrankte selbst im Haus isolieren und mit reichlich Trinkwasser versorgen sollten - bis ein Ambulanzfahrzeug komme. Davor war eine Behandlung zu Hause einfach strikt verboten. Prävention auf lokaler Ebene ist deshalb für Mokuwa der richtige Ansatz bei hochansteckenden Krankheiten. Hilfsorganisationen und Behörden müssten verstehen, wie typische ländliche Gemeinden in Afrika funktionieren. Nötig sei, lokale Helfer einzubeziehen, die Sprache vor Ort zu kennen und die Kultur zu verstehen.

Peter Piot, Mitbegründer und Direktor der genannten Londoner Hochschule, resümiert das Infektionsgeschehen seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Auffällig sei, dass große Krankheitsausbrüche in letzter Zeit häufig in Regionen mit bewaffneten Konflikten geschähen, darunter auch die Ebola-Epidemie in der DR Kongo aktuell. Die meisten Ausbrüche ansteckender Krankheiten in den letzten Jahrzehnten seien zum Beispiel durch Viren übertragen, die ihr natürliches Reservoir in Tieren haben, die normalerweise nicht auf dem menschlichen Speiseplan stehen. Diese Quelle von Erkrankungen könne nicht trockengelegt werden, da dafür alle entsprechenden Tierarten ausgerottet werden müssten, darunter Schlangen und Fledermäuse.

Die Frequenz von Krankheitsausbrüchen durch neue Erreger steige in den letzten Jahrzehnten an, so Piot. Insgesamt werde die Menschheit - unter anderem durch den Klimawandel und seine Folgen - gesundheitlich verwundbarer. Hinzu kommt die gewachsene Mobilität: »Zehn Millionen Passagiere sind pro Tag weltweit mit Flugzeugen unterwegs.« Entsprechend schwierig sei es, sich gut auf Pandemien vorzubereiten, so der Arzt und Mikrobiologe: »Das hängt immer auch vom konkreten Land ab. Epidemien können verhindert werden, Krankheitsausbrüche mit neuen Erregern jedoch nicht.«

Hier kann Christian Drosten anknüpfen, leitender Virologe an der Berliner Charité und in diesen Tagen häufig in den Medien. Der Mediziner ist dafür bekannt, dass er sich strikt für Transparenz einsetzt: »Alle müssen wissen, dass es jetzt eine neue Krankheit gibt, sie müssen den Mechanismus der Ansteckung verstehen - und dann zu Hause bleiben.«

Für Transparenz sollten sich nach Drosten auch Experten engagieren und ihre Forschungsergebnisse nicht nur in teuren Fachmagazinen veröffentlichen. Der Ansatz entspricht einer WHO-Forderung aus dieser Woche: »Es geht jetzt nicht um Publikationen, Patente und Profite. Jetzt geht es darum, den Ausbruch zu stoppen und Leben zu retten«, sagte der WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus am Dienstag in Genf. Klar wird: die Forscher brauchen vor allem Informationen. Diese ändern sich jedoch von Tag zu Tag, ebenso wie die Zahlen der Ansteckungen und Todesfälle weiter täglich steigen.

Für den Virologen Drosten war bei der Berliner Veranstaltung am Mittwochabend relativ sicher: Einen Impfstoff wird es frühestens im Spätherbst geben. Dann wäre aber erst seine Zusammensetzung bekannt, Produktion und Verteilung wären noch nicht organisiert. Ebenfalls nicht sehr optimistisch ist die aktuelle Einschätzung zu einer Therapie: »Sehr wenige Medikamente kommen auch nur ansatzweise in Betracht für eine Behandlung.« Demnach geht es vorerst weiter darum, neue Ansteckungen zu vermeiden oder gegebenenfalls Symptome zu lindern. Zwei positive Tatsachen sind aus Sicht des Charité-Mediziners zu nennen: »Kinder sind bis jetzt kaum betroffen. Außerdem erfolgt die Übertragung nicht über den Stuhlgang.« Anders als das Sars-Virus der Epidemie von 2002/03, der sich in der Lunge vermehrte, tut Sars-CoV-2 das im Rachenraum. Deshalb ist das Virus so leicht übertragbar wie eine Erkältung. Alle bisher bekannten Fakten im Verlauf der Erkrankungswelle bisher lassen für Drosten die Wahrscheinlichkeit schwinden, dass eine Pandemie noch zu vermeiden ist.

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