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Ärzte stellen sich auf Klimakrise ein

An heißen Tagen sterben laut einer Studie zehn Prozent mehr Menschen

  • Von Friederike Meier
  • Lesedauer: 3 Min.
Eine Bank im Schatten – in Zukunft noch wichtiger.
Eine Bank im Schatten – in Zukunft noch wichtiger.

Viel trinken, im Schatten bleiben, Überhitzung vermeiden. Immer, wenn die Temperaturen für mehrere Tage über 30 Grad steigen, sind die Medien voll mit Tipps, wie wir die Hitze gut überstehen können. Solche Hitzewellen werden durch die Klimakrise noch häufiger auftreten. Dass sich die Klimaerhitzung in Zukunft immer stärker auf unsere Gesundheit auswirken wird, dürfte für die meisten Menschen also nichts Neues mehr sein.

»Menschen können nur in einem kleinen Temperaturfenster leben. Bei 49 Grad fangen unsere Zellen an, sich zu zersetzen«, fasste Jürgen Floege, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), das Problem am Donnerstag in Berlin zusammen. So ist wissenschaftlich erwiesen, dass an besonders heißen Tagen mehr Menschen sterben. Besonders betroffen sind Menschen, die schon vorher an Herzschwäche oder Bluthochdruck gelitten haben. Laut einer Studie stieg die Sterbequote an heißen Tagen mit mehr als 30 Grad Höchsttemperatur um etwa zehn Prozent, die Krankenhauseinlieferungen nahmen um fünf Prozent zu. Der Effekt steigerte sich deutlich, wenn es mehrere Hitzetage in Folge gab.

Nun beginnen auch Ärztinnen und Ärzte, sich systematisch damit auseinanderzusetzen. »Die Aufforderung, mehr zu trinken, ist zum Beispiel für Demente schwer umzusetzen«, nennt Floege ein Problem bei der Anpassung. In diesem Bereich gebe es großen Aufklärungsbedarf bei den Ärzten.

Allerdings sei das Problem mit dem Trinken noch relativ einfach zu lösen. Komplizierter wird es beim Blutdruck: »Bei höheren Temperaturen geht der Blutdruck runter«, erklärt Floege. Das sei einerseits ein Problem für Menschen, die ohnehin einen niedrigen Blutdruck haben. Aber auch solche mit erhöhtem Blutdruck, die blutdrucksenkende Mittel nehmen, seien gefährdet, denn an heißen Tagen müssten sie unter Umständen geringere Dosen dieser Medikamente nehmen - natürlich nur in Rücksprache mit ihrem Arzt. »Das wird schnell komplex«, sagt Floege. »Ärzte müssen auch die Prophylaxe mit den einzelnen Patienten diskutieren.«

Für ambulante Arztpraxen sei es neu, etwa im Frühjahr, wenn sich die nächste Hitzewelle bereits abzeichnet, aktiv auf ihre Patientinnen und Patienten zuzugehen. »Die Ärzte können das, aber es braucht ein System«, ergänzt DGIM-Generalsekretär Georg Ertl. Neben höherer Sterblichkeit, mehr Allergien und Problemen für Herz-Kreislauf-Erkrankte haben die Mediziner noch ein weiteres Problem im Blick. So hat eine Studie der Berliner Charité in Zusammenarbeit mit dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung ergeben, dass Wundinfektionen nach Operationen in wärmeren Monaten häufiger auftreten als in kühlen. Die Forscher haben dafür Daten aus 17 Jahren ausgewertet. »Grob gesagt nahm mit jedem Grad, um das die Außentemperatur anstieg, das Risiko für eine postoperative Wundinfektion um ein Prozent zu«, sagt Seven Johannes Sam Aghdassi von der Charité, der an der Studie beteiligt war. Das klinge nicht nach viel, sei aber angesichts der großen Zahl an Operationen durchaus relevant.

Die Forschenden haben bei ihrer Studie auch herausgefunden, dass manche Bakterientypen offenbar stärker auf die Temperatur reagieren als andere. So hätten etwa die Infektionen mit sogenannten gramnegativen Keimen wie dem Darmbakterium E. coli deutlich zugenommen. Eine Arbeitshypothese sei es, dass sich durch die höheren Temperaturen die Zusammensetzung der Mikroorganismen im menschlichen Körper grundlegend ändert. Allerdings handele es sich bei der Studie nur um einen ersten Schritt in die Thematik hinein.

Mehr Forschungsgelder lautet denn auch eine der Forderungen, die DGIM-Chef Floege an die Politik richtet. Außerdem müssten wenigstens ein paar Zimmer in jedem Krankenhaus klimatisiert sein. »Klimawandel und Gesundheit« solle außerdem in den Lehrplan für das Medizinstudium aufgenommen werden. Es brauche zudem mehr Fortbildungen für schon praktizierende Ärzte.

»Das Thema wird bei uns gerade groß«, sagt Floege. »Es ist mehr als nötig, dass wir uns damit auseinandersetzen, das haben wir bisher kaum gemacht«, gibt er zu.

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