Gedenken in Dresden

»Die Zerstörung begann 1933«

Dresdner Gedenken: Menschenkette und Sorge vor »Rollback«

Von Hendrik Lasch

Zum zehnten Mal ist in Dresden am Jahrestag der Bombardierung der Stadt mit einer Menschenkette ein Zeichen gegen Hass und Gewalt gesetzt worden. 75 Jahre nach den Luftangriffen vom 13. Februar 1945 beteiligten sich nach Angaben der Stadt etwa 11.000 Menschen an der Aktion, bei der ein rund vier Kilometer langer Ring um die Innenstadt gebildet wurde. Unter ihnen waren Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer.

Steinmeier hatte zuvor in einer Rede während einer Gedenkveranstaltung im Kulturpalast betont, dass an die großflächige Zerstörung der Stadt und das damit verbundene menschliche Leid nicht erinnert werden könne, ohne über die Ursachen und Vorgeschichte zu sprechen: das NS-Regime und den von ihm entfesselten Krieg. »Die Zerstörung der Kulturstadt Dresden begann bereits 1933«, sagte er und verwies etwa auf die Dresdner Bücherverbrennung, die zu den ersten im NS-Staat gehörte. Zudem erinnerte er an deutsche Luftangriffe etwa auf das polnische Wielun oder das britische Coventry. Zum Gedenken gehöre »beides«: die Erinnerung an »das Leid in den deutschen Städten und an das Leid, das Deutsche anderen zugefügt haben«.

Steinmeier verwahrte sich deutlich gegen rechten Geschichtsrevisionismus, der versucht, das Dresdner Gedenken zur Verharmlosung deutscher Kriegsschuld zu instrumentalisieren. »Die Frage nach alliierter Schuld führt auf Abwege, wenn sie gestellt wird, um deutsche Schuld zu relativieren«, sagte er und fügte in Anspielung auf den von Rechtsextremen verwendeten Begriff vom »Bombenholocaust« hinzu: »Wer heute noch die Toten von Dresden gegen die Toten von Auschwitz aufrechnet (...), dem müssen wir als Demokratinnen und Demokraten die Stirn bieten.«

Der Bundespräsident attestierte der Stadtgesellschaft, Wege zu einem differenzierten Gedenken gefunden zu haben: »Längst« sei nicht nur die Geschichte der Angriffe, sondern auch die von Dresden im Nationalsozialismus in den »Blick der Erinnerung« gerückt. Diese optimistische Sicht teilen aber nicht alle in der Stadt. Verwiesen wird darauf, dass Naziaufmärsche, die einst zu den größten Events der Szene in Europa gehört hatten, aber ab 2010 durch massive Proteste und Blockaden zurückgedrängt wurden, wieder an Zulauf gewinnen; nachdem 2019 bereits wieder rund 1500 Rechtsextreme durch die Innenstadt zogen, wird für diesen Samstag mit einer noch größeren Zahl gerechnet. Ein »Aktionsbündnis 13. Februar« will sich dem entgegenstellen.

Verwiesen wird auch darauf, dass die AfD den Dresdner »Opfermythos« offensiv pflegt – so wie vor ihr die NPD. Kurz vor dem 75. Jahrestag hatte ihr aus Sachsen stammender Bundeschef Tino Chrupalla die Zahl von bis zu 25.000 Menschen, die laut dem Bericht einer Expertenkommission bei den Angriffen ums Leben kamen, als zu niedrig in Frage gestellt. Auf Kranzschleifen griffen AfD-Politiker am 13. Februar auch die aus NS-Zeiten stammende Formel vom »alliierten Bombenterror« auf. Die gezielte Verkürzung des Gedenkens auf deutsche Opfer stößt zwar auf Protest, der als Antwort auf eine AfD-Veranstaltung auf dem Altmarkt sehr lautstark ausfiel. Viele fürchten aber, dass die geschichtspolitische Debatte in Dresden um Jahre zurückgeworfen wird: »Wir erleben einen erinnerungspolitischen Rollback«, sagte Danilo Starosta vom Kulturbüro Sachsen dem »nd«.

Diesen Eindruck beförderte auch die mindestens als unbedarft zu wertende – und ebenfalls von Protest begleitete – Verlesung einiger tausend Namen von Opfern der Luftangriffe, die der Verein »DenkMalFort« initiiert hatte, bei der aber ohne Unterschied Zivilisten, Soldaten, Kriegsgefangene und NS-Verbrecher nebeneinanderstanden. Die Stiftung »Weiterdenken« hatte vorab eindringlich vor einer »Gleichmacherei der Toten« gewarnt – ohne Erfolg. Die »Sächsische Zeitung« zitierte nach der Aktion einen Beteiligten mit dem Satz, auch Mitläufer und Nationalsozialisten seien »Menschen wie wir« gewesen. Zu denen, die sich an der Verlesung der Namen beteiligten, gehörte folgerichtig auch ein stadtbekannter Neonazi.